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Andreas und Sebastian Heid: Zwei Generationen, eine Berufung

Portrait

Andreas und Sebastian Heid sind leidenschaftliche Torhüter – sie sprechen über alte Erfolge, modernes Torwartspiel und den Reiz ihrer Position.

Vater Andreas Heid und Sohn Sebastian: Beide teilen die Leidenschaft für die Torhüterposition.

 / © Dominik Mayer

Vielleicht hätte die Karriere von Andreas Heid noch erfolgreicher verlaufen können als ohnehin schon. Hätte er sich damals, am 30.März 1993, nicht dazu hinreißen lassen, fast auf Höhe der Mittellinie zum Dribbling anzusetzen – als Torhüter wohlgemerkt. Ein Spieler des FC Memmingen nahm ihm den Ball vom Fuß und legte quer auf einen Stürmer, der zum 2:1-Sieg der Gäste ins Tor schob. Dabei hatte sich Heid so auf dieses Spiel gefreut, sein erstes in der damals noch drittklassigen Bayernliga. Im Dress des altehrwürdigen TSV 1860 München wollte er, der unbekannte Junge aus Pfofeld, zeigen,dass ihn Trainer Karsten Wettberg in der Saison zuvor nicht ohne Grund aus Weißenburg nach München geholt hatte. Heids erste Saison in der Landeshauptstadt endete mit dem Abstieg aus der zweiten Liga. Der Neuanfang, auch eine Chance für den jungen Torwart, sich gegen den etablierten Rainer Berg zwischen den Pfosten durchzusetzen. Doch nach dem Patzer gegen Memmingen dauerte es nur noch ein paar Spiele bis der legendäre Werner Lorant Heid wieder auf die Bank setzte.

Als der heute 52-Jährige im Hof vor seinem Pfofelder Eigenheim sitzt, erzählt er ohne Groll über seine Zeit bei den Löwen. Einen Abstieg und den anschließenden Durchmarsch in die 1.Bundesliga erlebte Heid mit dem Münchener Traditionsverein. Sohn Sebastian, der auf einem Klappstuhl neben seinem Vater sitzt und ihm aufmerksam zuhört, war damals auch schon dabei. „Als wir in die Bundesliga aufgestiegen sind, hab ich ihn im Mannschaftsbus auf dem Arm gehalten“, erinnert sich Heid.

Inzwischen ist der Sohn dem Säuglingsalter längst entwachsen, steht bei der Spielvereinigung Ansbach in der Bayernliga im Tor. Der Weg in diese Liga entspricht exakt dem des Vaters. Angefangen beim Dorfverein in Pfofeld über die Zwischenstation TSV 1860 Weißenburg, ist Sebastian nach Ansbach gekommen. Genau wie der Papa, der statt in die Bezirkshauptstadt von Weißenburg nach München gewechselt ist. Eine andere Welt sei das dort gewesen, sagt er. „Da habe ich zum ersten Mal einen Torwarttrainer gesehen. Der hat mir nach dem ersten Training gleich gesagt, dass es noch viel zu tun gibt“, erinnert sich Andreas Heid. Zweimal pro Woche hat er in Weißenburg trainiert. Bei 1860 war plötzlich jeden Tag eine Übungseinheit angesetzt. Nicht unbedingt ein Vergnügen – schon gar nicht unter Werner Lorant. „Sehr, sehr hart“ habe die Mannschaft unter ihm trainiert. „Er war ein schwieriger Mensch“, sagt Heid, und man darf annehmen, dass das noch eine eher wohlwollende Beschreibung des zum Jähzorn neigenden Cheftrainers ist.

War es für den aufstrebenden Torwart Sebastian manchmal eine Belastung, einen Vater zu haben, der selbst auf dieser Position erfolgreich war? „Na ja, als ich sein Trainer war, da war ich vielleicht nervig“, kommt der Vater einer Antwort zuvor. „Ne, nicht mal da warst du arg nervig“, widerspricht der Sohn. „Auf dem Platz warst du der Trainer und daheim der Vater.“ Von 2014 bis 2017 war er der starke Mann an der Seitenlinie der SpVgg Ansbach. In der Spielzeit 16/17 drängte der Sohn in die Mannschaft, überzeugte durch seine Eigenschaften als moderner, mitspielender Torwart.

Eigentlich ein Grund zur Freude für den Vater, doch die Frage, ob Sebastian oder dessen etwa gleichstarker Konkurrent im Tor stehen sollte, wurde zur Belastung. „Ich wollte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, Sebastian spielt nur, weil er mein Sohn ist“, berichtet Heid. „Um das zu vermeiden, habe ich immer wieder auch den anderen spielen lassen – obwohl ich Sebastian eigentlich einen Tick stärker fand.“ Der Spagat zwischen Vater- und Trainerrolle geht dem Ex-Torwart an die Nieren. Schließlich erleidet er während eines Spiels einen Hörsturz und gibt das Traineramt zum Ende der Saison 16/17 auf.

