Taktiktafel

Club-Gegner HSV: Anfälliger Favorit mit neuem Trainer

9.5.2021, 18:00 Uhr
Hamburgs Torgarant Simon Terodde (2.v.re.) durchlebt eine kleine Trefferkrise. Der Club hat gute Chancen, wenn dies so bleibt.

Hamburgs Torgarant Simon Terodde (2.v.re.) durchlebt eine kleine Trefferkrise. Der Club hat gute Chancen, wenn dies so bleibt. © Foto: Daniel Karmann/dpa

Wie war das Hinspiel?

Ausgeglichen. Der 1. FC Nürnberg ging durch Fabian Nürnberger in Führung, der HSV glich durch Simon Terrode aus. Jenseits dessen neutralisierten sich der Club und der HSV über weite Strecken. Der FCN schaffte es, den damaligen Spitzenreiter auf wenige Angriffe und Abschlüsse zu limitieren. Vor allem nach der Pause gelang es ihm, die Räume eng zu machen und durch geschicktes Verteidigen den HSV auf gerade einmal elf Ballkontakte im Nürnberger Strafraum zu beschränken. Der Schnitt der Rothosen bis zu diesem Spiel war bei 19 gelegen.

Vor der Pause hatte der Club darüber hinaus auch offensiv gute Ideen, sich im Angriffsdrittel aber schwergetan, zielstrebig zu spielen. Oftmals spielte der Club Angriffe dann auch nicht zu Ende, sondern beendete den eigenen Angriff mit einem Schuss aus mehr als zwanzig Metern, obwohl der Angriff noch ausgespielt hätte werden können. Hinzu kam im eigenen Angriffsdrittel eine gewisse Zweikampfschwäche. Das führte dann auch dazu, dass der Club eben nur sieben Ballkontakte im gegnerischen Strafraum hatte. Aufgrund der guten Defensive an diesem Nachmittag im Januar schlug sich dieser Mangel aber nicht aufs Ergebnis durch.

Was ist seitdem passiert?

Der HSV ist inzwischen weit von der Tabellenspitze entfernt. Je nach Ausgang des fast parallel ausgetragenen Nachholspiels zwischen Kiel und Hannover könnte für die Hamburger gegen den FCN allein schon die theoretische Chance auf den direkten Aufstieg auf dem Spiel stehen. Geschuldet ist diese Situation einem Absturz seit Februar. Nur zwei der letzten zwölf Spiele gewann der HSV. Seit nunmehr fünf Spielen hat der HSV gar nicht mehr siegen können. Er holte im April gegen Hannover, Darmstadt, Sandhausen, Regenburg und Karlsruhe nur drei Punkte und keinen einzigen Sieg.

Reagiert hat der HSV auf diese Misere mit der Demission von Trainer Daniel Thioune. Die letzten drei Saisonspiele soll nun Vereinslegende Horst Hrubesch an der Seitenlinie absolvieren, ehe man dann zum x-ten Neuanfang ansetzt. Aus dem Trainerwechsel ergibt sich für den Club eine gewisse Unsicherheit dahingehend, wie der HSV agieren wird. Unter Thioune spielten die Hanseaten meist im 4-2-3-1. Blickt man auf Hrubeschs Tätigkeit bei der U21 des DFB oder der Frauennationalmannschaft, so sieht man, dass auch er oft auf das 4-2-3-1 zurückgreift, aber ebenso einem flachen 4-4-2 nicht abgeneigt ist.

Über die gesamte Saison gesehen lag die Stärke des HSV in der Schussauswahl. Man schaffte es, hochwertige Chancen zu kreieren und diese zu verwerten. Kein Team hatte einen besseren Wert im Bereich der "expected Goals" pro eigenem Schuss. Das heißt, kein Zweitligist erarbeitete oder erspielte sich bessere Chancen als der HSV. Solange Simon Terodde diese verwertete, waren die Hamburger auch gut im Geschäft, doch seit dem 13. Februar hat der Stürmer, der zum FC Schalke 04 wechseln wird, nur noch zwei Mal getroffen. In den 20 Spielen zuvor erzielte er dagegen 19 Tore.

Wie kann man sie knacken?

Über Standardsituationen. 28 Prozent aller Gegentore, also elf an der Zahl, fielen nach Ecke, Einwurf oder Freistoßflanke. Kein anderer Zweitligist hat einen derart hohen Anteil zu verzeichnen. Sowohl Karlsruhe als auch Regensburg erzielten ihre Treffer gegen den HSV nach einer Ecke. Immer wieder bewiesen die Rothosen Probleme bei der Zuordnung, konnten Bälle nur unzureichend klären. In den jüngsten Spielen gegen Darmstadt und Sandhausen waren es dagegen vor allem die schnellen Gegenstöße, die Hamburg zu schaffen machten. Gerade Innenverteidiger Toni Leistner ist kein mit besonderem Tempo gesegneter Spieler. Schafft es der FCN mit Hack oder Shuranov, den 30-Jährigen zu isolieren und ins Tempoduell zu zwingen, könnten sich Gelegenheiten ergeben.

Da der HSV darüber hinaus bei eigenen langen Bällen oft Schwächen zeigte und eher über das Kurzpassspiel aufbaute, scheint aggressives Pressing eine wirksame Methode, um den Aufbau zu stören. Schon im Hinspiel wurde der HSV oft gut unter Druck gesetzt und musste phasenweise überdurchschnittlich viele lange Bälle schlagen. Auch das war ein Grund für den damaligen Punktgewinn des Club.

Auf wen muss der Club aufpassen?

Rein statistisch sind die Schlüsselspieler zum einen der erwähnte Simon Terodde, zum anderen Aaron Hunt. Der Ex-Nationalspieler spielte zwar nur noch selten über die vollen 90 Minuten, war aber in Sachen Passspiel und Passempfang in gefährlichen Zonen immer noch der beste Hamburger Spieler. Ligaweit kommt er sogar die besten Werte angekommener Pässe innerhalb eines Radius von 20 Metern um das gegnerische Tor. Doch der 34-Jährige fällt den Rest der Saison aus.

So dürfte die Rolle des Gestalters Sonny Kittel zufallen. Der 28-jährige, der meist im Duo mit Tim Leibold über den linken Flügel kommt, spielt die meisten Pässe zu Abschlüssen. In der ligaweiten Wertung liegt er hinter Kempe (Darmstadt), Pledl (Düsseldorf) und Führich (Paderborn) auf Rang vier. Das hängt zum Teil auch damit zusammen, dass Kittel beim HSV – neben Hunt – für die Standards zuständig ist. Auch deshalb ist er bei den angekommenen Pässen in Tornähe weit vorn.

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