Das Amateurfußballportal für Mittelfranken
Partner im
Amateurfußballnetzwerk
Partner im Amateurfußballnetzwerk

Giering: "Es geht nicht nur um 90 Minuten"

"Typen, Themen, Temperamente"

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er noch viel mehr? In unserer neuen Reihe "Typen, Themen, Temperamente" sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Premierengast Markus Giering (27) ist Kapitän des Bezirksligisten FC Kalchreuth, er arbeitet in der Medienabteilung des FC Bayern München und ist auf Mittelfrankens Sportplätzen wohlbekannt.

"Ich finde schon, dass die erste Mannschaft eine Vorbildfunktion hat". In Kalchreuth legen sie nicht nur auf das Sportliche Wert.

 / © Zink

Hallo Herr Giering, wo erreichen wir Sie denn diesmal? In Shanghai oder München?

(Lacht) Tatsächlich in Kalchreuth. Ich wohne eigentlich in Nürnberg in einer kleiner Wohnung, im Home Office bin ich aber oft im Elternhaus in Kalchreuth. Da ist es mit Laufstrecken vor der Haustür auch angenehmer als in Nürnberg.

Fehlt Ihnen an Sonntagen etwas, wenn Sie nicht den frisch geschnittenen Rasen riechen und die Kalklinien in der Sonne blitzen?

Klar, man merkt, wie lange so ein Sonntag ist und wie viel Zeit man an einem Wochenende ohne Fußball hat. Sonst ist der Sonntag eng getaktet: Spielst du um 15 Uhr, trifft man sich um 13 oder 14 Uhr, je nachdem wie ambitioniert der Trainer ist. So oder so ist der Vormittag nicht wirklich brauchbar. Mir fehlt das total – mit allem, was dazugehört. Wir treffen uns in kleiner Runde Sonntagfrüh, zocken gemeinsam Fifa und stimmen uns ein. Plus Spiel, plus danach mit Leuten im Kartoffelhaus sitzen. Im Moment braucht der Sonntag schon eine neue Bedeutung.

Steht Fußball in Kalchreuth für Sie für Heimat, Nähe, Geborgenheit?

Absolut, das ist das, was momentan am meisten fehlt, die Gemeinschaft und Geselligkeit. In Kalchreuth schauen zwar nicht jedes Spiel 500 Zuschauer zu, aber wir haben einen sehr eingeschworenen Kern aus Spielern und Zuschauern. Das ist eine Clique, das ein deine Gemeinschaft. Ich hab’ die Hoffnung, dass die Menschen jetzt deutlicher merken, was den Amateurfußball ausmacht. Da geht es nicht nur um die 90 Minuten Bezirksligafußball. Man nimmt sich da wichtig, aber Bezirksliga interessiert doch ehrlich gesagt am Ende nicht wirklich. Wichtig ist doch, eine gute Zeit zu haben mit den Leuten, die alle für den Verein etwas machen und die Gemeinschaft pflegen. Das sollte am Ende hängenbleiben, Ergebnisse zählen doch nur am Spieltag.

Abgenutzt, aber hier womöglich zutreffend: Kann die Krise nicht auch eine Chance sein für den Amateurfußball?

Voll. Bei den Zuschauern ist es echt eine Chance, sie könnten merken, wie gut es ist, in einer coolen Runde am Sportplatz zu stehen. Und von der aktiven Seite glaube ich nicht, dass viele Spieler nach einer Pause nicht mehr anfangen. Viele Spieler wollen doch einen anderen Abgang, als nur in einer Whats App-Gruppe auszutreten. Habe die Hoffnung, dass es viele Spieler zu einem ordentlichen Ende bringen wollen.

Andersherum gefragt: Immer weniger junge Menschen schließen sich den Fußballklubs an, ist das ein isoliertes Problem des Fußballs oder ein gesellschaftliches Thema?

Mit der Entwicklung in anderen Sportarten kenne ich mich zu wenig aus. Aber ich glaube, dass es generell ein Problem des Angebots ist. Mittlerweile kannst du in deiner Freizeit so unfassbar viele Sachen machen. Ich bin keine 70 Jahre alt und hab’ die Weisheit nicht mit dem Löffel gefressen, aber früher gab es dieses breite Angebot nicht. Für mich als Jugendspieler war es klar, dass ich sonntags der Ersten zuschaue. Das hast du nicht mehr. Das wird auch vom Elternhaus nicht mehr vorgelebt, und damit steht und fällt es auch.

Fußball als Selbstläufer ist Vergangenheit. Ist nun das entscheidende Thema, Begeisterung zu wecken?

Du musst die Sportart und den Verein attraktiv machen. Wir versuchen das in Kalchreuth. In der G-Jugend sind es viele Kinder, je älter sie werden, desto mehr wandern ab. Sexy klingt so nach Marketing, aber es gilt, den Verein attraktiv zu machen. Sei es durch Auftritte in Social Media oder irgendwelche Events. Der Verein muss ein Thema, muss in aller Munde sein, sonst wird es schwer.