Ehrlicher Sport ohne Allüren

Sebastian spielt noch immer in Ansbach, als Stammtorhüter. „Viele aus meinem Team kenne ich schon aus der Jugend. Wir sind ein bisschen wie ein Dorfverein, nur auf höherem Niveau“, sagt er. Wie sein Vater schätzt Sebastian das Bodenständige, den Zusammenhalt, den ehrlichen Sport. Als die beiden vor ihrem Haus über Fußball philosophieren, grüßen sie fast jeden, der zufällig vorbeikommt. Zwischendurch leiht sich ein Nachbar das Auto aus. Mehr Bodenhaftung geht kaum. „Wir sind keine Vereinshopper“, stellt der Vater klar, der nach seiner Zeit in München nur noch das Trikot des SV Lohhof und des SC 04 Schwabach trug.

Die moderne Fußball-Welt mit ihren großflächig tätowierten, neureichen Ballzauberern betrachten beide mit skeptischer Distanz. Das Sky-Abo ist längst gekündigt, die Liebe zum Profi-Fußball abgekühlt. Mit Millionentransfers, goldenen Steaks und Personenkult kann einer wie Andreas Heid nichts anfangen. Er kommt aus einer Zeit, in der sich die meisten Fußballer noch als Sportler verstanden, nicht als Stars. „In München habe ich in der Praxis unseres Masseurs mitgearbeitet. Sonst hätte ich mir nichts zu essen kaufen können“, berichtet er. Heute arbeitet er als Spengler, Sohn Sebastian ist Heilerziehungspfleger.

Von ihrem Platz zwischen den Pfosten sind beide fasziniert. „Mal bist du der Held, und mal bist du der Depp“, bringt Sebastian die Situation eines Torhüters auf den Punkt. „Aber diese Verantwortung, die macht es gerade so interessant“, findet der Vater. „Wer einen guten Torwart hat, hat meistens auch eine gute Abwehr. Man strahlt aus, kann die ganze Mannschaft stabilisieren.“ Außerdem hat sich das Torwartspiel in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. „Wenn ich aus dem Tor gegangen bin, haben mich die Trainer wieder zurückgepfiffen“, erzählt Andreas. Manuel Neuer oder Mark-André ter Stegen – deren Spiel sich Sebastian zum Vorbild genommen hat – passiert das heute nicht mehr.

Sollte es in der menschlichen DNA sowas wie ein Torwart-Gen geben, im Stammbaum der Heids wäre es fest verankert. Schon Andreas hatte einen Torwart zum Vater und bemerkte früh, dass sein eigener Sohn ebenfalls für den Platz zwischen den Pfosten geboren war. „Man sieht das einfach“, sagt er. „Wenn ein Kind zum Ball hingeht, wenn es Richtung Ball fällt und keine Angst hat, dann hat es Talent.“ Eine Eigenschaft, die Vater und Sohn gleichermaßen für sich in Anspruch nehmen dürfen. Aber wer ist eigentlich der bessere Mann im Tor? „Ich. Ja, ich würde schon sagen, dass ich besser bin“, sagt Sebastian mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Der Vater zögert ein paar Sekunden, ehe er zustimmt. „Aber du hast auch viel bessere Trainingsbedingungen.“

Motivator für die Jungen

In der Tat scheint es für Sebastian in Ansbach perfekt zu passen. Seit 2009 spielt er dort, ist im Alter von 26 schon dienstältester Spieler. „Klar gibt es mal Phasen, in denen es einem zu viel wird. Da denkt man, beim Heimatverein in Pfofeld hätte man es leichter“, sagt er. Lange dauern diese Phasen nie. Sebastian ist ehrgeizig, fährt viermal pro Woche die 40 Kilometer zum Training nach Ansbach, samstags absolviert er sogar zwei Einheiten. Vater Andreas ist unterdessen wieder zu seinem Herzensverein zurückgekehrt. Bei der SG Pfofeld/Theilenhofen steht er als Trainer an der Seitenlinie, hat den Klub von der A-Klasse in die Kreisklasse geführt. „Ich mache das, weil ich junge Leute vorwärts bringen will.“ Dass der Coach einst mit den Münchener Löwen den Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse geschafft hat, dürfte bei den Spielern der SG auch schon Thema gewesen sein. Heid selbst hat seine Zeit an der Grünwalder Straße aber vor allem auch privat in guter Erinnerung. „Ich habe dort meine Frau kennengelernt. Allein das war alle Mühen wert.“

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