Malerisch kalter Böhmerwald

16.1.2016, 08:00 Uhr
„Kanada vor der Haustüre“ — so tief verschneit kann der Böhmerwald sein.

„Kanada vor der Haustüre“ — so tief verschneit kann der Böhmerwald sein. © Claudia Diemar

Nachts faucht der Schneesturm ums Haus. Das Dorf Bischofsreut, direkt an der Grenze zu Böhmen, scheint im wirbelnden Weiß versinken zu wollen. Am Vorabend ist die Gruppe angereist, fünfzehn Menschen aus allen Teilen Deutschlands. Alle haben ein Ziel: Die Begegnung mit Land und Leuten beim Wintersport in einer Gegend, die „Kanada vor der Haustüre“ genannt wird, weil sie vor allem im Niemandsland der einstigen Grenze zuweilen von fast berauschender wie beängstigender Einsamkeit ist.

„Reisen in der Gruppe heißt mit vielen Augen sehen“, meint einer der Teilnehmer bei der Vorstellungsrunde. Jeder erzählt von einer besonders schönen Reise, die er bislang erleben durfte. Dann serviert die Wirtin des Landgasthofs „Zum Matthiasl“ Hirschbraten mit Knödeln und alle kauen in schweigender Eintracht.

Das Niemandsland erfahren

„Begegnung mit Böhmen“ nennt sich der kleine Reiseveranstalter, der die Teilnehmer zusammengebracht hat. Leiter Erwin Aschenbrenner aus Regensburg, ein promovierter Philosoph, hat unmittelbar nach dem Fall des Eisernen Vorhangs damit begonnen, das einstige Niemandsland zwischen Bayern und Böhmen erfahrbar zu machen — per Rad, per Kanu oder eben auf Langlaufskiern.

Damit jeder sein persönliches Loipenglück finden kann, teilt man sich in Kleingruppen auf. Die Anfänger üben mit Helmut. Sportlich Ambitionierte sind mit Erwin unterwegs. Fortgeschrittene, die es dennoch gemütlich angehen wollen, ziehen mit Ludwig los. Und als Mann für alle Fälle gibt es noch Egon, der in Böhmisch-Röhren, dem nächsten Dorf hinter der Grenze, geboren wurde.

Egon Urmann bezeichnet sich selbst als „Überbleibsel der Böhmerwald-Urbevölkerung“. Er ist pensioniert, aber schwer beschäftigt, hat Bienenvölker, eine Forellenzucht und ist als Goldsucher sowie als Nationalpark-Ranger auf tschechischer Seite tätig. Urmann ist einer, der den lieben langen Tag anschaulich erzählen kann, vom Leben im Böhmerwald einst und jetzt, auf beiden Seiten der Grenze.

Er hat mehr als zwanzig Jahre in Bayern gearbeitet. Heute lebt er in Lenora auf tschechischer Seite, hat zwei Pässe, fühlt sich als Europäer. Verständigung ist das Generalthema seines Lebens. Nichts ist ihm wichtiger als die Überwindung einstiger Vorbehalte zwischen den Völkern und Volksgruppen.

Die erste Skitour mit Egon führt auf dem „Goldenen Steig“ nach Ceské Zleby, auf Deutsch: Böhmisch-Röhren. Der Goldene Steig ist kein Märchenbegriff, sondern der Name eines schon im Mittelalter bedeutenden Handelsweges zwischen Passau und Prachatitz, auf dem vor allem Salz transportiert wurde.

Der einstige Säumerpfad ist auch heute nicht mehr als ein Waldweg zwischen uralten Fichten und jungen Laubbäumen, die unverdrossen aufschießen, wo die Nadelbaumriesen altersbedingt oder wegen Sturmschäden gefallen sind. Wir sind im Nationalpark Bayerischer Wald-Böhmerwald, in jenem Teil, wo kein Eingriff in die Natur mehr erlaubt ist.

Nach der Skitour versucht Egon, ein wenig Ordnung in das begriffliche Durcheinander zu bringen. Der Böhmerwald, auf Tschechisch Šumava genannt, was „die Rauschende“ oder „die Schäumende“ bedeutet, ist eine etwa 120 km lange und bis zu 50 km breite Gebirgskette im deutsch-österreichisch-tschechischen Grenzgebiet. Obwohl es sich also geologisch um ein einziges Gebirge handelt, spricht man hüben und drüben mal vom Böhmerwald, vom Mühlviertel oder Bayerischen Wald, zuweilen auch kurz Bayerwald genannt.

Zu beiden Seiten der Grenze hatte man seit eh und je mit dem rauen Klima zu kämpfen, das im Winter den Schnee unter den Schritten „schreien“ lässt. Aber die Grenzen sind seit einer Generation wieder offen, auch wenn man immer einen Ausweis dabei haben sollte, weil man dann und wann doch auf einen Kontrollposten treffen könnte.

Auch in der Loipe gilt das, die Länder übergreifend mäandert wie die noch junge Moldau, deren Arm hier „kalte Moldau“ heißt. Man muss sich auskennen, um in diesem Landstrich seinen Weg zu finden. Selbst auf der „Bayerwaldloipe“ ist nur ein Teil gespurt. Doch Erwin und Ludwig kennen die Gegend auch im weißen Winterpelz gut genug, um die Gruppe durch den kniehohen Neuschnee am Grenzkamm entlang Richtung Dreiländereck zu führen.

Skelette statt Fichten

„Wie ist es draußen kalt! Ganz steif gefroren steht der Wald“, kommentiert der Dichter Georg Britting unseren Weg zum Dreisesselberg. Statt stolzer Fichten besteht dieser Wald aus Skeletten, die aus dem Nebelgrau ragen. Sturm Kyrill wütete hier vor Jahren, dann hat der Borkenkäfer den Rest erledigt.

Wind und Schnee haben die abgestorbenen Stämme in frostig-bizarre Skulpturen verwandelt, die Bärte und Schöpfe aus festgebackenen Kristallen tragen. Dann bricht die Sonne durch. Der Schnee glitzert und gleißt. Er ist kalt genug, dass die Skier wie von selbst gleiten.

Die ganze Welt besteht plötzlich nur noch aus strahlendem Weiß und kaltschönem Blau. Man könnte meinen, jenseits des Polarkreises zu sein, weit weg im Norden oder Osten, an einem fernen frostigen Ende der Welt. Diese überwältigende Mischung aus Kälte und Licht erleben zu dürfen, macht sprachlos glücklich. Am Abend schneit es wieder.

Informationen:

Anreise: Mit der Bahn bis Passau, anschließend per Shuttlebus weiter nach Bischofsreut. Für Anreisen mit PKW (ca. 250 km ab Nürnberg) sind neben Winterreifen auch Schneeketten zu empfehlen.

Reisezeit: Die Gegend ist sehr schneesicher. Gute Loipenverhältnisse finden sich in aller Regel bis Ende März.

Auskünfte: „Begegnung mit Böhmen“ www.boehmen-reisen.de

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