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"Bücherwurm" leistet, was das Internet alles nicht kann

Manuela Rüger kämpft erfolgreich um das Überleben ihres Buchladens in Zabo - 23.08.2012 16:22 Uhr

Zeigt den Internetshops die gelbe Karte: Manuela Rüger war begeistert von der Solidarität in Zabo, als sie verkündete, dass sie vielleicht schließen müsste. Eine Kundin gestaltete die Werbekarte für sie, ein anderer verteilte sie. © Roland Fengler


Am 6. September hat Manuela Rüger allen Grund zum Feiern. Denn dann gibt es nicht nur den „Bücherwurm“, ihre kleine Buchhandlung in Zabo, seit 15 Jahren. Es wird sie vor allem auch weiterhin geben.

In Zeiten, in denen den Einzelhändlern das Wasser bis zum Halse steht und Internethandelsriesen sich immer mehr zum Anbieter für alle Wünsche vergrößern, ist das keine Selbstverständlichkeit. Manuela Rüger kann davon ein Klagelied singen. „Schon im letzten Jahr waren die Zahlen bedrohlich rückläufig, aber damals habe ich es für eine kurze Änderung im Kaufverhalten gehalten“, erzählt die Frau mit dem festen Blick hinter der dezenten Brille. Tatsächlich aber verschäfte sich die Lage für die Chefin und ihre beiden Mitarbeiterinnen – und Rüger wurde im ersten Quartal dieses Jahres zahlungsunfähig. „Es fehlten 12000 Euro in der Kasse“, berichtet sie und guckt auf ihre Hände. Um acht Prozent knickte der Umsatz des kleinen Buchladens ein, plötzlich. So, „als wären seit dem Frühjahr alle online“.

„Das war für mich richtig bedrückend, weil ich mir nur selbst helfen konnte.“ Besonders belastend: Sie als Alleinverdienerin musste für ihre Familie und ihre jungen Mitarbeiterinnen sorgen. „Auf der Bank bekommt man ja das Geld, das man braucht, nicht gleich. Und die Händler liefern die Bestellungen nicht, wenn du nicht flüssig bist“, erinnert sich die 44-Jährige. „Das war eine Zeit der großen Traurigkeit“, sagt sie. „Ich hatte so viel investiert. Nicht nur finanziell, sondern vor allem Herzblut.“ Bis Ende des Jahres gab sie sich eine Frist.

Schon damals bei Einführung des Euro habe sie einen Rückgang gespürt, erinnert sich Rüger. Über all die Jahre hinweg schwankte die Füllmenge der Kasse. Mal mehr, mal weniger. Bislang konnte sie die Schulden privat ausgleichen, immer wieder ein Loch stopfen und sich so über Wasser halten. Bis die letzten Seifenblasen Ende April platzten. Ursache, meint Rüger, seien „die Gedankenlosigkeit, die Bequemlichkeit der Menschen, die nach einem langen Tag in der Arbeit einfach alles per Internet kaufen – egal, ob Laptop, Buch oder Waschmaschine.“ Auch in Zabo verändere sich das Einkaufsverhalten der Menschen sich immer mehr. „Durch den Kauf von Büchern über Online-Shops sowie das Umsteigen auf E-Books ist ein enormer Rückgang zu verzeichnen – nicht nur bei mir.“

Weiße Fahnen hing sie auf, an einem frühsommerlichen Tag Mitte Juni, dort in ihrem Schaufenster in der Zerzabelshofer Hauptstraße 8. Doch die dienten ihr nicht als Zeichen der Kapitulation, sondern viel mehr als Kampfansage. Als Ausrufezeichen hinter dem Willen, zu überleben. Der Typ für‘s Aufgeben ist sie nicht, „dafür gehe ich viel zu gerne in die Offensive“, sagt sie lachend, „und rede zu gerne mit den Menschen.“

Beim Bücherwurm ist Besserung in Sicht.


Sie ging kurz in Deckung und nahm Anlauf: Das Schaufenster wurde umdekoriert, an der Scheibe prangte eine Liste, die aufzeigte, was der Online-Handel nicht, der Bücherwurm aber schon leisten kann, und verwehrte drei Wochen lang den Blick auf die bunten Bücherdeckel und das kuschelige Innenleben des Lädchens. Ein paar radelnde Kunden, erzählt Rüger, „hätte es fast vom Rad gehauen, als sie die Plakate mit dem Verweis auf meine Situation gesehen haben.“ Andere hätten ihr Zweirad vorm Einkauf nicht einmal mehr abgesperrt oder hätten für die ganze Familie gleich alle Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke gekauft.

Rüger schrieb Info-Broschüren, rief auf zur „Unschließbar“-Tour und bewies, dass sie mindestens genauso gut Bücher verkaufen konnte wie Amazon und Co – und was dem Viertel fehlen wird, wenn der Laden schließen muss. Trends verbummelt zu haben, kann man Rüger nicht vorwerfen: Seit über 13 Jahren können Rügers Kunden auch über ihre Internetseite Bücher bestellen und sich nach Hause oder in den Laden liefern lassen, falls der Paketbote genau dann kommt, wenn Berufstätige im Büro sitzen. „Mein Webshop wurde oft übersehen, dieses Angebot hätte ich stärker kommunizieren sollen“, meint die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin.

Wer möchte, kann sich die Bestellung abends auch nach Hause bringen lassen. Die komme übrigens oft schneller als die aus dem Netz. Seit Jahren bietet sie Literaturkreise an, geht zur Lese- und Sprachförderung in Schulen und Kindergärten, gibt Mantra-Kurse oder öffnet den Laden abends, damit Leseratten dort in Ruhe schmökern oder gar Geburtstag feiern können.

Die Unschließbar-Tour zeigt erste Erfolge, einen Teil der Schulden hat sie bereits getilgt, die Frist wurde verlängert. „Die Leute wollen nicht, dass die kleinen Läden dicht machen und ihr Stadtteil ausstirbt. Sie wollen aufgerüttelt werden.“ Eine Grafikerin entwarf ihr kostenlos eine Karte, die die ortsansässige Händlerin bewirbt, ein anderer Kunde brachte den Bücherwurm zu Facebook und ein Dritter tüftelt aus reiner Nächstenliebe eine Bestell-App, über die jeder schnell ab Herbst eine Bestellung bei Manuela Rüger aufgeben kann. Doch als ihr stärkstes Pfund sieht sie etwas anderes: „Ich kenne meine Kunden. Wenn Frau Meier Frau Müller ein Buch schenken will, dann weiß ich eben, was Frau Müller gerne liest. Und im Gegensatz zu Amazon haben wir auch ein Gesicht.“
 

Andrea Munkert

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