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Fasziendistorsionsmodell: Wunderheilung oder Hokuspokus?

HEIMSPIEL

Rainer Geyer ist Physiotherapeut in Forchheim. Er behandelt nach dem Fasziendistorsionsmodell und feiert gerade bei Sportverletzungen erstaunliche Erfolge. Dem TV 48 half er auf besondere Weise im Abstiegskampf.

Hannes Decher, Spielertrainer des TV 48 (li.), ist auch heute noch bei Beschwerden in Behandlung bei Rainer Geyer.

 / © Benesch

Es war die 34. Minute, als für Hannes Decher und seinen TV 48 Erlangen die Fußballwelt unterzugehen drohte. Es war der vorletzte Spieltag der vergangenen Saison in der Bezirksliga. Der Turnverein kämpfte nach einer schwachen Hin- und einer starken Rückrunde, nach einem Trainerwechsel und einem größeren Umbruch um den Klassenerhalt. Mehr noch, er stand mit dem Rücken zu Wand. Doch die Aufholjagd zum Saisonschluss ließ sie alle hoffen, das lange Zeit Unmögliche doch noch möglich zu machen: „Wir schauen nur auf den Relegationsplatz“, hatte Trainer Hannes Decher als Ziel ausgegeben – und darum kämpften sie am Europakanal nun auch, am vorletzten Spieltag, als der SV Buckenhofen zu Gast war.

Decher hatte in der 10. Minute die Führung für seine Mannschaft erzielt, in der 27. hatten sie den Ausgleich kassiert – und nun, gut zehn Minuten vor der Pause, sprang der Spielertrainer in ein Kopfballduell – und blieb nach der unsanften Landung mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden liegen. Mit seinem linken Fuß war er auf dem Schuh seines Gegenspielers gelandet und böse umgeknickt. „Mein erster Gedanke war: Das war es jetzt, du kannst der Mannschaft nicht mehr helfen, nicht im letzten Spiel, nicht in der Relegation“, sagt Hannes Decher.

„Als er zu mir in die Praxis kam, konnte er kaum laufen“, erinnert sich Rainer Geyer. Der gelernte Physiotherapeut und Heilpraktiker hat sich auf das sogenannte Fasziendistorsionsmodell (FDM) spezialisiert. Eine Behandlungsmethode, die zwar mitunter schmerzhaft ist, aber bei vielen rasche, erstaunliche Heilungserfolge am Bewegungsapparat feiert. So auch bei Decher: „Am Tag nach dem Spiel war ich in der Praxis, schon nach kurzer Behandlung konnte ich wieder auftreten, gehen und sogar springen. Es war wirklich erstaunlich“, sagt Hannes Decher.

Noch am selben Abend schickte ihn Geyer ins Fußballtraining, allerdings nicht in die volle Belastung, sondern in locker-moderate Bewegungsübungen. „Meine Überzeugung ist, dass das Ruhigstellen in diesem Fall genau verkehrt ist. Die Faszien umgeben in unserem Körper alle Muskeln, Bänder und Sehnen. Oftmals werden sie bei einer Verletzung, einer Überbelastung oder verkehrten Bewegung schlichtweg aus ihrer üblichen Lage und Struktur bewegt. Da sie die Schmerzrezeptoren in sich tragen, empfinden wir Schmerz und unsere Bewegung ist fortan eingeschränkt“, sagt Geyer. Mit leichtem Tapeverband konnte Decher am folgenden Wochenende wieder spielen, in der erfolgreichen Relegation seinem TV 48 Erlangen helfen – und sogar ein Tor erzielen, das mit zum späten Klassenerhalt beitrug. „Ich hatte in meiner Fußballzeit schon häufig Bänderverletzungen in den Sprunggelenken“, sagt der 28-jährige Mittelfeldspieler, „aber gewöhnt war ich eine sechs- bis achtwöchige Pause mit viel Ruhe oder sogar Krücken. An Fußball war jedenfalls nicht zu denken.“ Diesmal ging es nahezu nahtlos trotz Umknicken weiter, Decher verlor weder Fitness noch Muskulatur. Bewegung und die FDM-Behandlung halfen: „Es war fast wie eine Wunderheilung.“

