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Nader El-Jindaoui: Im zweiten Versuch

Portrait

Aus dem Wedding sollte es für Greuther Fürths Nader El-Jindaoui ganz nach oben gehen, bis Ärzte ihm die Hoffnung raubten. Dann wurde er Gesicht einer Adidas-Kampagne, ein Nr.1-Rapper verewigte ihn in einer Zeile. Dennoch stand er kurz davor, sich im Gestern zu verlieren. Ein Portrait.

Verantwortung vom Punkt: Nader El-Jindaoui, SpVgg Greuther Fürth.

 / © Zink / ThHa

Es gibt diesen Moment in seinem Leben, als sein Gesicht auf Plakaten am Ku'damm hängt, Rapper Samra ihn in einer Zeile feiert, Adidas mit ihm Imagevideos dreht, ihn als Role-Model aufbauen will für all die Kinder, von denen er einst selbst eines unter Tausenden war. Die Leute kannten seinen Namen, wollten sich mit ihm fotografieren lassen. Doch im Inneren war Nader El-Jindaoui gerade dabei, aufzugeben. "Wer war ich denn schon in diesem Moment?", sagt er heute, zweieinhalb Jahre später.

Greuther Fürths Nader El-Jindaoui, 22 Jahre jung, fester Blick, ist das, was man einen Straßenfußballer nennt. Er bringt mit, was in der genormten Nachwuchsausbildung zuletzt immer wieder vermisst wurde: Er ist trickreich, flink, eigensinnig, nicht ausrechenbar. Immer wieder spricht er von "diesen zwei Jahren" in seinem Leben, es gibt einen Nader El-Jindaoui vor und einen Nader El-Jindaoui nach diesen zwei Jahren - und es gibt einen dazwischen, einen, der hadert, strauchelt, kurz davor ist, sich dem Sog seines Kiezes hinzugeben - nichts Gutes, wenn man aus einem Brennpunkt kommt. Am Anfang dieser zwei Jahre stehen Operationen, Ärzte, die behaupten, sein Körper sei nicht für diesen Sport gemacht. Am Ende dieser zwei Jahre steht er wieder auf dem Platz, vierte Liga, und zwingt mit seinem ersten Ballkontakt den Keeper zu einer Parade. 3000 Zuschauer raunen, vor lauter Aufregung vergisst er, dass es im Fußball jemanden geben muss, der die Ecken schießt. "Diese Zeit hat mich erzogen", sagt er heute. 

Diebstähle und Einbrüche, Käfig und Beton

Berlin Wedding, Wollankstraße. Mietskasernen, Klinkerfassaden, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund liegt bei über 50%: Nader El-Jindaoui, Deutscher palästinensischer Herkunft, wächst in eine Welt hinein, in der für Jungs wie ihn außer Träumen nicht viel wartet. Profifußball heißt seiner, Ronaldinho, Diego, Champions League, aber die Realität heißt - neben Diebstählen und Einbrüchen - Käfig und Beton. "Man hat gespielt, um sich Respekt zu verdienen", sagt er. Erst mit elf Jahren geht er zu seinem ersten Verein, SV Nord Wedding, wenig später spielt er schon bei Tennis Borussia. Wer sich zurückhält, gilt nichts: "Es ging mir immer darum, in jeder Mannschaft der Beste zu sein". Weil das und sein Talent schnell erkannt werden, holt man ihn für drei Jahre zu Energie Cottbus, Jugendbundesliga. Er sieht, wie schnell es gehen kann, wenn alles glatt läuft.

Nader El-Jindaoui bei seinem Redaktionsbesuch in Nürnberg.

 / © Büyük

Was er lange nicht sehen will: Dass in dieser Welt noch etwas anderes zählt. "Ich musste erst nach Cottbus kommen, um zu merken: Man bricht eigentlich nirgendwo ein." Auch für Demut ist auf der Straße kein Platz: "Selbstbewusstsein, Selbstliebe, alles gut, doch du musst es kontrollieren." Damit tut sich der Junge schwer. Und dann läuft es nicht mehr glatt: Als der Sprung in die dritte Liga zum FC Chemnitz wartet, reißt er sich im Käfig, von dem er bei seinen Heimatbesuchen nicht lassen kann, das Syndesmoseband. Danach kommt er nicht mehr zurück. Im Chemnitz trainiert er nur etwa eine Woche mit. 

