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Mirko Reichel: "Der Konkurrenzkampf ist brutal"

Interview

Im vergangenen Sommer war die Krise im Nachwuchs der SpVgg Greuther Fürth unübersehbar. Nach der U17 stieg auch die U19 in die Bayernliga ab. Für den Ausbildungsverein ein schwerer Schlag. Ebenfalls im Sommer trat Mirko Reichel seinen Job als sportlicher Leiter des Nachwuchsleistungszentrums an. Das erste Jahr brachte gute Ergebnisse: U19 (A-Junioren) und U17 (B-Junioren) kehren in die Junioren-Bundesliga zurück. Die U16 scheiterte am Aufstieg in die Bayernliga nur knapp. Nur die U23 tat sich in der Regionalliga erneut schwer, entging nur dank des Zweitliga-Abstiegs des FC Ingolstadt der Relegation.

Hier sollen sie im besten Fall irgendwann selbst spielen: Die U 19 durfte den Bundesliga-Aufstieg am letzten Zweitliga-Spieltag der Profis mit der Nordtribüne im Ronhof bejubeln. 

 / © Zink

Herr Reichel, war das nach dem Umbruch ein fast perfektes erstes Jahr für das neu aufgestellte NLZ?

Das kann man so bezeichnen. Ich denke aber, dass wir bei der U23 eine problematische Saison hatten, die wir so nicht mehr erleben wollen. Wir wollen die U23 wieder klarer in der Regionalliga etablieren. Der Aufstieg der U17 und U19 spielt uns natürlich unheimlich in die Karten. Das haben wir mit viel Fleiß bewältigt.

Die Bilanz von Nachwuchsleistungszentren wird an Auf- und Abstiegen festgemacht. Aber der sportliche Erfolg hängt sehr von einzelnen Jahrgängen ab. Kann man ihn wirklich daran messen?

Man muss differenzieren. Die U19-Bayernliga war gut besetzt, das vordere Drittel war auf Bundesliga-Niveau. In der U17 war es ein Zweikampf. In der Bundesliga werden wir mit Mannschaften konkurrieren, die größere Möglichkeiten haben, Talente zu bekommen. Unser Job ist es, solche Jungs selbst zu entwickeln oder das Auge für andere zu haben, die uns in der Liga gerecht werden und bei denen wir die Perspektive nach oben sehen. Reichels Handy klingelt. Es ist Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi. Er will über einen möglichen Neuzugang für die U23 sprechen. „Ich sitze hier gerade mit einem Journalisten zusammen“, sagt Reichel schnell. „Alles klar, Tschüss.“ Er erklärt: Das ist unsere neue Marschroute. Rachid und ich waren als Spieler acht Jahre lang gemeinsam im Mittelfeld unterwegs. Wir arbeiten wieder sehr eng zusammen. Wir versuchen Spieler zu finden, die bereit sind U23 zu spielen, bei denen wir uns aber trotzdem vorstellen können, dass sie das Zeug zum Profi haben.

Die Talente, die zuletzt aus dem eigenen Nachwuchs zu den Profis gekommen sind – David Raum, Patrick Sontheimer, Maximilian Bauer – haben die U 23 übersprungen. Braucht es die überhaupt noch?

Ja. Es ist ganz schwer, als U19-Spieler direkt bei den Profis zu landen. Die Spieler haben keine Erfahrung im Männerfußball. U19-Bundesliga ist eine tolle Sache, aber man braucht Anpassung an die Spielhärte, die Zweikämpfe. Wenn ich zurückblicke: Edgar Prib, Johannes Geis, Nicolai Müller, Sercan Sararer, Stephan Schröck, Ilir Azemi – alle haben ihre Spiele bei der U23 gemacht. Sie ist für uns unabdingbar, wenn wir Spieler voranbringen wollen.

Für die U23 wurden vier Talente von anderen Vereinen verpflichtet. Ist das nicht ein falsches Signal an den eigenen Nachwuchs?

