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Spurensuche in Gostenhof

Vom Straßendorf zum Fabrikstandort - 14.09.2010 18:24 Uhr

Der griechische Gott Hermes mit spielenden Kindern ist in der Hessestraße 4 über dem Portal der ehemaligen Blechspielwarenfabrik Kellermann zu sehen.


Das kleine Straßendorf Gostenhof wurde im Jahre 1280 das erste Mal urkundlich erwähnt und war damals in burggräflichem Besitz. Der heutige Stadtteil gehörte ab 1477 zur Reichsstadt Nürnberg. In den beiden Markgrafenkriegen wurde der Vorort niedergebrannt. Ab 1632 wurde er durch Schanzenanlagen geschützt, als Wallensteins Armee Nürnberg bedrohte, und entging so einer erneuten Zerstörung.

Interessante Häuser entlang des Weges: Auf dieses Jugendstilhaus stößt man in der Knauerstraße an der Ecke zur Hessestraße. © Roland Fengler (3)


Seit 1652 gab es einen vielbeachteten Pferdemarkt, der zahlreiche Besucher in den Ort lockte. 1796 wurde Gostenhof wie das gesamte Nürnberger Landgebiet von den Preußen besetzt und kam 1806 an Bayern. 1818 wurde es selbstständige Gemeinde und 1825 schließlich wieder nach Nürnberg eingemeindet. Gostenhof entwickelte sich zu einem Zentrum der Industrialisierung in Nürnberg vor allem wegen seiner verkehrsgünstigen Lage.

Nach dem Bau der Fürther Straße und der Ludwigseisenbahn folgten der Ludwig-Donau-Main-Kanal und die bayerische Nord-Süd-Bahn. Unsere Spurensuche in Gostenhof beginnt am Plärrer. Der Name geht zurück auf die mittelhochdeutsche Bezeichnung "plarre" und bedeutet "freier Platz". Häufig wurde der Plärrer für Publikumsattraktionen genutzt, so fanden hier regelmäßig Jahrmärkte und Volksbelustigungen aller Art statt. Aus dem einst freien Platz wurde im 19. Jahrhundert ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt für den Nahverkehr.

So soll Nürnbergs größter Hesperidengarten einst ausgesehen haben: der Volkamer Garten, abgebildet in dem vom Verein Geschichte für Alle herausgegebenen Band "Gostenhof - Geschichte eines Stadtteils".


Der Bahnhof der Ludwigseisenbahn wurde 1835 errichtet und ab den 1890er Jahren kreuzten sich am Plärrer mehrere Straßenbahnlinien. Nach Entwürfen des Architekten Walter Brugmann wurde 1932 eine Wartehalle im Stil der klassischen Moderne für die Fahrgäste errichtet. Die geschwungenen Formen der futuristisch anmutenden Stahl-Glas-Konstruktion machten das umgangssprachlich "Plärrer-Automat" genannte Gebäude zum neuen Wahrzeichen des Platzes.

Der Name rührte von dem darin untergebrachten Schnellimbiss mit Speiseautomaten und der auf dem Dach installierten Leuchtreklame her. Ferner gab es dort Münzfernsprecher, einen Rauchwarenverkauf sowie ein Postamt. Der Plärrer-Automat wurde, ebenso wie die Umgebung des Plärrers, im 2. Weltkrieg schwer getroffen. Nach dem Krieg wurde das Gebäude in veränderter Form wieder aufgebaut. Es musste erst Ende der 70er Jahre weichen, als der Plärrer wegen des U-Bahnbaus umgestaltet wurde.

In der Nachkriegszeit entstand am Rande des Platzes das erste Bürohochhaus Bayerns. Das "Hochhaus am Plärrer" wurde im Jahre 1953 fertig gestellt und dominiert bis heute den Platz. Architekt war Wilhelm Schlegtendal, der maßgeblich am Wiederaufbau der Altstadt beteiligt war. Wir biegen nun in die Gostenhofer Hauptstraße ab und gehen in den Innenhof des Gebäudekomplexes mit der Hausnummer 28.

An dieser Stelle befand sich ehemals der größte Nürnberger Hesperidengarten. Der Besitzer, Johann Christoph Volkamer (1644-1720), war es, der den Begriff Hesperidengarten mit seinem Werk "Nürnbergische Hesperides" von 1708 erstmals nördlich der Alpen eingeführt hat. Das Buch mit seinen 117 Bildtafeln ist eine unschätzbare historische Quelle. Der Hesperidengarten blieb bis 1814 in Familienbesitz. Leider erinnert an dieser Stelle heute außer einer Gedenktafel nichts mehr an die große Zeit der Nürnberger Gartenkultur.

