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Walthier über Rassismus: "In der Bezirksliga ist es schon nicht ohne"

Bezirksliga Süd

Viel wurde geredet, geschrieben und kommentiert zu dem Fall, der bei der Hallenkreismeisterschaft am Samstag zum Abbruch der Partie TSV Weißenburg gegen TSG Roth führte, da ist es nur angebracht, die Person, die im Mittelpunkt stand, zu Wort kommen zu lassen. Kevin Walthier klingt aufgeräumt, vier Tage nach den Vorkommnissen in der Weißenburger Landkreishalle, aber es ist zu hören, dass das Geschehen, zu dem die Schilderungen der beteiligten Vereine auseinanderklaffen, nicht spurlos an ihm vorüber gegangen ist. Offen spricht der 28-jährige gebürtige Fürther, der bereits für Kleeblatt, Club und Mainz 05 in der Regionalliga kickte, über seine Erfahrungen mit dem Thema Rassismus.

Kevin Walthier spielt seit dieser Saison bei der TSG Roth.

 / © Sportfoto Zink

Kevin, rückblickend auf Samstag. Wie hast du die Situation erlebt? 

Kevin Walthier: Ich war als Auswechselspieler an der Seitenlinie, als das alles losging, da wurde unter anderem aus dem Fanblock gerufen: Geh' zurück in dein Land! Daraufhin habe ich mit der Wasserflasche in Richtung Zuschauer gespritzt, habe für diese Aktion Rot bekommen und bin rausgeführt worden. Als ich schon auf dem Weg in die Kabine war, gingen die Uh-uh-uh-Rufe los, die habe ich aber nur von weitem gehört. Das Spiel wurde abgebrochen, weil unser Trainer (Taner Koc, d. Red.) dann sagte, wir spielen so nicht weiter. 

Die Weißenburger behaupten, es seien Anfeuerungsrufe für ihren Keeper gewesen. Kann das nicht auch sein?

Walthier: Ich kann es mir nicht vorstellen. Es gab einen Zehnmeter gegen uns, ich wüsste nicht, welchen Zusammenhang es in diesem Moment mit deren Keeper geben sollte. 

Glaubst du, diejenigen, die gerufen haben, haben das bewusst doppeldeutig benutzt?

Walthier: Ja. Später war ich nochmals bei der Turnierleitung, weil ich mich nochmals beschweren wollte. Da kam wieder ein Weißenburger Fan vorbei und machte nochmals diese Laute. In diesem Moment war das ja alles eigentlich schon vorbei.

"Jedes zweite, dritte Spiel kommt das schon vor"

Mal abgesehen von dem Fall am Samstag. Du sagst, es seien in dieser Saison nicht die ersten Anfeindungen bezüglich deines Äußeren gewesen.

Walthier: Ja, das ist auch etwas, was mich erschreckt. Ich hab zuvor ja auch mal B-Klasse-Fußball gespielt (beim FV Wendelstein, d. Red.) und dachte, dass es in der untersten Liga schlimmer ist - aber ich muss sagen, in der Bezirksliga ist es schon... nicht ohne. Jedes zweite, dritte Spiel kommt das schon vor.

In welcher Form äußert sich das dann? 

Walthier: Es geht sehr unter die Gürtellinie. Geh in dein Land zurück; Pizzabäcker; Affenrufe habe ich auch schon vorher gehört, obwohl ich darüber eigentlich nur noch lachen kann. In diese Richtung geht das.

Du hast ja schon bei Lok Leipzig gespielt, ein Verein im Osten, und dort, so hört man, ist Rassismus ja auch immer wieder Thema. Wie war das damals?

Walthier: In dieser Häufung hab ich das zu der Zeit nicht erlebt. In Leipzig hatte ich auch die Angst, dass mich das treffen wird, aber im Gegenteil war ich da eher Publikumsliebling.

"Man baut schon einen Panzer auf"

Vorfälle wie jener am Samstag - wie gehst du persönlich damit um? 

Walthier: Der Sonntag danach war schwierig. Ich bin jetzt keine Heulsuse, aber ich war am Sonntag nicht ansprechbar, ich wollte mit niemandem darüber reden, nur mit meiner Freundin. Ich habe mich erst am Montag, Dienstag mit Mannschaftskollegen darüber unterhalten.

Es ist also nicht so, dass es einen - so schwer es auch fällt - irgendwann kalt lässt?

Walthier: Man baut schon einen Panzer auf. Es ist nicht das erste Mal, dass man so etwas erlebt, gerade als kleines Kind, oder als 12-,13-,14-Jähriger ist es in der Schule am schlimmsten. Wenn ein Ausdruck kommt, ist es inzwischen nicht mehr so, dass man in die Knie geht und heult. Aber ab dem zweiten, dritten Mal, wenn die Beleidigung kommt, fällt es mir schwer, einfach nichts zu sagen oder zu machen. Dann kommt es eben zu solch einer Aktion wie die mit der Wasserflasche.

Wie sieht es aus mit der Solidarität innerhalb der Mannschaft?

Walthier: Ja, gerade jetzt in Roth war das schon sehr cool. Das hätte ich echt nicht erwartet, dass sie extra vom Platz gehen. In anderen Vereinen, wie in Mainz etwa, hatten wir diesbezüglich schon vor dem Spiel gewusst: Jungs, heute ist es ein Verein, da geht es wieder mal verbal zur Sache, haltet euch im Zaum. Das regeln dann Trainer und Betreuer, aber ihr haltet euch zurück.

Wie geht es nach dem Vorfall weiter? Habt ihr in der Mannschaft überlegt, wie ihr dazu stehen wollt?

Walthier: Wir stehen zu 100 Prozent dafür, dass man bei solchen Sachen durchgreifen muss. So ist es auch von unserem Abteilungsleiter kommuniziert. Auch dass das jetzt sportrechtlich verfolgt wird. Aber wir als Mannschaft wollen einfach nur auf dem Platz die Antwort geben. Die sportliche Leistung zählt jetzt, bloß nicht anstecken lassen von irgendwelchen Leuten.

"Es sollte einfach mal ein Ausrufezeichen gesetzt werden"

Ihr würdet Euch wünschen, dass solche Vorkommnisse vom Sportgericht konsequenter verfolgt werden?

Walthier: Dass man zumindest mal genauer hinschaut. Das Thema Rassismus ist sicher problematisch, aber ich würde mir wünschen, dass das genauer durchleuchtet wird. Ich hab deswegen in dieser Saison schon dreimal Rot gesehen - und ich bin jetzt kein Übeltäter.

Dreimal Rot? Warum?

Walthier: Weil ich mich gegen Beleidigungen gewehrt habe. Nicht immer verbal. Aber man kann ja selbst definieren, ob das handgreiflich ist: Diesmal habe ich mit Wasser gespritzt, einmal standen wir Kopf-an-Kopf gegenüber, einmal hab ich dem Gegner den Ball in den Bauch geworfen. Für die drei Aktionen habe ich Rot gesehen, was ja in Ordnung ist, das darf man nicht machen. Aber dass das Gegenüber in diesen Fällen nichts bekommt, halte ich für problematisch. Ich habe ja schon ein bisschen höherklassig gespielt, es ist nicht so, dass ich regelmäßig außer Rand und Band gerate, aber wenn's um Rassismus geht - und das zwei-, dreimal - dann wird's für mich immer schwierig, weil ich immer davon ausgehen muss: Derjenige macht es bewusst. Ich bin keine Mimose, bin auch nicht zwei Wochen zuhause und verkriech' mich, wenn so etwas passiert, aber es sollte einfach mal ein Ausrufezeichen gesetzt werden.

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