Sind da viele Vereine nicht in der Zeit stehengeblieben?

Stehengeblieben klingt, als würde ich es bewerten. Das will ich gar nicht. Es machen viele Vereine gut, viele Vereine probieren sich aus. Man muss fairerweise sagen, dass es viele Aufwand ist und die Zahl an Leuten, die so etwas machen, wird nicht unbedingt größer. Wir haben den Vorteil, dass wir eine junge Mannschaft haben und es entsprechend leicht ist, sich um ein bestimmte Geschichten zu kümmern. Das ist ein Generationenthema. Ich glaube nicht, dass die Vereine schlafen. Wir sind in Kalchreuth nicht schlauer oder haben das früher erkannt, wir haben nur das Glück, mit den richtigen Menschen am richtigen Ort.

Können sich Amateurklubs da etwas von Profis abschauen?

Einen Profiverein zu kopieren, schaffst du allein schon wegen der Kapazitäten nicht. Aber du kannst die Basics von Profiklubs adaptieren. Du kannst über deine Spiele berichten, auch du kannst Grafiken gestalten mit Ergebnissen und Torschützen. Wir haben unsere Heidi Huber als Fotografin, das ist ein Schatz für einen Bezirksligisten, wenn du jede Woche ein Fotoalbum mit hundert Bilder hast. Und du brauchst Geschichten, aber nicht Erfundenes aus der Nase gezogen. Wir haben das Glück, solche Geschichten erzählen zu können.

Wie weit klafft aus Ihrer Sicht die Schere zwischen Profis und Amateuren? Sprich ein Fußball, aber zwei Welten?

Diese Kluft gibt es überall, der Fußball wird mir da oft zu negativ geredet. Wir pausieren, die Profis spielen weiter. Da ist der Fußball eben ein Wirtschaftszweig, für uns ist es ein Hobby. Da ist es okay, wenn es zwei Maßstäbe gibt.

Der Deutsche Fußball-Bund hat kürzlich den Masterplan 2024 zur Stärkung der Amateurthemen herausgegeben. Haben Sie davon schon gehört?

Ehrlich gesagt nicht. Es geht da nicht um den Videobeweis oder?

Nein, es ist ein Grundsatzpapier, das alles besser machen soll. Kurzum: mehr Spieler, mehr Trainer, mehr Schiedsrichter, mehr Zuschauer generieren im Amateurbereich. Ist das nötig?

Prinzipiell finde ich es gut, sich Gedanken zu machen, wie man mehr Spieler, mehr Zuschauer anziehen kann, und wie man Kinder begeistern kann. Ich glaube schon, dass es nötig ist, weil ja immer weniger Kinder zum Kicken kommen. Ob die Maßnahmen dann realistisch sind, weiß ich aber nicht. Klar kannst du zehn verschiedene Ansätze umsetzen, aber wenn dir dazu im Verein die Leute fehlen,nützt dir das schönste Papier nichts. Man muss in Sachen Ehrenamt weiterdenken, wie man Menschen dafür begeistert.

Vielleicht haben Sie da eine Idee?

(Lacht) Ich finde schon, dass die erste Mannschaft da eine Vorbildfunktion hat.

Als Aushängeschild...

Ja, genau. Wenn die Erste sympathisch ist und sich im Dorf einbringt, glaube ich schon, dass du die Mitgliederzahlen über Jahre entwickeln kannst. Bei unserem Fußball-Sommercamp sind wir mit 30 Kindern gestartet und waren letztes Jahr mit über hundert Teilnehmern restlos ausgebucht. Von 14 Trainern kamen zehn aus der ersten Mannschaft. Das ist schon ein Mechanismus. Jetzt fahren wir für unseren Sportheimwirt Essen aus und unterstützen damit die Jugend noch mit einer Spende. So bleibst du Gesprächsthema und begeisterst Kinder und Eltern. Wenn aber jemand partout keinen Bock mehr auf Fußball hat, wird er nicht wieder anfangen, weil ihm Markus Giering Kartoffelecken vorbeigefahren hat.

Geht es demnach vor allem um Respekt und Begeisterung, Menschen auf einem Weg mitzunehmen?

Es geht viel um Persönlichkeiten, um Menschen, die auf etwas Lust haben und für gewisse Werte stehen und das nicht aus Eigennutz machen.

Mehr zum Thema

Bezirksligen 2021/22 mit alternativem Saisonmodell?

Bezirksspielleiter Thomas Jäger bittet seine Bezirksligisten bis zum 3. März zur Urne. Es geht um den Spielmodus 2021/22. Zur Diskussion stehen neben der herkömmlichen Variante auch alternative Modi.

SK Lauf und der TSV Lauf wollen die Fusion

Im Laufer Fußball bahnt sich Spektakuläres an: Der SK Lauf und der TSV Lauf wollen ihre Kräfte bündeln und planen eine Fusion. Doch es gibt noch Hürden zu überwinden.