"Dann bekomme ich wieder Ware, die ich verkaufen kann"

"Mir ging es gesundheitlich nicht gut", beschreibt er die Situation zu Beginn der zwei Jahre. Es war nicht nur das gerissene Band: Kleine Sachen, muskuläre Probleme - davon aber immer wieder viele - ein hartnäckiges Stechen in der Leiste. Er sucht mehrere Ärzte auf, "dein Körper ist nicht für Fußball gemacht", sagt einer und legt ihm nahe, damit aufzuhören. Doch dann findet er einen Mediziner in Düsseldorf, tote Zahnwurzeln, glaubt dieser, lösen Entzündungen in seinem Körper aus. "Mit Leichen im Mund läuft man nicht rum", sagt der Arzt und zieht ihm sieben Zähne. Nader bleibt nichts anderes übrig, als zu hoffen. Und zu warten, viele Monate lang. Er ist jetzt 18 Jahre alt und zurück im Wedding: "Du bist pleite, siehst aber, wie deine Jungs das ganze Geld machen", sagt er und deutet die Gefahr an. Im alten Block, mit alten Freunden, kann man schnell auf dumme Gedanken kommen. "Mein Berater wollte, dass ich diese ganzen Behandlungen mache, aber ich habe gesehen, wie viel Geld auf der Straße liegt und dachte: Okay, ich mach das noch mit. Aber: Wer weiß..." Die Zeit vergeht, der Traum trübt sich ein.

Seinem Bruder entgeht das nicht, er sieht, mit welchen Leuten er wieder abhängt, nimmt ihn zu einer Veranstaltung mit: Straßenfußball, ein Marketing-Event von Adidas, "nur zum Zuschauen." Mehr als 15 Monate hat er nun schon kein Fußball mehr gespielt. Als er die Jungs dort kicken sieht, "dachte ich, egal, dann spiele ich mal ein wenig mit." Es ging, gut sogar, "ich habe erst später gesehen, dass mein Bruder Tränen in den Augen hatte." Es dauert nicht lange und die Macher werden auf ihn aufmerksam. Er spielt mit Nike-Schuhen, also schicken sie ihn ins Lager, Schuhe aussuchen. Jackpot: Er verkauft das Zeug gleich weiter, so geht das eine Weile. Bald steht ein Turnier an, dessen Sieger einen Aurüster-Vertrag bekommen soll. "Wenn ich der Beste werde", denkt sich Nader, "bekomme ich neue Ware, die ich verkaufen kann."

Der Junge aus dem Wedding gewinnt, aber dann wird die Sache größer als ein paar schnelle Scheine für Schuhe. Er wird von heute auf morgen das Gesicht einer Kampagne, Adidas dreht Spots mit ihm, Close-Ups und Zeitlupe, in der selbst der fließende Schweiß ästhetisch wirkt und nicht wie der brennend-salzige Film, der er in Wirklichkeit ist. Der Rapper Samra, der Monate später eine große Nummer im Deutschrap werden wird, holt ihn zum Videodreh. "Ich komm und rasier wie Nader Jindaoui", rappt Samra im Track U21 inmitten marktüblicher Halbwelt-Hybris und schnellen Schnitten. Nader spürt Stolz, aber auch, dass all das nicht mehr ist als Oberfläche. "Ich habe mir einen Namen gemacht, Leute wollten Fotos, Kids kamen zu mir und sagten: Ich will so sein wie du." Alles schön und gut. "Aber wer war ich denn? Ich war Straßenfußballer, das hatte nichts mit dem richtigen Fußball zu tun. Ich war ein gescheiterter Fußballer, der Straßenfußball spielt und damit nicht mal richtig Geld verdient."

