Zahl der Toten auf 94 gestiegen

24.7.2011, 09:45 Uhr

Für beide Taten soll ein 32 Jahre alter Norweger verantwortlich sein, der der rechten Szene zugeordnet wird. Offen ist, ob er allein handelte oder Komplizen hatte. Der Doppelanschlag löste weltweit Entsetzen aus. Ministerpräsident Jens Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei hatten der oder die Täter zunächst die Explosion im Osloer Zentrum herbeigeführt. Wenig später eröffnete ein als Polizist verkleideter Mann auf der Insel Utøya unweit der Hauptstadt das Feuer auf die wehrlosen Teilnehmer eines Sommercamps. Er war laut Augenzeugen zuvor am Anschlagsort in Oslo gesehen worden. Die Polizei schloss nicht aus, dass sich die Zahl der Toten weiter erhöhen könnte. Im See um die Insel Utøya werde nach weiteren Opfern gesucht.

Augenzeugen berichten von zweitem Täter

Die Polizei ging zunächst von einem Einzeltäter aus, schließt aber inzwischen nicht mehr aus, dass er einen Komplizen hatte. «Wir haben mehrere übereinstimmende Zeugenaussagen, wonach es einen zweiten Täter geben soll. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, das aufzuklären», sagte Kriposprecher Einar Aas der Online-Ausgabe der Zeitung «Verdens Gang».

Augenzeugenberichten zufolge wurde mehr als 45 Minuten auf die rund 600 Jugendlichen in dem Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF geschossen. Überlebende berichteten im TV-Sender NRK von Panik und Chaos. Viele der Teenager im Alter von 14 bis 17 Jahren sprangen aus Todesangst ins Wasser, um schwimmend von der Insel zu entkommen. Auch auf sie sei geschossen worden.

«Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich», berichtete die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie in der Online-Ausgabe der Zeitung «Dagbladet». Die junge Frau hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt.

Der sozialdemokratische Jugendfunktionär Adrian Pracon berichtete, ein Täter habe mehrfach geschrien: «Ich bringe auch alle um. Alle müssen sterben.» Er selbst habe nur überlebt, weil er sich tot gestellt hatte, berichtete der Norweger in der Zeitung «Verdens Gang»: «Er zielte mit der Pistole auf mich, aber er hat nicht abgedrückt.»

Christlich-fundamentalistische Motive?

Der noch am Freitag festgenommene 32-Jährige wird der rechten Szene zugeordnet und soll laut Polizei christlich-fundamentalistisch orientiert sein. Zwei Schusswaffen, darunter eine Maschinenpistole, wurden sichergestellt.

Seit dem Frühjahr soll der Mann sechs Tonnen Kunstdünger gekauft haben, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Man habe keinen Verdacht geschöpft, weil er einen Agrarhandel «Geofarm» für Gemüse und Früchte betrieb, sagte die Sprecherin des Großhändlers Felleskjøbet, Oddny Estenstad, am Samstag dem TV-Sender NRK.

Militär sichert Hautpstadt

Die Osloer Innenstadt, wo die Explosion große Zerstörungen angerichtet hat, wurde am Samstag vom Militär gesichert. Die Einheiten sollten vor allem die Ermittlungsarbeit der Polizei im Regierungsviertel absichern. «Natürlich wirkt das sehr massiv mit dem Militär», erklärte Oslos Polizeichef Øystein Mæland im TV-Sender NRK. «Aber es ist eine normale Hilfeleistung für uns.» Über die Gefahr weiterer Anschläge sagte er: «Oslo ist heute wieder eine sichere Stadt.»

Die norwegische Flagge wehte an allen öffentlichen Gebäuden auf halbmast. In vielen Gesichtern stand das Entsetzen über das Ausmaß der Zerstörung, berichtete ein Reporter der Nachrichtenagentur dpa. Teile des Zentrums seien am Morgen fast menschenleer gewesen.

«Das ist heute wie in einer Geisterstadt», sagte auch der 17-jährige Norweger Harald Jakhelln. Oslos Bürgermeister Fabian Stang der dpa: «Es ist schrecklich, dass wir jetzt auch eine solche Situation haben. Ich denke dabei auch an die Menschen in London, New York und anderen Orten, wo solches geschehen ist.

Täter will aussagen

Über den genauen Ablauf des schrecklichen Geschehens im Jugendlager auf Utøya, die möglichen Hintergründe und die bisherigen Aussagen des mutmaßlichen Täters wollte die Polizei am Samstag keine Einzelheiten bekanntgeben. Der 32-Jährige habe bisher nicht im Blickfeld der Polizei gestanden. Zwar sei er bereit auszusagen, man stehe aber vor «äußerst umfassenden und langfristigen Ermittlungen».

Norwegens Regierung will einem möglichen rechtsextremistischen Hintergrund für die zwei Anschläge auf den Grund gehen. Außenminister Jonas Gahr Støre sagte bei einer Pressekonferenz in Oslo: «Das ist ein Phänomen, das wir sehr ernst nehmen müssen.

Nach der Bombenexplosion im Regierungsviertel war der mutmaßliche Attentäter nach Überzeugung der Polizei mit dem Auto zur 40 Kilometer entfernten Insel Utøya gefahren. Unklar war zunächst, wie der Mann in dem Feriencamp bis zur seiner Festnahme so viele Menschen umbringen konnte.

"Nationale Tragödie"

Regierungschef Stoltenberg sprach von einer «nationalen Tragödie» und sagte: «Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir in unserem Land keine schlimmere Katastrophe erlebt.» Über seine persönlichen Erinnerungen an Sommerlager auf der Insel sagte Stoltenberg: «Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt.» Norwegens König Harald V. forderte seine Landsleute auf, «in dieser schweren Situation zusammenzustehen und einander zu stützen».

Die internationale Gemeinschaft zeigte sich erschüttert von den Anschlägen. Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Barack Obama verurteilten die Tat ebenso wie die Europäische Union. Bundespräsident Christian Wulff übermittelte König Harald V. seine Anteilnahme. Für die Ermordung friedlicher Bürger gebe es keine Rechtfertigung, schrieb Kremlchef Dmitri Medwedew.

US-Präsident Obama rief zu einer stärkeren Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terror auf. Der britische Premierminister David Cameron bot Norwegen Hilfe an, unter anderem durch eine enge Zusammenarbeit der Geheimdienste beider Länder. Bislang war Norwegen von Terroranschlägen verschont geblieben.

Teilgeständnis

Der mutmaßliche Terrorverdächtige in Norwegen hat nach Polizeiangaben ein erstes Geständnis abgelegt. Der Verdächtige gab zu, bei dem Jugendlager auf der Insel Utöya das Feuer auf Teilnehmer eröffnet zu haben, wie die Polizei am Samstag mitteilte. Die Ermittler gehen eigenen Angaben zufolge unter Hochdruck Hinweisen auf einen zweiten Schützen nach, der an dem Blutbad mit mindestens 85 Toten auf der Insel beteiligt gewesen sein könnte.

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