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Wiesinger: "Dieser Verein ist unantastbar"

Interview

Michael Wiesinger hat schon in den verschiedensten Positionen für den 1. FC Nürnberg gearbeitet. Als Spieler stieg er von der Bundesliga bis in die Regionalliga ab und danach wieder bis in die erste Liga auf. Später wurde er Trainer der U 21 und im Januar 2013 als Nachfolger von Dieter Hecking Cheftrainer. Im Oktober 2013 wurde Wiesinger von seinen Aufgaben entbunden. Jetzt arbeitet er als Leiter des Nachwuchsleistungszentrums wieder am Valznerweiher.

Da ist er wieder: Michael Wiesinger hat in diesen Tagen zum dritten Mal seine Arbeit beim 1. FC Nürnberg begonnen.

 / © Zink/MeZi

Ein Clubspieler muss leidensfähig sein, haben Sie gerade der „Bild“—Zeitung gesagt, Herr Wiesinger. Habe ich das richtig in Erinnerung?

Ja, ich glaube schon, dass dies zu den Grundtugenden dieses Vereins gehört. Man muss sich hier gegen Widerstände wehren können. Es genügt ja ein Blick auf die Spieler, die hier zu Idolen geworden sind. Das sind Spieler, die für ihr authentisches Auftreten bekanntgeworden sind. Daher ist es doch gut, dass unter der neuen Vorstandschaft Ex-Spieler wie Andreas Wolf, Dieter Frey oder Tomas Galasek wieder integriert werden und den NLZ-Spielern so tagtäglich als Vorbilder über den Weg laufen.

Sicher, ich wollte aber ja eigentlich auf etwas anderes hinaus. Die Sache mit der Fähigkeit zu leiden, gilt das noch viel mehr für die Club-Trainer?

Jeder, der beim Club ein Engagement eingeht, wird sich mit der Geschichte dieses Vereins beschäftigen und dann wissen, dass es hier nicht leicht ist, weil das Umfeld permanent in Bewegung ist. Man muss hier etwas aushalten und sich wehren können.

Sie sind nach dem Abgang von Dieter Hecking in der Weihnachtszeit 2012 hier Cheftrainer geworden. Nach anfänglichen Erfolgen sind Sie in der Folgesaison dann bald entlassen worden. Hatten Sie in der Endphase Ihrer Zeit als Trainer der Erstligamannschaft noch Lust, das alles auszuhalten?

Natürlich ist es schwierig, wenn einem so etwas widerfährt – zumal in einem Verein, den man als den seinen wahrnimmt. Das geht einem nahe. Aber mir hat geholfen, dass ich ein analysierender, aufgeräumter Typ bin. Emotionalität ist wichtig, aber nicht das ausschlaggebende Kriterium. Ich habe auch damals versucht, das sachlich einzuschätzen. Das muss man lernen in diesem Job.

Ich stelle mir das schwierig vor.

Trotzdem gehört es dazu. Ob man das dann machen will, kann ja jeder für sich entscheiden. Man braucht eben ein dickes Fell und darf vielleicht nicht immer so nachtragend sein oder alles persönlich nehmen. Das meinte ich mit der Leidensfähigkeit, die auch im NLZ vererbt werden soll: Man darf so etwas als junger Mensch schon mal hören, dann ist man später darauf vorbereitet.

"Ich trauere dieser Zeit nicht hinterher"

Hat Ihre Liebe zu diesem Verein damals sehr gelitten unter der Entlassung?

Ich unterscheide ja grundsätzlich zwischen dem Verein, der ist unantastbar, und den jeweils handelnden Personen. Die Liebe zum Verein hat nie gelitten. Was genau damals zu meiner Entlassung geführt hat, weiß ich bis heute nicht. Es kommt ja im Fußball selten vor, dass dir einer erzählt, pass auf, das und das ist geschehen. Gut, die Ergebnisse waren nicht die, die wir uns vorgestellt hatten. Aber ich trauere dieser Zeit nicht hinterher.

Sie sind damals erst einmal in Nürnberg geblieben, war das kompliziert, den Menschen nach der Entlassung unter die Augen zu treten?

