Was passierte im „Doggerwerk“?

6.2.2003, 00:00 Uhr
Die Alliierten waren an den NS-Waffenprojekten wie der V 2-Rakete (hier in Cuxhaven) höchst interessiert.

Die Alliierten waren an den NS-Waffenprojekten wie der V 2-Rakete (hier in Cuxhaven) höchst interessiert. © dpa

Das behauptet der englische Bestseller-Autor Nick Cook, der ehemals als Herausgeber der angesehenen Fachzeitschrift „Jane’s Weekly“ tätig war und sich dort den Ruf eines nüchternen Rechercheurs erworben hatte. Überbringer des brisanten Geheimmaterials soll nach diesen Enthüllungen der Waffen-SS-Generalleutnant Hans Kammler gewesen sein, der nach dem Krieg spurlos verschwunden ist.

Geheime Bunkeranlagen

Kammler hatte als Leiter der SS-Amtsgruppe C (Bauwesen) und allein verantwortlicher Chef des Raketen- und Düsenjäger-Programmes der Nazis fast unbeschränkte Machtbefugnisse. Er war zuständig für den Bau der geheimsten Bunkeranlagen im Reich und konnte dafür 175 000 KZ-Häftlinge zu Sklavenarbeiten einsetzen.

In diesen unterirdischen Anlagen wurden unter Kammlers Oberbefehl Raketenwaffen entwickelt und Messerschmitt-Düsenjäger produziert. Zu den Geheimbunkern des SS-Generals gehörte auch das aus Österreich verlagerte Stollenprojekt mit dem Decknamen „Doggerwerk“ in der Houbirg bei Happurg (Kreis Nürnberger Land), um das sich heute noch hartnäckig Gerüchte halten. Geheimwaffen sollen dort entwickelt worden sein, zu beweisen war das allerdings bisher nicht.

Ob Kammler persönlich zur Inspektion im „Doggerwerk“ war — einem Projekt der wichtigen Kategorie „B 7“, das nach amerikanischen Geheimdienstakten zur „Sonderinspektion V“ gehörte —, steht nicht zweifelsfrei fest. Sicher ist aber, dass das „Doggerwerk“ eine der größten unterirdischen Anlagen Kammlers werden sollte. Nach dem ersten Bauplan hatte der SS-General geplant, fast den ganzen Berg bis hin nach Pommelsbrunn aushöhlen zu lassen. Das wären 200 000 Quadratmeter Fläche gewesen.

Spekulationen über das „Doggerwerk“ kursieren immer noch. Die Rede war von einer kompletten Me 109, die in den Stollen gesehen worden sein soll. Dann hieß es, bei Einstürzen seien einige der 10 000 KZ-Häftlinge verschüttet worden. Statt der Leichen fand man im Herbst 2002 im Sand eines Stollens Bohrlöcher, fünf bis sechs Bohrgestänge und das Teilstück einer Schiene.

Aus einem neuen Buch über das „Doggerwerk“, das die Medienwerkstatt Nürnberg noch in diesem Monat herausgeben will, geht hervor, dass das Stollenbauwerk zuletzt für die Produktion von BMW-Flugzeugmotoren gedacht war. Aufgenommen wurde die Fertigung offenbar jedoch nicht mehr. Dafür waren die Nazis dabei, auf bescheidenen 1000 Quadratmetern elektronische Kleinteile zu produzieren.

Kammler wird von dem Briten Cook als „Hüter der exotischsten Waffen der Nazis“ bezeichnet. Bekannt ist, dass der SS-General im Jonastal (Deckname „Olga“) und im Riesengebirge (Deckname „Riese“) Nuklearforschung betreiben ließ. In Nordhausen (Deckname „Mittelberg“) war die größte unterirdische V1- und V2-Fabrik. Im österreichischen Ebensee (Deckname „Zement“) soll eine Forschungsanlage für künftige Interkontinentalraketen des Typs A 9/A 10 bestanden haben.

Einige der Waffenprojekte, die an Science-Fiction denken lassen, hat Kammler nach den Recherchen Cooks in einer SS-Denkfabrik in Pilsen entwickeln lassen. Daneben nennt der britische Autor auch eine weitflächige Minenanlage unweit der tschechischen Grenze als Standort höchst geheimer Waffenentwicklungen. Dazu sollen Nuklearantriebe, Schwerkraft-Experimente und Anti-Aircraft-Laser gehört haben.

Cook hat ehemalige polnische KZ-Häftlinge interviewt, die über das geheimnisumwitterte Projekt „Glocke“ berichteten. Die „Glocke“ sei raumhoch gewesen, habe aus einem schweren Metall bestanden und sei von einem dicken Bleimantel geschützt worden. Während der Tests habe die Flüssigkeit in der „Glocke“ geglüht. Nach den Versuchen seien Wissenschaftler und Arbeiter erkrankt. Cook: „Sie litten unter Schlaflosigkeit, Gedächtnisverlust und Muskelspasmien.“

Was immer hinter diesen geheimen Experimenten steckte, Kammler hat sie wohl als Ticket für seine persönliche Sicherheit bei Kriegsende benutzt. Gegenüber Rüstungsminister Albert Speer soll Kammler einmal gesagt haben, er werde den Amerikanern Jets, Raketen und „andere Entwicklungen“ anbieten.

Geschenk für die Amerikaner

Cook glaubt Anhaltspunkte dafür zu haben, dass Kammler sechs Tage, bevor die Russen das Gebiet besetzten, Geheimmaterial aus der Anlage an der tschechischen Grenze an die Amerikaner übergeben hat. Das Testgerät „Glocke“ soll von einem SS-Team aus dem Stollen entfernt worden sein. Der Brite spricht von 60 Wissenschaftlern, die dabei getötet worden sein sollen, um das Geheimnis der „Superwaffe“ zu wahren.

Kammler habe als SS-Mann mit fast unbeschränkten Machtbefugnissen die Mittel gehabt, „Tonnen von Dokumenten und Ausrüstung zu bewegen“. Das geheime Material aus den unterirdischen Anlagen der Nazis sei per U-Boot oder einem schweren Transportflugzeug der Amerikaner oder ihrer Verbündeten in die USA gebracht worden, nimmt Cook an.

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