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Buch-Kapitän Stefan Fleischmann: "Wir sind durch und durch der TSV"

Landesliga Nordost

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er noch viel mehr? In unserer Reihe "Typen, Themen, Temperamente" sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Stefan Fleischmann ist Landwirt und Kapitän des Landesligisten TSV Buch. Sein Verhältnis zu diesem Verein ist mit dem Wort Liebe wohl am besten zu beschreiben. Mal steht der 31-Jährige mit drei Weizen vor der Trainerkabine, mal läuft er einen Halbmarathon. Und ganz gewiss kann keiner so herrlich schimpfen wie der Bucher "Capitano", der sich weigerte auch nur 3,61 Euro anzunehmen.

Derzeit hat er etwas weniger zu tun: Ansonsten sind die Arbeitstage für Buchs Kapitän Stefan Fleischmann auf den Äckern im Knoblauchsland oft mehr als acht Stunden lang.

 / © Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Was macht der Landwirt Stefan Fleischmann in diesen Tagen ohne Kopfsalat, Fußball und Skifahren?

Aktuell überlege ich, ob ich auf einen Marathon hintrainiere. Ich mache schon mal Krafttraining bei uns im Fitnessraum über der Garage und laufe viel. Aber so ganz weiß ich nicht, was ich mit der Zeit treiben soll. Ich liege viel am Sofa, schaue Sport, zuletzt den Club – sehr traurig.

Sie werden im Mannschaftskreis ja schon Forrest Gump gerufen...

Wer hat denn das wieder erzählt? Ja, stimmt, find’ ich ganz lustig.

Fehlt mit dem Fußball nicht auch ein Stück Familie?

Auf jeden Fall. Die meisten Kumpels spielen schon seit zig Jahren zusammen, Fußball und Freunde eben, das fehlt am meisten. Du triffst ja kaum noch jemanden. Mal zum Fußball schauen, mehr geht ja nicht.

Ihr Vater hat lange für den TSV gespielt und engagiert sich noch immer stark, gab es für Sie und Ihren Bruder Christian jemals eine andere Option als den TSV?

Ich bin quasi mit meiner Geburt beim TSV angemeldet worden und hab’ mit fünf mit dem Fußball begonnen. Andere Vereine bekommen es auch mit, dass wir durch und durch Buch sind. Klar hat jeder mal ein Angebot bekommen, mein Bruder aus Seligenporten, ich aus Amberg. Aber da war nie ein ernsthafte Überlegung, den Verein zu verlassen. Das könnte ich nicht.

Sie sind Kapitän der Mannschaft und doch noch viel mehr als nur das: Wie fühlt man sich als die Identifikationsfigur schlechthin, als die Sie immer beschrieben werden?

Ich bin nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Im Team, im Verein mache ich das gerne, weil es eine Herzensangelegenheit ist. Da bin ich für jeden da, auch aus der zweiten und dritten Mannschaft. Es fühlt sich schon gut an. Ich bin da aber nicht der einzige, unser Udo Brehm ist eine Legende, ein Vorzeigemodell.

118 Kilo Körpergewicht

Ihre persönliche Entwicklung ist aber auch spannend. Begonnen hatte alles ziemlich weit unten...

In der Jugend hatte ich nicht das Idealmaß, mit 17 hab’ ich noch 118 Kilo gewogen, 35 mehr als jetzt. Ich habe in der Zweiten in der A-Klasse begonnen. Weil die ganzen Kumpels aber Erste gespielt haben, musste ich etwas ändern. Ich hab dann in drei Monaten 35 Kilo abgenommen, durfte nach einem halben Jahr in der Bezirksliga spielen und bin dann mit der goldenen Generation bis in die Landesliga aufgestiegen.

Was bleibt da bei Ihnen besonders in Erinnerung?

Die Aufstiege, die Feste, das ist eine coole Sache. Aber eine unvergessliche Geschichte sind diese Aufstiegsendspiele gegen Vach in einer Riesensaison, in der der ATSV Erlangen leider noch ein bisschen besser war. Als wir in der Relegation gegen Vach das 1:0 gemacht haben, hat der ganze Boden gebebt. Da fühlt man sich kurz wie ein Profi im Stadion vor 50.000 Fans. Da weiß man, was das ausmachen kann.

Ist eine derartige Vereinstreue nicht aus der Zeit gefallen?

Früher war das noch familiärer, da kam wirklich jeder aus dem Knoblauchsland. Diese Gruppe gibt es schon noch, viele kommen aber auch von weiter weg. Sonst würden wir wohl auch nicht mehr in der Landesliga spielen. Die integrieren sich aber auch so, wie es der Verein vorlebt. Bei irgendwelche Arbeiten helfen alle zusammen, nach dem Spielen bleiben wir im Vereinsheim sitzen, der Kern zumindest.

