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Von "was soll das?" bis "lächerlich": Trainer schimpfen auf den BFV-Leitfaden

Corona-Krise

Die Fußball-Basis rund um Forchheim meutert gegen den BFV. Obwohl erlaubt, will kaum ein Verein den Trainingsbetrieb wieder aufnehmen.

"Je öfter ich den Leitfäden gelesen habe, desto mehr wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte?" - nicht nur Neunkirchens Trainer Armin Appelt lässt kein gutes Haar am Trainingskonzept des BFV.

 / © Sportfoto Zink

Vor einer Woche verkündete der Bayerische Fußballverband unter dem plakativen Titel "Es geht wieder los" das vermeintliche Ende der fußballlosen Zeit im Amateurbereich. "Für all unsere Fußballer ist diese neue Entwicklung eine gute Nachricht in dieser schwierigen Phase", verkündete BFV-Präsident Rainer Koch, dessen Konterfei höchstpersönlich über dem Leitfaden prangte.

Penibel gibt die Dachorganisation Kickern und Trainern die nach eigener Einschätzung einzuhaltenden Regeln für die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes vor. Letztlich entscheiden die Behörden vor Ort über eine Öffnung der Sportstätten und die Zulassung zum Trainingsbetrieb. Wobei sich die Frage stellt: Dürfen sie das überhaupt?

Inzwischen ist an der Basis Ernüchterung eingekehrt. Der bei Ausdruck sechsseitige Ratgeber entpuppt sich bei genauerem Studium für die meisten Funktionäre und deren Vereine als kaum umsetzbar.

Mehr noch. Der seit einiger Zeit um ein besseres Image bemühte Verband um seinen ebenso kritisch beäugten Präsidenten schießt dem Gros der Basis nach sogar ein gewaltiges Eigentor und belegt deren Meinung nach, dass "der BFV sich eh nur um die großen Vereine kümmert. Koch und Konsorten sind wir Kleinen doch völlig wurscht!". So formulierte es ein Vereinsvorsitzender aus dem Kreis Forchheim, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Auch bei den Trainern, die diese Anweisungen hauptsächlich hätten umsetzen sollen und denen dabei der größter Teil der Verantwortung aufgebürdet würde, nehmen die in einer Umfrage befragten Übungsleiter mit deutlichen Worten Abstand. Vor allem, dass der BFV die Last der Haftbarkeit im Schadensfall von seinen Schultern auf die seiner Vereine schiebt, ihnen damit unkalkulierbare Risiken aufnötigt und im Krankheits- oder Todesfall die Hände in Unschuld waschen kann, geht vielen gegen den Strich.

Bezeichnend: Keiner aus dem befragten Trainer-Quintett der im Spielkreis verteilten Vereine wird das Training nach Rücksprache mit seinen Funktionären und Spielern zeitnah wieder aufnehmen.

Die fünf Trainer äußern sich

Armin Appelt (52), noch Trainer beim TSV Neunkirchen in der Kreisliga 2, redet nicht um den heißen Brei herum. Er sei zunächst erstaunt und eher erschrocken gewesen, als er vor Wochenfrist die sinngemäße Schlagzeile des BFV las: "Es geht zurück auf den Platz!" Appelt: "Je öfter ich den Leitfäden gelesen habe, desto mehr wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen sollte? Ich bin jetzt seit über 20 Jahren Trainer, doch so etwas habe ich noch nie erlebt. Das Prozedere kann man vielleicht in der Regionalliga oder Bayernliga einigermaßen durchführen. Doch was soll eine drei- bis viermonatige Trainingsphase vor dem eventuellen Wiederbeginn bringen, in dem man den eigentlichen Sinn des Sports nicht durchführen kann und darf?"

Appelt wundert sich, dass sich viele durch die Überschrift verleiten lassen, sofort los zu legen: "Dabei müssten Kreise und Kommunen ohnehin erst noch zustimmen, sind aber unterschiedlicher Meinung. Was ist, wenn im Training jemand erkrankt, obwohl du dich strikt an die Vorgaben gehalten hast? Ich würde diese Verantwortung definitiv nicht übernehmen. Solchen Hickhack zu veranstalten ist in meinen Augen nur noch lächerlich."

Stefan Hiltl (52), der den TSV Ebermannstadt vorige Saison in die Kreisliga zurückführte, ist inzwischen am Punkt angelangt, dass er die täglich wechselnden Stimmungsbilder nicht mehr weit an sich heranlassen will. Er sieht zum derzeitigen Zeitpunkt keinerlei Sinn im Leitfaden.

"Manchmal bin ich fast schon zu müde, jeden Artikel von vorne bis hinten durchzulesen, um am Ende festzustellen, dass ich mir die Zeit hätte sparen können. Auch der vom BFV klang durch die Überschrift zunächst ja sehr positiv. Einige meiner vor allem jüngeren Spieler, die lange Texte eher überfliegen, haben sich davon zu Euphorie verleiten lassen und gleich angerufen, wann denn die erste Trainingseinheit sei."