Das würde ich nicht sagen, denn wir haben sieben eigene A-Junioren, die zur U23 aufsteigen. Die kriegen die Zeit, den entscheidenden Sprung nach vorne zu machen. Es sind aber meistens nur ein, zwei Jahre, die man dafür hat. Dann muss man als Verein eine Entscheidung treffen, ob der Spieler es schafft oder andere Wege gehen muss. Beim Trainingsauftakt der Profis sind dieses Jahr mit Mert-Yusuf Torlak, Jamie Leweling und Viktor Miftaraj drei vielversprechende Talente aus unserem U19-Kader dabei.

Welche Veränderungen wurden im NLZ im Sommer vorgenommen?

Wir hatten 2018 die letzte Zertifizierung für DFL und DFB, an der ich federführend mitgewirkt habe. Da haben wir schon Dinge in der Spielphilosophie angestoßen. Wir haben viel Papier weggenommen und mehr Praxisnähe gesucht. Auch personell haben wir uns mehr getraut. Mit Marco Ried haben wir einen U19-Trainer gewählt, der vorher für die U15 zuständig war. Wir haben Tobias Gitschier vertraut, dass wir es mit der U17 im dritten Anlauf packen. Neben dem Fußballerischen ist es ein entscheidender Faktor, dass solche personellen Dinge super zusammenpassen.

Mirko Reichel (48) selbst zum Fußballspieler ausgebildet. Insgesamt neun Jahre war er als Profi für das Kleeblatt aktiv. Nach seiner Spielerkarriere hatte er die verschiedensten Funktionen in Fürth inne: U 17-Trainer, Co-Trainer der Aufstiegsmannschaft unter Mike Büskens, NLZ-Cheftrainer und Leiter des Bereichs „Grundlagen und Aufbau“. Im vergangenen Sommer hat er mit Jürgen Brandl die NLZ-Leitung von Günter Gerling übernommen. Unterstützt werden beide vor allem im Bereich Verträge und Scouting von Michael Meier.

Wie soll die fußballerische Philosophie aussehen? Gilt die von den Profis bis nach unten?

Es ist gemischt. Es kommt immer auf die Liga an. In der Junioren-Bayernliga haben wir mit beiden Mannschaften sehr dominant gespielt. Das ist das Schwerste, durch Sechser- oder Achter-Abwehrriegel zu kommen. Einfacher ist es, wenn man Platz hat. Wir haben aber unseren Spielstil für U19 und U17 perfekt gewählt.

In den Grundsätzen bleibt es bei der alten Philosophie der SpVgg?

Vieles hat sich nicht geändert: Wir wollen aktiv spielen, aggressiv nach vorne verteidigen, das ganze Feld nutzen. Ein wichtiger neuer Faktor ist: Wir spielen in allen Mannschaften auf dem Großfeld in der Abwehr mit Viererkette. Davor darf der Fußball flexibel sein. Und Mentalität ist ganz wichtig. Das hat in der U23 vergangene Saison etwas gefehlt.

Zuletzt hat kein Spieler mehr den dauerhaften Durchbruch bei den Profis geschafft. Kann man damit als NLZ-Leiter zufrieden sein?

Zufrieden kann man nicht sein, weil das unser Geschäftsmodell ist. Aber wir wollen die Situation ja ändern. Und natürlich kann man davon reden, dass man den Weg dieser Pribs oder Müllers ein bisschen verloren hat. Das hat mit Vertrauen zu tun, damit, dass sich getraut wird, auf junge Leute zu setzen.

Braucht es da nicht mehr Geduld bei den Profitrainern als zuletzt?

Manchmal hat das leider nichts mit Geduld zu tun, sondern nur damit, dass wir Ergebnisse brauchen. Unsere letzten Jahre in der 2. Bundesliga waren schwierig. Man kann als SpVgg Greuther Fürth in dieser starken Liga immer in einen Negativsog geraten. Das macht es den Trainern nicht so einfach, auf U19-Spieler zu setzen. Aber der Weg sollte wieder eingeschlagen werden. Und wir sind bei der Verzahnung und dem Miteinander von Rachid Azzouzi, Stefan Leitl, Petr Ruman und mir wieder auf einem Weg, der über kurz oder lang Früchte tragen wird.

