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Oliver Seybolds zweiter Frühling

Brucks Top-Torjäger trifft wie er will

Einmal ist ihm sogar ein „Tor des Monats“ gelungen, im Pokal-Finale am 9. Mai 2012 gegen die Spielvereinigung Unterhaching. „Das schönste Tor, danach war ich in der Sportschau dabei. Es war ein Traum. Mit Thomas Müller an der Seite. Es gibt nichts Schöneres.“, sagt Oliver Seybold — fünf Jahre und einige Vereinswechsel später.

Wenn er einmal los läuft, ist er kaum zu stoppen: Oliver Seybold (li.) entwischt seinen Gegenspielern fast nach Belieben. Hier hält ihn Sebastian Wagner vom 1. FC Sand auf — und fliegt nach diesem Foul vom Platz. 

 / © Harald Sippel

An den Treffer kann sich der Angreifer noch genau erinnern: „Wie Marco van Basten früher, von der Außenlinie oben ins Eck rein.“ Mittlerweile will sich der Angreifer vor allem von Robert Lewandowski und Thomas Müller etwas abschauen. „Müller spielt mit einer Kaltschnäuzigkeit, ist immer sympathisch. Das ist mein Vorbild.“ Und ein wenig erinnert Seybold auch an den Raumdeuter des FC Bayern München. In der Regel steht der Brucker immer richtig, wenn der Ball in die Box kommt. „Ich denke, das ist schon die Erfahrung.“ 287 Spiele hat der Rechtsfuß bereits in den höheren Amateurklassen von Landes- bis Regionalliga hinter sich, in dieser Saison hat er noch keine Partie verpasst. Doch noch nie hat Seybold so viel getroffen wie jetzt. „Ich habe dem Trainer versprochen, wenn ich als Kapitän gegen die Bayern auflaufen darf, mindestens 15 Tore zu schießen.“ Das hat der 30-Jährige bereits am Ende der Hinrunde erfüllt. „Rafael Hinrichs sagt immer, ich mach’ 34. Da bin ich mal gespannt.“ Dass eine Marke wie diese überhaupt möglich ist, war so nicht zu erwarten. „Ich bin von mir selbst überrascht. Die vergangenen Jahre waren es immer um die zehn Tore, die vergangene Saison waren es schon 19 Tore. Und jetzt wieder 15. Vielleicht mein zweiter Frühling mit 30.“ Da muss Seybold selbst ein wenig lachen. „Torschützenkönig zu sein wäre schön. Doch ich spiele für die Mannschaft.“ Aktuell ist in der Bayernliga nur Björn Schnitzer vom SV Viktoria Aschaffenburg einen Treffer besser.

"Ich bin eher ruhig"

Dass Seybold der Torgarant der Brucker ist, hat sich natürlich auch nach Sand herumgesprochen. So hatte der Angreifer, der diesmal viel über die Flügel kam, immer einen Bewacher an seiner Seite und nicht selten eine Hand am Trikot-Zipfel. Das nervt. „Ich bin eher ruhig. Doch wenn es zu viel wird, wird man schon aggressiver.“ Am Samstag jedenfalls hatte Seybold alle Mühe, angesichts der harten Gangart der Gäste gelassen zu bleiben. „Es waren lebensgefährliche Aktionen, die dürfen nicht sein.“ Zweimal gab es glatt Rot für den Gegenspieler, zweimal aber kam der Brucker mit dem Schrecken davon.

Dass Seybold dennoch meistens seinem Gegenspieler entwischte, ist eine seiner Qualitäten. Bei nahezu jedem Angriff lauert der 30-Jährige an der Abseitsgrenze, immer bereit, in die Gasse zu sprinten. Und immer bereit, das Risiko zu gehen, einen Tick zu früh losgelaufen zu sein. Doch oft stimmt das Timing, die Fahne bleibt unten und Seybold läuft durch. „Es ist mehr Instinkt. So ist es mir beigebracht worden, damals, vom leider verstorbenen Ludwig Preis. Er mich mit großgezogen, in der Herren-Mannschaft in Eltersdorf.“ Als 18-Jähriger wechselte der Angreifer von seinem Heimatverein TSC Bärnfels in die Landesliga zum SCE. Über Stationen beim SV Seligenporten, bei Jahn Forchheim und beim FC Eintracht Bamberg kam Seybold, der in Kleingesee in der Fränkischen Schweiz wohnt, im Sommer 2016 zum FSV Bruck. „Mit 30 nochmal in die Bayernliga aufzusteigen, ist schön.“ Vor allem, wenn es gut läuft. Gegen den 1. FC Sand gelingt dem FSV der achte Sieg, vom Abstiegskampf ist der Aufsteiger weit entfernt.

Profi-Fußball? „Hätte man es doch gemacht“

Auch wenn die Hausherren beim 2:1 trotz Überzahl mal wieder zittern mussten. „Wir haben das nicht mehr konsequent weiter gespielt. Nach dem 2:0 kriegen wir das 1:2“, sagt Seybold. „Dann haben wir abgeschaltet und spielen es nicht konzentriert aus. Ich weiß nicht, ob das immer Kopfsache ist. Nach dem 2:0 haben wir gedacht, das ist durch.“ Gelangt hat es trotzdem – als nächstes ist nun der Klub aus der Nachbarschaft dran. „Gegen Eltersdorf zu spielen, ist immer etwas besonderes. Dort hatte ich meine schönste Zeit“, sagt Seybold. „Das Derby am Sonntag wird ein packendes Spiel.“ Das Hinspiel hatte Bruck mit 2:3 verloren. „Da hätten wir schon einen Punkt mitnehmen können, das wollen wir jetzt auch. Mindestens einen Punkt.“ Dem Offensiv-Allrounder könnten dabei seine nächsten Tore gelingen. Abheben wird der Routinier deshalb nicht. „Ein Stürmer sollte Tore machen. Freilich freut man sich, wenn es gelingt. Aber ich spiele für die Mannschaft und nicht für mich selbst.“ Auch Oliver Seybold ist ein Top-Torschütze, der sofort zeigen will, nicht der Star im Team zu sein. „Wenn alle nach dem Tor jubeln und einem auf die Schulter klopfen, realisiert man das gar nicht so sehr. Es geht danach weiter. Eigentlich realisiert man das erst nach dem Spiel.“ Abends, wenn alles vorbei ist, grübelt Seybold noch ein wenig. „Und am Montag ist es abgeschlossen.“ Gelingt einmal kein Tor, lässt sich der Angreifer vom wachsenden Druck nicht beeindrucken. „Ich hatte ja eine Durststrecke mit drei Spielen ohne Tor. Das war schon die große Krise.“ Seybold betont das mit einem ironischen Unterton, denn verunsichert hat ihn diese Negativ-Serie natürlich nicht. Dafür ist er einfach zu lange dabei.

Seybold stammt noch aus einer Zeit, als talentierte Jugendfußballer nicht sofort in Nachwuchsleistungszentren eingezogen wurden. „Ich hätte in eine Pflegefamilie gemusst. Das wollten meine Eltern nicht.“ Als Amateurfußballer hat der 30-Jährige nun „alles erreicht“, Profi aber wurde er nie. „Jetzt denkt man: Hätte man es doch gemacht.“ Stattdessen ist Oliver Seybold nun Zahntechniker in Röttenbach – und glücklicher Top-Torschütze des Bayernliga-Aufsteigers FSV Bruck.

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