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Die Krise als Chance? "Die Vereine haben sich geöffnet"

Interview

Die Staatsregierung erlaubt den Amateurfußballvereinen in Bayern nun doch Testspiele. Dennoch liegen hinter vielen Klubs schwierige Wochen und Monate ohne geregelten Alltag auf und neben dem Sportplatz. Der Soziologe Tim Frohwein sieht trotz aller Probleme aber auch Chancen in der andauernden Krise.

Die Krise kann für viele Amateurvereine auch eine Chance sein, glaubt der Soziologe Tim Frohwein.

 / © Zink

Herr Frohwein, in den vergangenen Wochen und Monaten hörte man viele Vereine klagen. Sie hingegen sehen in der Corona-Krise auch eine Chance für den Amateurfußball...

Das habe ich vor ein paar Wochen gesagt, vermutlich würde ich es inzwischen etwas differenzierter formulieren. Ich sehe aber immer noch viele Chancen.

Welche?

Einerseits, dass die Digitalisierung des Amateurfußballs einen großen Schritt nach vorne macht, andererseits, dass die Bezahlkultur zurückgedrängt wird. Denn Krisen sind, nicht nur im Sport, eine Möglichkeit, die Weichen in eine andere Richtung zu stellen und Normen zu verändern. Sie bieten Vereinen eine Chance zur Erneuerung.

Denken die Menschen in den Vereinen gerade überhaupt soweit? Oder kämpfen vielerorts die Vereine nicht schlichtweg ums Überleben?

Die Digitalisierung war schlicht eine Begleiterscheinung der Krise. Da musste niemand darüber nachdenken, es ist einfach passiert. Die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation waren lange die einzigen, wie man das Vereinsleben aufrechterhalten konnte. Die Vereine konnten Vorstandssitzungen abhalten oder Kinder über Video trainieren. Im gehobenen Amateurfußball wurde sogar versucht, auf diesem Wege Einnahmen zu generieren.

Inwiefern?

Da gab es sehr spannende Projekte. Beispielsweise eine virtuelle Stadionchoreografie des FK Pirmasens, bei der die Fans gegen eine Spende Teil einer Choreografie sein konnten. Und es gab digitale Bratwürste, digitale Tickets. In der Bremenliga haben der Bremer SV und der FC Oberneuland ein Derby an der Playstation nachgespielt – inklusive Vorbericht, bei dem die Trainer digital zugeschaltet wurden. Das war dann ein Streaming-Event, bei dem über 1000 Leute zugeschaut haben.

In Nürnberg gab es auch digitale Ligen, der KSD Croatia wurde sogar Bayerischer Pokalsieger...

Für mich gehört das alles zur Digitalisierung. Die Vereine haben sich dem E-Sports und digitalen Kommunikationskanälen wie Skype oder Zoom geöffnet, vielleicht auch den sozialen Medien oder Newslettern. So konnten Vorstände die Mitglieder weiterhin erreichen, denn der informelle Austausch am Sportplatz ist ja überall weggefallen. Die Menschen mussten sich gar nicht so sehr Gedanken machen, wie sie diese Möglichkeiten nun am besten nutzen und welcher Aufwand damit verbunden ist – sie haben es in der Not einfach gemacht.

Eine Zoom-Konferenz kann aber auf Dauer nicht die fehlende gemeinsame Zeit kompensieren. Vor allem nicht bei Kindern, die einfach auf dem Sportplatz Fußball spielen wollen. Ein Allheilmittel ist die Digitalisierung also auf keinen Fall.

Natürlich nicht. Es war eine Chance, diese Zeit zu überbrücken. Es wird aber etwas bleiben. Man hat Erfahrungen gesammelt und mancher, der vielleicht zuvor skeptisch war, hat gesehen, was möglich ist. Das kann ja künftig parallel zum regulären Vereinsleben stattfinden. Wenn bei einer Mannschaftssitzung zwei Leute nicht dabei sein können, werden sie in Zukunft vielleicht einfach per Skype zugeschaltet.

Sie haben die Kultur, selbst in unterklassigen Ligen Spieler zu bezahlen, angesprochen. Wird da Ihrer Auffassung nach auch etwas bleiben? Oder ist der Hunger nach Erfolg einfach größer?

Wir haben diese Thesen bei einer Zukunftswerkstatt des Zeitspiel Magazins zur Diskussion gestellt. Bei der Digitalisierung wird etwas bleiben, da war man sich ziemlich einig. Bei der Bezahlkultur dagegen waren viele unentschlossen. Ich bin mir da auch unsicher. Jetzt ist aber der richtige Zeitpunkt, in die Offensive zu gehen und über eine Initiative nachzudenken. Vereine, die das alles nicht mehr mitmachen wollen, könnten sich über eine freiwillige Selbstverpflichtung zu einer Community zusammenschließen und ein Zeichen setzen, dass es auch anders gehen kann.

Bis der sportliche Erfolg ausbleibt.

Wenn die Normalität wieder so möglich ist, wie wir sie kennen, wird sich vieles auch wieder zurückentwickeln. Der Amateurfußball kann sich einem kapitalistischen, von Leistungsdruck und ökonomischer Logik geprägtem System auch nicht entziehen. Gerade geht es aber vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht so gut. Die Firmen müssen also sparen und vielleicht wird dann der Geldhahn für den Fußballverein des Herzens ein wenig oder sogar ganz zugedreht. Da müssen sich manche Vereine einfach Gedanken machen.

Was kann ein kleiner Verein machen, um sich zu vernetzen? Man kennt ja als Funktionär nicht Menschen aus ganz Bayern.

Meiner Meinung nach sollte das ein deutschlandweites Projekt sein. Über eine Internetseite könnte sich jeder die freiwillige Selbstverpflichtung herunterladen, in der steht, dass man sich gegen die Bezahlkultur ausspricht und stattdessen auf Jugendarbeit, auf Geselligkeit setzt. Die unterschreibt der Vorstand nach Rücksprache mit den Mitgliedern, im Gegenzug bekommt er eine Art Siegel, dass der Verein sich zu bestimmten Werten bekennt.

Ich höre viel Idealismus bei Ihnen ...

Das ist richtig, aber ohne Idealismus wäre das Leben ja langweilig. Es haben sich in den vergangenen Monaten auch schon viele Vereine aus ganz Deutschland bei mir gemeldet, die diese Idee gut finden.

Tim Frohwein (36) ist Soziologe, arbeitet an der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften und leitet das Projekt „Mikrokosmos Amateurfußball“. Dieses widmet sich unter anderem mit Veranstaltungen der gesellschaftlichen Bedeutung des Amateurfußballs. Frohwein lebt in München.

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