Dabei stehe ja noch nicht einmal fest, dass die Saison Anfang September tatsächlich weitergehe und bis dahin nur zu trainieren würde den Kickern bald langweilig werden. "Diese Verhaltensregeln sind einfach nur schnell in den Raum gestellt worden", meint Hiltl, und weist zudem darauf hin, dass zum Passrecht noch viele Fragen offen und die Wechselfristen ungeklärt sind: "Nach derzeitigem Stand könnte man ab September beim Gegner auf eine ganz andere Mannschaft treffen."

René Müller (36) aus Trainmeusel bei Muggendorf führt seit Beginn der Saison das Zepter beim SC Egloffstein in der A-Klasse 3. Er findet sowohl Zeitpunkt als auch die Inhalte des Leitfadens für verfehlt und kreidet dem BFV an, damit öffentlich nur selbst gut dastehen zu wollen.

"Einen momentanen Start in eine Art Vorbereitung halte ich schlicht für sinnfrei. Letztlich steht ja noch nicht mal fest, ob es nicht doch zum Abbruch kommt, trotzdem solle man sich über mindestens dreieinhalb bis vier Monate auf einen ungewissen Auftakt vorbereiten. Was sich die Handelnden dabei gedacht haben, ist unschwer zu entlarven. Sie schieben den Ball der Verantwortung samt Kosten den Vereinen zu. Solange kein Spielbetrieb herrscht, haben Vereine keinerlei wirtschaftliche Einnahmen und dürfen ja noch nicht mal ein Seidel Bier im Clubhaus verkaufen. Demgegenüber stehen Kosten für Platzpflege, Flutlicht und vor allem für die empfohlenen Maßnahmen."

Vor und nach dem Training jeder Mannschaft seien alle Bälle und Hütchen zu desinfizieren. Anschaffung und Umbauten hierzu für teures Geld aus eigener Tasche ist ebenso Sache der Vereine, die dafür den Schwarzer Peter bekommen.

Prell und das Problem der Ehrenamtlichen

Udo Prell (44), Trainer beim BSC Erlangen in der Kreisklasse 1, hatte schon vor einiger Zeit von sich aus das Gespräch mit den Vereinsverantwortlichen gesucht, wie ein "Training light" eventuell umzusetzen wäre, ohne Gefahr zu laufen, behördliche Vorgaben zu verletzen.

"Keine Frage, es wäre schon schön, sich mal wieder am Platz zu sehen und gegen den Ball zu treten. Doch das, was hier vom Verband als helfende Richtlinie verkauft wird, ist grotesk und in der geforderten Umsetzung nahezu lächerlich. Welcher Amateurverein, wenn er nicht in der Regional- oder Bayernliga spielt, sollte sich denn überhaupt eine eigens dafür abgestellte Person leisten können. Unser Sport krankt eh schon an zu wenigen Ehrenamtlichen und auf einmal wird noch extra ein Corona-Beauftragter gebraucht? Jemand, der über alles Buch führt, was soll das?"

Ihn treibt außerdem die Sorge um die Gesundheit seiner Spieler um. In seinem Umfeld mehren sich die Stimmen, die Saison komplett abzubrechen: "Für mich klang die Nachricht erst erfreulich, aber der BFV schiebt nur die Verantwortung von sich weg zu uns. Und wenn am Ende jemand stirbt, hast du das Theater und die Schuld bleibt an dir hängen."

Andreas Stenglein, mit Ferdinand Drummer gleichberechtigter Spielertrainer beim SV Pretzfeld in der Kreisklasse 2, nennt große Teile der Empfehlung als bodenlose Frechheit gegenüber den kleineren Vereinen. Diese seien finanziell ohnehin gebeutelt und schultern die eigentliche Basisarbeit, hätten aber nur Kosten.

"Wir haben uns intern darüber unterhalten und nicht nur ich finde vieles total widersprüchlich. Man kann sich ohne die Einnahmen aus dem Spielbetrieb so schon kaum über Wasser halten, stattdessen soll man mit viel Eigenaufwand auch noch umsetzen, was der BFV fadenscheinig als gute Hilfe deklariert und verursacht noch mehr Kosten. Klar, der Verband ist ja fein raus, wenn dann doch was passiert, weil die Schuld am Verein oder Personal hängenbleibt, selbst wenn man sich strengstens an die Vorgaben gehalten hat."

Stenglein denkt zudem an die Kinder, die die Sachlage kaum verstehen könnten: "Erwachsene werden sich schon schwer tun körperliche Kontakte im Training zu vermeiden. Aber wie soll man beispielsweise bei E-Jugendlichen verhindern, dass sie sich über ein erzieltes Tor freuen und miteinander jubeln?"

+++ Update: Der BFV hat unabhängig der in diesem Artikel geäußerten Kritik auf ein paar drängende Fragen geantwortet +++

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