Nürnberg ist mein Lebensmittelpunkt, seit ich hier meine Profikarriere begonnen habe. Es stand für mich nie zur Debatte, endgültig wegzuziehen. Ich habe aber schon gemerkt, dass es noch einmal schwieriger ist, wenn man in der eigenen Stadt Cheftrainer ist. Mir selbst hat niemand vorgeworfen, dass ich ein schlechter Trainer für diesen Verein wäre. Vielleicht hat sich das keiner getraut. Aber das Umfeld wird damit konfrontiert: Familie, Freunde. Nach der Entlassung war es schon ein wenig komplizierter, ein fremder Trainer wäre vermutlich einfach zurück in seine Heimat.

Konnten Sie nicht.

Mir kam es dann gelegen, dass ich in Elversberg den Trainerposten übernommen habe. Es war schön, mal hier rauszukommen, fußballerisch, gedanklich. Dann bin ich eben ins Saarland.

Und waren dort erfolgreich bei der Sportvereinigung.

Aber wir sind zweimal in der Relegation gescheitert und nicht in die 3. Liga aufgestiegen. Dann habe ich das nach zwei Jahren beendet und wollte eigentlich eine Pause machen, mal wieder zurück nach Nürnberg gehen.

Hat aber nicht geklappt.

Auf dem Weg dorthin hat mich Mikhail Ponomarev angerufen, Investor beim KFC Uerdingen. Der wollte sich unbedingt mit mir treffen, aber ich habe gesagt, dass ich erst einmal Urlaub machen werde mit meinen Kindern. Ponomarev hat gesagt, dass er wartet, bis ich zurück bin. Später haben wir uns hier in Nürnberg bei einem Länderspiel getroffen. Ich bin auch noch mal nach Krefeld, um mir alles anzusehen und habe ich mich letztlich darauf eingelassen. Gewohnt habe ich in Neuss, direkt am Rhein, das war wirklich schön. Anstrengend war aber das sportliche Tagesgeschäft, weil der Investor sehr präsent war.

Und Sie dann bald rausgeschmissen hat.

Ja, nach einem Remis in Essen. Die Trainerfluktuation war recht hoch in Uerdingen. Aber das war nicht das Problem. Schwierig ist es dann mit den ganzen Gerichtsverhandlungen um ausgebliebene Zahlungen geworden. Das hat sich jetzt eineinhalb Jahre lang gezogen.

Aber ist jetzt für Sie gut ausgegangen.

Ja. Es war eine Bedingung dafür, dass ich hier beim Club anfange, dass das Thema KFC abgeschlossen ist. Die Verantwortlichen hier haben mich schon vor ein paar Wochen kontaktiert, aber ich habe gesagt, dass ich diese Sache erst zu Ende bringen will. Als das so war, habe ich hier meinen Vertrag unterschrieben. Jetzt habe ich meinen Kopf frei für die Sache hier.

"Wie man sich selbst sieht, das wird man nie gefragt"

Warum denn jetzt wieder diese Sache hier? Und warum der Wechsel ins NLZ und nicht der Versuch, irgendwo als Trainer unterzukommen?

Ich habe mich in den letzten Monaten schon gefragt, wie und vor allem wo im Fußball ich mich sehe. Das kommt ja in der öffentlichen Diskussion eher selten zur Sprache, wie man sich selbst sieht, wie man glaubt, dass man selbst tickt. Das wird man nie gefragt.

Was daran liegen könnte, dass 99,9 Prozent der fußballspielenden Menschen auf die Frage nach einer Selbsteinschätzung damit antworten, dass das andere besser einschätzen können.

Vielleicht. Für mich jedenfalls war das NLZ schon immer ein spannendes Arbeitsumfeld. Deshalb bin ich ja damals aus Ingolstadt, wo ich als Cheftrainer gearbeitet hatte, wieder hierher gekommen. Nicht um Cheftrainer zu werden, sondern um in einem gestandenen NLZ Erfahrungen zu sammeln. Ich war damals schon nicht nur U 21-Trainer, sondern in die Abläufe insgesamt eingebunden. Dann kam der Anruf kurz vor Weihnachten und ich wurde Cheftrainer. Ich hätte mir damals auch vorstellen können, im Sommer wieder in die U 21 zurückzukehren.

Hätte das funktioniert?