 „Natürlich hilft FDM nicht pauschal immer und überall“, sagt Rainer Geyer. „Und auch mit Wunderheilung oder Hexenwerk hat das nichts zu tun.“ Geyer hilft, für den Betrachter unspektakulär, über eine Schmerzanalyse herauszufinden, wie genau sich die Faszien verformt haben. Danach beginnt er mit der Therapie: Das sind in der Regel manuelle Griff-, Druck- und Streichtechniken, die helfen sollen, den Ursprungszustand der Faszienstruktur wieder herstellen. „Ich gebe dem Körper lediglich von außen eine manuelle Hilfe zur Selbsthilfe. Ich kann nicht sagen, wie oft es genau hilft, aber es ist die überwiegende Mehrheit der Patienten, die meine Praxis glücklich wieder verlässt.“ Decher war gar so beeindruckt, dass er in diesen zwei entscheidenden Saisonwochen noch zwei Mitspieler in die Praxis von Rainer Geyer schickte: Torwart Dominik Ort und Verteidiger Lennart Braun. Der Keeper hatte sich bei einer Abwehraktion im Punktspiel verrissen und konnte kaum noch aus dem Bett aufstehen. Der Abwehrspieler hatte sich einen Hexenschuss zugezogen, als er eine schwere Sporttasche hochhob. Beiden konnte mit wenigen der allerdings kostenintensiven Behandlungen von 80 bis 120 Euro pro Sitzung, die die gesetzlichen Krankenkassen nicht übernehmen, geholfen werden.

"Nicht übertreiben"

„Ich würde von FDM nicht grundsätzlich abraten, die Erfolge sprechen ja dafür“, sagt Dr. Leonard Fraunberger, Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes, der auch Leistungsdiagnostische Untersuchungen an der Uni Erlangen durchführt. „Allerdings sollte man sich nicht zu viel davon versprechen und es auch nicht übertreiben. Neueste Studien zeigen, dass zu viel Einsatz der sogenannten Blackroll und die Therapie an den Faszien das Gewebe und die Haut auch nachhaltig schädigen können.“

Fraunberger kritisiert allerdings auch seine Orthopädie-Kollegen: „Häufig tritt nach einer akuten Verletzung eine Schonhaltung und Verkrampfung ein, die sich von Physiotherapeuten oder auch Ärzten funktionell beheben lassen. Hierfür muss sich der Arzt die nötige Zeit nehmen. Aber wenn Strukturen gerissen oder Knochen gebrochen sind, sollte man bei der Schulmedizin bleiben.“ Ansonsten, betont auch Leonard Fraunberger, ist meist Bewegung die beste Medizin.

Rainer Geyer konnte mit seiner FDM-Methode auch den Fußballfrauen des SV Hetzles und beim TSV Neunkirchen teils langwierige Beschwerden wie Schambeinentzündungen, Knie- oder Adduktorenprobleme lindern. „Es ist doch das wichtigste für einen Sportler, schnell wieder auf dem Platz oder auf der Laufbahn zu stehen. Das ist auch mein Ziel: Die Sportler möglichst schnell wieder in ihren Sport entlassen zu können – im Idealfall beschwerdefrei“, sagt Geyer.

Doch nicht nur Fußballern hilft die Faszientherapie, die trotz der zahlreichen Erfolge kaum verbreitet ist. Auch Handballern, Triathleten, Leichtathleten und Schwimmern konnte Geyer in seiner Forchheimer Praxis schon helfen. Manchen mehr, manchen weniger und einigen gar nicht. Auch Hausfrauen oder Handwerker, die aufgrund von massiven Schulterbeschwerden die Teller nicht mehr aus dem Schrank heben konnten, hatte er schon auf seiner Liege. Für schmerzempfindliche Menschen jedoch ist die Therapie nicht unbedingt geeignet, auch Hannes Decher spricht von Leidensfähigkeit, weil Geyer exakt die Punkte drückt, die weh tun. „Wenn wir merken, dass die Therapie nicht anschlägt, dann beenden wir sie und ich muss leider sagen: Ich kann nicht helfen. Auch das kommt vor. Aber am liebsten sehe ich die Patienten wirklich einmal – und dann nicht so schnell wieder. Weil ich dann weiß, ich habe schnell und effektiv helfen können“, sagt Geyer.

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