Wir gehen die Gostenhofer Hauptstraße noch ein Stück weiter und gelangen zur Hausnummer 56. Das Anwesen überrascht mit einer reich verzierten Fassade. Friedrich Schneider, ein Bauunternehmer und Maler ließ das Gebäude im Stil des Neo-Manierismus, einer Spielart des Historismus, errichten. Das Haus ist ein gutes Beispiel für die damals beliebte Vermischung von Baustilen, die im "Nürnberger Stil" einen regionalen Höhepunkt erlebte. Durch die prächtige Ausgestaltung wollte der Bauherr seinen Reichtum zur Schau stellen, aber natürlich auch seinen Nationalstolz zeigen. So ziert eine Büste von Kaiser Wilhelm II., der 1888 im Baujahr des Gebäudes den Thron bestieg, eine Nische der Fassade.

Vorbei an weiteren Beispielen des Historismus und des Jugendstils erreichen wir die Hessestraße. Dort können wir einen Blick auf ein Relikt aus der Zeit der Industrialisierung werfen. In Gostenhof hatten sich seit Ende des 19. Jahrhunderts einige bekannte Spielzeugfabriken angesiedelt, so Schuco, Einfalt, Bub, Distler, Schumann und Dannhorn. Nürnberg war seinerzeit führend in der Blechspielzeugherstellung. Die Blechspielwarenfabrik Kellermann & Co wurde 1910 in der Austraße gegründet. Bereits 1914 zog die Firma in die Bauerngasse um. Georg Kellermann (1881-1931) machte die Firma nach dem Ersten Weltkrieg zu einem auf dem Weltmarkt erfolgreichen Unternehmen. Vor allem in die USA wurden die Spielsachen exportiert. Die Produktion wurde 1926 in die Hessestraße 5 verlegt. Über dem Haupteingang des ehemaligen Fabrikgebäudes sehen wir eine Kindergestalt mit den Attributen des griechischen Gottes des Verkehrs und des Handels: Hermes. Daneben spielen zwei Kinder mit den Hauptprodukten der Firma. Vor allem Autos und Eisenbahnen wurden hier hergestellt. Nach 1933 fertigte die Firma dem Zeitgeschmack entsprechend Kriegsspielzeug. 1942 wurde die Firma zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert und stellte statt Spielzeug Patronenhülsen her. Nach dem Krieg wurde die Spielzeugproduktion wieder aufgenommen. Doch bereits in den 60er Jahren begann der unaufhaltsame Niedergang der Blechspielzeugindustrie. Die Firma Kellermann war 1979 die letzte Nürnberger Blechspielzeugfabrik, die ihre Tore schließen musste.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich in einem Backsteingebäude das Ökozentrum Gostenhof (Hessestr. 4). 1988 während der Stadtteilerneuerung Gostenhof-Ost gegründet, wurde es zu einer bleibenden Einrichtung. Unter anderem hat hier der Verein "Erstes Nürnberger Ökozentrum", der Gruppen und Initiativen vereint, die sich mit Bausanierungen nach ökologischen Gesichtspunkten beschäftigen, seine Heimat gefunden. Ursprünglich befand sich in dem Gebäude der Verwaltungssitz der Firma "Nürnberger Eisfabrik und Kühlhallen", welche zur Linde AG gehörte.

Der Konzern errichtete bereits 1896 eine Kunsteisfabrik in Nürnberg. 1909 wurde der Betrieb nach Gostenhof verlegt. Auf dem Gelände an der Hessestraße eröffnete 1910 das erste öffent-liche Kühlhaus in Süddeutschland. Bis zu 200 Tonnen Eis konnten täglich erzeugt werden - zur Kühlung von Eisenbahntransporten, Brauerei- und Wirtshauskellern sowie für den häuslichen Eisschrank. Das Kühlhaus wurde 1983 geschlossen, alle Bauten außer dem Verwaltungsgebäude wurden abgerissen.

Lesetipp: "Gostenhof - Geschichte eines Stadtteils", Sandberg-Verlag. Anlässlich des 25-jährigen Vereinsjubiläums von "Geschichte für Alle" finden am Samstag, 9. Oktober, Kurzrundgänge durch Gostenhof statt. Weitere Informationen unter www.geschichte-fuer-alle.de

 

Uwe Werk Nürnberg plus E-Mail

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