Unter einem erfahrenen Trainer in jedem Fall. Ich glaube, dass damals die Verhandlungen mit Huub Stevens sehr weit gediehen waren. Das hat nicht geklappt und dann kam alles, wie es kam. Ich habe mich nach der Entlassung erst einmal komplett zurückgezogen. Ich bin nicht der Typ, der dann jeden Tag auf dem Vereinsgelände einen Kaffee trinken muss. Erst letztes Jahr habe ich mir gedacht, ich gehe hier mit meinen Kindern wieder häufiger her – und habe Dauerkarten gekauft. Weil dieser Club für mich über allem steht.

Ist das denn noch derselbe Verein im Vergleich zu Ihrem Abschied?

Ich hätte auf jeden Fall gerne hier gespielt, bei all den Möglichkeiten.

Aber das handelnde Personal wurde seitdem nicht nur einmal ausgetauscht.

Das ist eben auch der Club.

Glauben Sie, dass das ein krisenfester Job ist, den Sie hier angetreten haben?

Ich kann nur mit meiner Arbeit überzeugen. Als ich Robert Palikuca am Telefon hatte, war für mich eigentlich schon klar, dass ich das machen will.

Wie kam der auf Sie? Weil er in dieser Zeit gerade mal alle Ex-Spieler wahllos angerufen hat, um die von einer Rückkehr zu überzeugen?

Das weiß ich nicht, er hat es mir nicht verraten. Zudem sind die Ex-Spieler allesamt unterschiedliche Typen.

Hat der Sportvorstand dieses Vereins eigentlich gelacht, als Sie Ihn das erste Mal getroffen haben?

Bestimmt. Er hatte auf jeden Fall eine klare Vorstellung davon, wo er mich sieht.

Und da sah sich Michael Wiesinger dann auch?

Zu einhundert Prozent. Im Büro zu arbeiten, Termine zu haben, Sitzungen. Das will ich machen. Ich werde mir sicher auch Spiele ansehen oder mal ein Training besuchen, aber mein Blick gilt jetzt dem großen Ganzen, das liegt mir einfach mehr. Und es ist jetzt ja auch kein kompletter Neuanfang im NLZ.

"Bei mir laufen alle Drähte zusammen"

Wobei das ja schon oft so ist: Einer kommt im Fußball in eine neue Position und tauscht dann das Personal erst einmal großzügig aus. Bei Michael Köllner, zum Beispiel, ist das nicht sonderlich lautlos vonstattengegangen. Also: Wie ist das Nachwuchsleistungszentrum denn aufgestellt nach diesen vielen Wechseln der Verantwortlichkeit?

Grundsätzlich ist Kontinuität in jedem Arbeitsumfeld hilfreich, häufige Führungswechsel könnten Mitarbeiter verunsichern. Allerdings ist das hier nicht sonderlich ausgeprägt. Es geht darum, jedem klarzumachen, für was wir im NLZ stehen. Da helfen die vielen Ex-Spieler dieses Vereins, der eine Riesen-Geschichte und eine Riesen-Strahlkraft hat. Ich möchte, dass man jedem unserer Spieler anmerkt, dass er beim 1. FC Nürnberg ausgebildet wurde.

Wer da in der Jugend in diesem Verein spielt oder diese Jugend trainiert, das entscheidet dann ab sofort wer? Es gibt ja auch noch einen sportlichen Leiter im NLZ, Daniel Wimmer.

Letztlich laufen bei mir alle Drähte zusammen. Das heißt, dass ich die Entscheidungen treffe. Aber das geschieht natürlich in enger Absprache mit den beiden Vorständen und meinen Mitarbeitern. Von den Trainern im NLZ habe ich bislang ohnehin einen sehr positiven Eindruck. U21 und U19 sind auf einem guten Weg, es gefällt mir, wie sie auftreten. In der U 17 müssen wir halt nach dem schlechten Start sehen, dass wir zu Erfolgserlebnissen kommen.

Wenn irgendwann einmal wieder ein Cheftrainer des 1. FC Nürnberg sagt, dass ihm der Verein zu klein geworden ist und er lieber nach Wolfsburg wechselt: Macht Michael Wiesinger dann sein Handy vorsorglich aus?

Ich bin Leiter des Nachwuchsleistungszentrums. Und ich habe das Gefühl, auf dem Platz zu stehen, in den letzten eineinhalb Jahren nicht vermisst.

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