Der Traum war zu diesem Zeitpunkt verblasst. Ein paar mal wird er in dieser Zeit zwar zum Probetraining eingeladen, natürlich hat er die Abläufe noch nicht drin, verpasst er Momente, den Ball abzuspielen, ist die Selbstverständlichkeit weg, "aber soetwas lernt man doch wieder. Wenn du aber kommst und sagst: Du warst eineinhalb Jahre verletzt und hast noch kein Männerspiel gemacht - wer will dich?" Mehr und mehr frustriert ihn das alles, er kümmert sich nicht mehr um seine Fitness, "beim Straßenfußball brauchte man nicht viel Kondition. Und parallel hatte ich schon ein paar andere Gedanken." Gute sind das nicht, obwohl Freunde schon hinter Gittern sitzen. "Ich habe angefangen, mich aufzugeben."

"Ich hatte nur Luft für fünf Minuten"

Doch dann bekommt er seine Chance: Der Regionalligist SV Babelsberg lässt ihn mittrainieren, für zwei Wochen, "ich kam an mit Übergewicht und ohne Bock auf Fußball". Eine der ersten Übungen: Vier gegen vier - Käfigsituation. "Ich hatte nur Luft für fünf Minuten, wäre es zehn Minuten gegangen, hätten sie mich heimgeschickt", lacht er. Der Trainer macht ihm Hoffnung, er merkt etwas in sich aufflackern, stellt seine Ernährung um, kapselt sich ab, nach zwei Wochen, freitags, bittet der Sportdirektor ihn ins Büro, wenig später sitzt er in der dunklen Kabine - mit einem neuen Vertrag. Sonntags steht er schon in der Startelf, seine Familie war da, irgendwo unter den 3000 Zuschauern, "aber es fühlte sich an wie Camp Nou". 

Natürlich brauchen er und sein Körper Eingewöhnungszeit, auch die muskulären Probleme sind nicht weg. Aber er spielt gute eineinhalb Jahre. "Ich habe den Sumpf gesehen, in dem ich gesteckt bin. Und jetzt wollte ich etwas sein." Er hört von der SpVgg Greuther Fürth, "dass das ein sehr guter Verein ist, der Talente in den Profibereich bringt." Er überzeugt im Probetraining, gehört von Beginn an zum Stammpersonal in der Regionalliga, im Winter nehmen sie ihn mit ins Trainingslager der Profis in die Türkei. "Der Junge, der vor einiger Zeit gar nichts hatte, vielleicht bald in den Knast gewandert wäre, hat jetzt die Chance, Profi zu werden", sagt El-Jindaoui, als könne er es selbst nicht ganz glauben.

Hier könnte die Geschichte enden. "Aber mein Leben ist eben ein bisschen spannend", lacht er eine weitere Pointe weg. Er hat im türkischen Belek schöne Tage, sieht, er kann mithalten mit den Zweitliga-Profis. Doch er bekommt erneut muskuläre Probleme, wieder beginnt die Suche. Der Knochenersatz, der in seinem Kiefer seine gezogenen Zähne ersetzen sollte, bildet sich nicht wie erwartet. Wieder Entzündungen in seinem Körper, wieder wird er zweimal operiert, fällt für den Rest der Saison aus. Der Verein, so El-Jindoaui, habe ihn sehr unterstützt. "Ich will hier Profi werden, im Ronhof mein erstes Spiel machen. Ich weiß, ich kann das, weil ich etwas besonderes mitbringe." Ob es tatsächlich weitergeht für ihn in Fürth, ("Eine komplett andere Welt! Gustavstraße, das ist ja wie im Mittelalter."), hat auch damit zu tun, ob sein Team die Klasse hält. "Mir geht's wirklich gut, ich muss diese letzte Sache nur noch los werden", sagt er, und dann soll es endlich losgehen.

Denn damals, als sein Gesicht noch überlebensgroß am Ku'damm hing, hat er den Traum lebendig gehalten. Er entschied sich für einen zweiten Versuch, gegen die Oberflächlichkeit, gegen den Sog des Kiezes. "Ich habe all die Adidas-Sachen verschenkt", sagt er und grinst: "Naja, ein bisschen was hab ich auch verkauft."

Eine der vielen Aufnahmen aus seiner Zeit als Werbegesicht: Nader El-Jindaoui hier mit Matthias Sammer.

 / © adidas
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