Aber selbst in Buch hat sich doch etwas gewandelt?

Manche integrieren sich schneller, manche langsamer. Durch Corona lief auch nicht alles so wie gewünscht mit den Einschränkungen. Wir leben auch von der Kärwa, da gehst du nach den Spielen hin, trinkt zwei, drei Maß. Wobei das keine Pflicht ist, aber auch gar keine Frage. Das familiäre Leben geht weiter mit dem Ehrgeiz zusammen. Wenn etwa unser Sponsor, der selbst lange gespielt hat, vor der Mannschaft spricht und alle mitreißt.

Ist der TSV so etwas wie ein verklärtes Ideal des Amateurfußballs?

Wenn ich Ja sage, denken alle, ich sei arrogant. Viele Vereine eifern uns nach, das kann ich mir vorstellen. Aber für jeden Verein gibt es ein anderes Ideal. Kommen Spieler zu uns, fühlen sie sich gleich sehr wohl. Am Trainingsplatz arbeiten wir hart, nach dem Training ist wieder alles locker. Ich finde das ideal.

Das Tattoo der Bucher Jungs nebst Totenkopf: Wie kam es zu dem Vereins-Branding und der Idee, das auf dem eigenen Körper zu verewigen?

(Lacht) Das war ein bisschen kurios. So weit ich mich erinnern kann, war das an einem Polterabend unseres Torwarttrainers Stefan Schwarzkopf. Wir waren als Mannschaft eingeladen, früh um vier waren noch acht Spieler da. Unser Matthias Leibold hat das Logo dann auf St. Pauli angepasst, irgendeiner kam auf die Idee mit dem Tattoo. Und alle haben es sich in die Hand versprochen, eine kleine Wette sozusagen. Ich hab’ mich das anfangs nicht getraut und es erst vor drei Jahren in Thailand stechen lassen. Die besten Ideen entstehen an solchen Abenden.

Die Bucher Jungs: Entstanden in bierseliger Stimmung, inzwischen längst ein im fränkischen Amateurfußball sehr bekanntes Logo.

 / © Sportfoto Zink / Thomas Hahn

Lassen Sie uns über den Begriff Heimat reden. Ist der TSV Buch für Sie so etwas wie Heimat?

Für mich ist es sogar mehr, der TSV Buch ist mein Leben, wenn man das so sagen kann. Ich wohne nur 400 Meter weg vom Sportplatz. Heimat hat auch mit den Älteren zu tun, die den Arbeitsdienst machen und sich wirklich um alles kümmern. Da ergänzt sich jede Berufssparte.

Sich aufgehoben fühlen: Charakter, Identität, Mentalität... sind das nicht die bestimmenden Themen innerhalb des Vereins?

Die drei Punkte kann ich so unterschreiben. Wir sind fußballerisch deutlich besser geworden in letzten zehn Jahren, aber was uns ausmacht, das ist die Mentalität. Wir geben nie auf, der TSV ist dahingehend ein Vorzeigeverein.

Klingt nach einer relativ geschlossenen Clique. Stimmt das? Gehören da Aufnahmerituale dazu?

Da hatten wir früher ganz andere Dinge. Am Mannschaftsabend wird ein Neuer schon mal richtig abgefüllt, damit er weiß, wo er gelandet ist. Heutzutage machen die Neuen bei uns Vesper oder müssen kochen. Chili in der Kabine gab es auch schon.

Was wiegt für Sie schwerer, die starke Gemeinschaft oder der Erfolg? Oder geht beides zusammen?

Würde ich behaupten, der sportliche Erfolg sei nicht wichtig, wäre das gelogen. Unsere Zuschauer, die Menschen im Verein erwarten viel, weil sie ja auch viel für den Verein machen. Im Training musst du dir dann schon mal anhören, was du für einen Mist am letzten Wochenende gespielt hast. Ich will definitiv auch nicht verlieren, mir ist aber wichtiger, dass es in der Mannschaft passt und wir Spaß haben. Das macht die Harmonie am Platz auch aus.

Geld gibt es beim TSV nicht zu verdienen, trotzdem soll kein Wunsch unerfüllt bleiben. Wie darf man das verstehen?

Es gab mal Fahrgeld vor einigen Jahren, das hat sich relativ schnell erledigt. Ich hab 3,61 Euro für die ganze Saison in einem Umschlag bekommen. Das hätte ich nie angenommen. Braucht ein Spieler mal eine Wohnung oder einen Job, suchen wir mit und unterstützen den Spieler. Bei uns gibt es neue Bälle, neue Trainingsklamotten, jedes Jahr drei neue Trikotsätze und die Schuhe über einen Deal mit Adidas billiger – das alles ist Wertschätzung bei uns.

