Nach der Flut allein in Venedig

14.12.2019, 07:02 Uhr
Wo sonst fast kein Durchkommen mehr ist, bleibt zur Zeit viel Raum zum Zuhören und Bewundern.

© Sabine Göb Wo sonst fast kein Durchkommen mehr ist, bleibt zur Zeit viel Raum zum Zuhören und Bewundern.

Ja, kommen Sie nur, wir haben aufgeräumt, Venedig ist schon wieder zurück im normalen Modus" – fast flehentlich klingt die Nachricht vom Hotel am Canal Grande. Denn nachdem die Hochwassertouristen abgereist sind, ihre Selfies auf dem Markusplatz geschossen haben, herrscht Flaute.

In den trüben Tagen im Dezember zeigt die Serenissima sowieso schon das, was man als morbiden Charme bezeichnen kann. Doch in diesem Jahr, nach dem das Rekordhochwasser mit 1,87 Meter Höchststand wieder abgelaufen ist, zeigt sie ihre Wunden und die schlimmen Verletzungen. Abgerissene Planken, Marmorplatten, die von den Hauswänden weggespült worden sind. Das schutzlose Mauerwerk ist dem Wasser der Kanäle preisgeben.

Die Venezianer haben schon tatkräftig aufgeräumt, Arbeitsschiffe mit Baggern und schwerem Gerät säumen die Kanäle. Sie schaffen Baumaterial heran, schlagen neue Pfähle ins Wasser der Bootsanleger, wo die alten ins Meer gerissen wurden.

Und es ist, als atme die alte Dame gerade einmal kräftig auf, denn endlich drücken mal nicht Tausende von Besuchern in den engen Gassen der Stadt die Luft ab.

Schlangen vor dem Dogenpalast? Fehlanzeige, drei Japaner lassen sich in Ruhe das Ticketsystem erläutern und gehen dann auf den Rundgang. Ungestört posieren sie später auf der Goldenen Treppe, keiner drückt von hinten. Eine Gästeführerin erzählt ihren Kunden die Geschichte des Dogen Faliero, der wegen Verschwörung hingerichtet und dessen Bild aus dem Gemälde im Palast getilgt wurde. Fast hört man eine Nadel fallen in dem prachtvoll ausgemalten Ratssaal.

Im Markusdom sind auf dem Boden noch feuchte Spuren zu sehen, draußen stehen die Hochwasserstege, das Acqua Alta kann ja bis März wieder kommen.

Die Gondoliere warten dringend auf Kundschaft

Eine Greisin schlurft langsam zum Beichtstuhl, im Seitenaltar zündet ein Mann eine Kerze an. Die Gondeln, sonst vor der malerischen Kulisse ständig auf Tour, schaukeln träge im Dunst. Die Gondolieri flachsen herum und warten, ob sich nicht doch noch irgendwo ein verliebtes Paar findet, das unbedingt die 80 Euro für eine gute halbe Stunde investieren möchte.

Im Caffè Florian sitzen versprengte Japaner an zwei Tischen und genießen eine unverstellte Aussicht auf den leeren, weiten Platz bei Zehn-Euro-Cappuccino. Etliche der kleinen Läden in den Arkaden sind geschlossen, hier hat das Wasser gewütet. Auch in den Nebengassen laufen noch Pumpen und Trockner.

Venedig Ende November

Venedig Ende November © Harald Sippel

An der Haltestelle für den Wasserbus nach Murano seufzt die Kontrolleurin: "Mein Gott, zum Glück hat es aufgehört zu regnen, da haben wir jetzt wirklich die Nase voll davon!" Sie hat genug Zeit für einen kleinen Plausch, es fahren eh fast nur Einheimische mit. Auf der Insel verlaufen sich die wenigen Gäste, in den Glasmanufakturen wird konzentriert gearbeitet, keiner stört.

"So leer habe ich das noch nie erlebt", raunt eine Besucherin ihrem Mann zu. Der verdreht nur leicht die Augen, denn zielstrebig stürzt sie sich in einen der Läden mit Kunst aus Muranoglas. Schließlich hat sie den mitsamt zwei Verkäuferinnen gerade ganz für sich alleine.

Mehr Informationen:
Vènezia Unica
www.veneziaunica.it/de
Anreise:
Zug: Per Eurocity mehrmals täglich, Umstieg in München, circa acht Stunden ab Nürnberg. Mit dem Auto ab Nürnberg über München und den Brenner rund 700 Kilometer in acht Stunden. Achtung: In der historischen Innenstadt sind keine Fahrzeuge erlaubt, Parken ist teuer.
Günstig wohnen:
Residenza de L’Osmarin
www.residenzadelosmarin.com
Luxuriös wohnen:
Grand Hotel Dei Dogi
www.dahotels.com/grand-hotel-dei-dogi-venezia/de
Beste Reisezeit:
Ganzjährig möglich, Saison ist von Frühjahr bis Herbst.

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