Mann oder Maid - wen liebte Dürer?

24.11.2011, 08:00 Uhr
Albrecht Dürer: Über die sexuellen Neigungen des Malers wird schon seit
 langem gemutmaßt.

Albrecht Dürer: Über die sexuellen Neigungen des Malers wird schon seit langem gemutmaßt.

Mit ebendieser Schamlosigkeit taten sich Generationen von Kunstgeschichtlern und -erziehern schwer, sodass das berühmte Aktbild nur beschnitten publiziert wurde. Dürer durfte halt keinen Unterleib haben. Kein Wunder, dass im Gegenzug Spekulationen ins Kraut schossen. Die Ehe mit Agnes war kinderlos, hingegen trieb sich Albrecht gerne mit Willibald Pirckheimer herum. War Dürer etwa schwul? Oder bisexuell?

„Das hätten die wohl so gern!“, hören wir den humanistischen Bildungsbürger wettern. Mit „die“ sind die Leute von „Queer Culture“ gemeint, eine Vereinigung homo-, bi- und sonstig sexueller Menschen, die Kunst und Kultur auf verdächtige Unterströmungen abklopfen. Auf ihre Einladung ins Bildungszentrum stellte kein Geringerer als der Dürer-Experte Matthias Mende Mutmaßungen über Dürers Liebesleben an. Und was der zutage förderte, lässt den humanistischen Bildungsbürger erblassen.

Willibald Pirckheimer war stadtbekannter Humanist und Hurenbock. Seine Bibliothek barst schier vor Gelehrsamkeit – und vor manch anderem, denn von Catull bis Petronius Arbiter bietet die antike Literatur manch ergötzliches Pergament. Wie zum Beispiel von dem sonst unverdächtigen Lukian, einem Leitstern der Humanisten. Der beschreibt in einem Traktat die Künstlerwallfahrt dreier Gelehrter zur Venus von Knidos. Während zwei Gelehrte vor der Statue in Anbetung verharren, kann der dritte mit ihr nichts Rechtes anfangen – bis er die Venus von hinten begutachtet. Jetzt ist die Göttlichkeit in ihrer reizendsten Gestalt offenbart! Was dann zu Spekulationen über die Vorzüge der Knabenliebe (Mann braucht eben Mann) gegenüber Frauenliebe (dient nur der Arterhaltung) führt. Diese Schrift, schamhaft von Lukian-Herausgebern unterdrückt, befand sich nachweislich in Pirckheimers Besitz. Und vielleicht hat er Dürer daraus vorgelesen. Weiß man es?

Na gut, halten wir uns an Dürer. Von dem gibt es eine Zeichnung, „Tod des Orpheus“. Garstige Weiber knüppeln den Sänger zu Tode, weil der nach dem Verlust seiner Eurydike allen Frauen entsagte. Weshalb Orpheus als Begründer der Knabenliebe gilt. Dürer weist durch eine Inschrift explizit darauf hin: „Orpheus, der erst Puseran.“ Wenn man die Wortschöpfung Puseran von Puer – lateinisch: Junge – ableitet, soll das heißen: „Orpheus, der erste Bubenzupfer“.

Rätselhaft ist der Holzschnitt „Männerbad“, der sechs Männer im Planschbecken auf der Insel Schütt zeigt. Es passiert nicht viel auf diesem Bild, die Männer hocken da und scheinen zu warten. Worauf? Auf hübsche Maiden? Oder dass einer von ihnen den Anfang macht? Wer genau hinsieht, entdeckt einen Mann, der hinter einem Brunnenstock steht. Und zwar so platziert, dass der Wasserhahn sich auf Höhe seiner Männlichkeit befindet. Zwei Männer sehen sich an, einer hält ein Blümchen in der Hand, der andere einen Striegel. Ein Vierter schüttet sich ein Bier rein und hält die Linke ans Gemächt, während ein Passant ganz ungeniert über den Zaun spitzt.

Es kommt noch schlimmer: Von Dürer gibt es aus dem Jahr 1493 die Zeichnung eines jungen hübschen Delinquenten, der sich vor seinem Henker beugt. Dessen Schamkapsel ragt unübersehbar ins Bild hinein. Offenbar eine Anspielung auf das „Jus ultimae noctis“, das Recht des Henkers auf des Delinquenten letzte Nacht.

Es kommt noch dicker: Von Dürers Hand gibt es die Silberstiftzeichnung von Willibald Pirckheimer (um 1500). Dazu eine Inschrift auf Griechisch. Übersetzt heißt dies: „Mit dem aufrechten Glied des Mannes in den After des anderen.“ Naja, vielleicht hat da ein hinterhältiger Humanist die Schrift nachträglich eingefügt? Leider nein, neueste Untersuchungen ergaben, dass Schrift und Zeichnung vom selben Silberstift stammen.

Hilfe! Ist das alles auf Meister Albrechts Mist gewachsen? Oder hat ihn der Willibald verführt? Albrecht und Willie schrieben sich recht offenherzige Briefe. So fürchtet Dürer sich vor der Syphilis in Venedig, deren Übertragung durch sexuellen Kontakt schon damals erkannt war – was bedeutet, dass Dürer in Venedig sexuelle Kontakte pflegte. Von „hübschen Männern“, schreibt er an Pirckheimer, offenbar um diesen mit Neid zu füllen. Der lässt sich nicht lumpen, und schreibt zurück, dass er es bald mit des Malers Agnes zu treiben gedenke. Was antwortet Dürer? „Du darfst Agnes nicht klistieren, es sei denn, sie käme dabei zu Tode.“

Das wirft ein grelles Schlaglicht auf die eheliche Harmonie im Hause Dürer. Aber reicht das schon, um Dürer als bisexuell einzustufen? Selbst Matthias Mende sieht in all diesen Zeugnissen nur ein „sexuelles Grundrauschen“. Dass Dürer und Pirckheimer sich in Bordellen die Zeit vertrieben, gilt als ausgemachte Sache. Pirckheimer als Witwer durfte das, und Meister Albrecht war zu prominent, als das man ihn dafür büßen ließe. Mende hält es auch nicht für ausgeschlossen, dass Albrecht und Willie mitunter „diverse Dinge ausprobierten, um zu sehen, wie die alten Römer und Griechen das in der Antike praktiziert haben.“ Also Geschichte zum Anfassen.

Natürlich ist das alles Spekulation. Inzwischen stürzt sich auch die seriöse Dürerforschung in zwielichtige Zonen, gibt es Studien zur Nürnberger Homoszene um 1500, zur justitiellen Ahndung sodomitischen Treibens, zur geduldeten Buhlerei und Doppelmoral.

Weitere Erkenntnisse erhofft sich Matthias Mende von Katalogtexten zur Ausstellung 2012. Dann werden wir hoffentlich erfahren, was wir schon immer gerne über Dürer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.
 

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