Wie sieht der Alltag eines sportlichen NLZ-Leiters aus? Kennen die Spieler Sie?

Die kennen mich alle, dazu bin ich oft genug hier. Die sehen mich jeden Tag. Aber natürlich sind für mich eher die Trainer die entscheidenden Leute. Die implantieren die Art, wie wir Fußball spielen wollen. Ich bin permanent auf Trainingsplätzen, um zu sehen, dass die Dinge umgesetzt werden, die wir besprechen. Aber ich bin im Vergleich zu früher auch oft im Büro, spreche viel mit Beratern. Mittlerweile kann ich mich mit dieser Abwechslung gut arrangieren. Der Horizont erweitert sich ohne Ende.

Wo scoutet die SpVgg ihre Talente?

Bei der U8 bis U11 sind wir innerhalb von 50 Kilometern unterwegs, denn in dem Alter dürfen die Fahrten nicht Überhand nehmen. Im Aufbaubereich von U12 bis U15 schauen wir überregional. Da sind wir bayernweit und in den nahen Bundesländern aktiv, weil es beim Übergang zur U15 anfängt, um Internatsplätze zu gehen. Bei allem, was darüber liegt, schauen wir bundesweit – trotzdem mit starkem Blick auf den näheren Umkreis. Die Spieler unserer U16 stammten vergangene Saison komplett aus der Region.

Bringt der Abstieg der A-Junioren des FCN Vorteile bei der Jagd nach Talenten?

Ich glaube nicht. Nürnberg verfolgt in der Ausbildung seine eigenen Ziele. In der U17 spielen sie Bundesliga und auch die U19 wird sicher wieder aufsteigen. Ich hätte mich auch über ein U19-Derby gefreut.

Die Konkurrenz ist gewachsen, auch Heidenheim und Ingolstadt spielen längst Junioren-Bundesliga. Spürt man das stark?

Der Markt hat sich deutlich geändert. Weil mit Leipzig, Hoffenheim und natürlich Bayern auch die ganz Großen in dieser Region fischen. Mit den Tillman-Brüdern ( zu Bayern, Anm. d. Red. ), Marvin Weiß, Luca Ruiu ( beide zu Hoffenheim ) und Nikolas Hofmann ( zu Wolfsburg ) haben wir es ja erlebt, dass Jugendspieler abgeworben wurden. Und dazu kommen noch Teams wie Heidenheim, Ingolstadt, Nürnberg, Würzburg, Regensburg oder Augsburg. Der Konkurrenzkampf ist brutal.

Sind da Geschichten wie die von Edgar Prib oder Nicolai Müller überhaupt noch möglich – oder würden die heute schon in der U 15 abgeworben werden?

Das ist die Frage: Ob man es schafft, die Spieler mit Überzeugung durch die eigenen Nachwuchsteams zu lotsen. Geld hat die Spielvereinigung nicht in dem Maße. Das kann auch nicht unser Weg sein. Man kann sie mit der Perspektive locken. Und da versuchen wir, Schritt für Schritt wieder hinzukommen.

Wie schafft man es, Talente aus anderen Bundesländern nach Fürth zu holen?

Fürth steht immer noch bundesweit für Verlässlichkeit, für einen Verein, der auf den Nachwuchs setzt. Das war immer das Aushängeschild – wir sind aber zwischenzeitlich etwas vom Weg abgekommen und gerade wieder voll dabei, ihn aufzunehmen. Es ist wichtig, dass Fürth 2. Bundesliga spielt und bundesweit sichtbar bleibt. Deshalb entscheiden sich Talente statt für Bremen oder München für den Zwischenschritt Fürth.

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