Wie präsent ist der 2. Juni 2018?

Muss ich überlegen, das Relegationsspiel?

Ja, genau das...

In der ersten Saison nach dem verpassten Aufstieg war es schwer, wieder in die Spur zu finden. Die Trainer waren unzufrieden, die Mannschaft war vom Kopf her leer, auch wenn man das nicht glauben mag. Die lange Relegation hat uns runtergezogen.

Diese 2000 Zuschauer gegen Vach, ein Radl-Korso durchs Knoblauchsland, ein fragwürdiger Elfmeter machte letztlich den Unterschied – gibt es da noch etwas gerade zu rücken?

Wenn man das so sieht – ja. Es war eine Genugtuung, dass Vach nach einer Saison gleich wieder abgestiegen ist. Es bleibt dahingestellt, ob wir es mit unseren Mitteln besser gemacht hätten. Alleine die Aussicht, Bayernliga zu spielen, wäre schon geil. Ich möchte das nochmal erleben. Aber wer weiß schon, wie es weitergeht.

Das Sportgelände am Bucher Wegfeld wäre bereit, drei schicke Rasenplätze, eine überdachte Gegengerade – das würde sogar den Ansprüchen in der Regionalliga gerecht...

Na ja, das Gelände ist toll. Aber Regionalliga ist ein Traum, der ganz weit weg ist. Einige unserer jüngeren Spieler denken da vielleicht schon dran. Wir als Verein haben da aber sehr eingeschränkte Möglichkeiten, allein schon wegen des Spieleretats. Wir können uns das nicht leisten. Da schlägt das Geld zu.

Gut, dann etwas tagesaktueller: Wohin geht es noch in dieser Saison? Platz eins ist wohl an den SC Feucht vergeben, aber dahinter bahnt sich ein Duell zwischen Schwabach und Buch um den Relegationsplatz an...

Wir wollen uns Platz zwei auf jeden Fall zurückholen. Unser Ziel als Mannschaft haben wir klar formuliert: Wir wollen Relegation spielen. Es bleibt abzuwarten, wie wir dann starten. Schwabach ist nur drei Punkte vorne, natürlich haben die eine brutale Mannschaft, aber man kann nie wissen, wie jeder einzelne und die Mannschaften sich entwickeln. Möglich ist alles.

"Wir würden Geschichte schreiben"

Was würde der Aufstieg bedeuten?

Wir würden Geschichte schreiben. Die Nummer zwei in Nürnberg zu sein wäre eine Genugtuung. Wir haben eine junge Mannschaft, der die Zukunft gehört.

Welchen Anteil daran hat Manuel Bergmüller? Was macht der Trainer anders als seine Vorgänger Roland Frey, Alu Rahner, Jörg Litz oder Thomas Adler?

Manu ist ein Typ, der die Mannschaft extrem verteidigt. Unsere Fans haben schlecht über das Team gesprochen, weil die Leistung nach der ersten Corona-Pause nicht gestimmt hat. Zuvor hatten wir zehnmal in Folge gewonnen, da erwartet jeder, dass es so weitergeht. Da hat er sich vor uns gestellt und Ruhe reingebracht. Er lässt sich immer etwas Neues einfallen und stellt uns sehr gut ein, bereitet sich extrem gut vor, wir wissen immer genau, was der Gegner macht. Das hebt ihn ab. Wir haben ein richtig gutes Verhältnis. Nur dem Schlendrian könnte er etwas entschlossener entgegentreten.

Dafür sorgen ja Sie. Der Bucher Kapitän soll ja an manchen Tagen eine sehr kurze Zündschnur haben...

Das kommt darauf an, wie der Arbeitstag verlaufen ist. Ich fordere 100 Prozent von der Mannschaft. Man kennt seine Kasper, die auf Larifari im Training machen. Da platzt mir irgendwann der Kragen, das gehört dazu. Dazwischenhauen muss ein Kapitän schon auch mal.

Und dann nach einem regen verbalen Austausch mit dem Trainer einen hopfenlastigen Ausgleich suchen...

Der Trainer hat wieder alles erzählt, Wahnsinn (lacht). Man ist schon mal schlecht drauf, die Mannschaft lässt sich von meiner Laune auch mal runterziehen und läuft weniger. Der Trainer schreit mich dann an, ich akzeptiere auch nicht alles und murmel’ was vor mich hin. Ich hab’ mich aber entschuldigt.

Kurzes Schlusswort: In der nächsten Saison spielt der TSV Buch in...

Eine Fangfrage. Wenn es nach mir geht: Bayernliga. Wenn das nicht klappt, versuchen wir es dann eben wieder.

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