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Jasmin Halilic: Der gute alte Herberger und eine Prise Moral

Bezirksliga Nord

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er noch viel mehr? In unserer Reihe „Typen, Themen, Temperamente“ sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Jasmin Halilic ist Trainer des Fusionsvereins Türkspor/ Cagrispor. Aus zwei Mannschaften hat er eine starke Einheit geformt, die an der Spitze der Bezirksliga Nord rangiert. Der 49-Jährige gibt sich in Sachen Aufstieg diplomatisch, in der Frage der Disziplin bezieht er klar Stellung.

Seine Lieblingsposition am Spielfeldrand? Jasmin Halilic verfolgt das Geschehen nicht selten aus der Hockposition.

 / © Zink

Hallo Herr Halilic, wie sieht Ihr Alltag gerade aus, so ganz ohne Fußball?

Ist nicht viel drin. Ab und an ein bisschen laufen, lange Spaziergänge mit meiner Frau. Was soll man groß machen? Situation annehmen und das Beste daraus machen.

Könnten Sie sich ein Leben ohne Fußball vorstellen? Nach dem Motto: möglich, aber sinnlos?

Klar, na ja, schwierig. Mit dem Fußball habe ich als kleiner Knirps begonnen, und die Trainerzeit hat nahtlos an meine aktive Karriere angeschlossen. Ohne Fußball war ich nie. Aber man weiß nie, wie es weitergeht – als Trainer, selbst ohne Corona. Es kann ja mal nicht so gut laufen, und dann steht ein Trainer auch ohne Fußball da. Aber ganz ehrlich: Es würde einem was fehlen.

Viele Spieler halten sich derzeit über Läufe halbwegs in Form. Ihr Team ebenfalls – ist das für einen Mannschaftssport nicht fürchterlich langweilig?

Die können ja gar nichts machen, nicht mal ins Fitnessstudio, das ist ja das Problem. Aber das Problem haben nicht nur wir, unser Verein, das haben wir alle. Natürlich wäre das alles mit Ball angenehmer, natürlich wäre das in der Gruppe schöner, klar, die Kontakte untereinander fehlen. Der Sport auch. Bewegung bleibt wichtig. Man kann ja auch mal bissl Rad fahren.

Haben Sie mit Ihrem Team einen Plan A und Plan B, wie der Wiedereinstieg am besten gelingen soll?

Man hat gewisse Vorstellungen und hofft, dass es irgendwann wieder losgeht. Man hat ja schon beim letzten Lockdown gesehen, wie lange die Mannschaften gebraucht haben, um wieder einigermaßen in den Rhythmus zu kommen. Das Beruhigende ist, dass es alle betrifft. Wenn die Freigabe der Politik kommt, dann werden alle die gleiche Zeit haben, sich auf das Datum xy vorzubereiten. Ich befürchte aber, dass sich die mannschaftliche Qualität nicht gleich widerspiegelt. Es braucht eine Anlaufzeit nach über vier Monaten Pause. Das funktioniert nicht von heute auf morgen.

Bayernligist Hof hat kürzlich öffentlich den Bayerischen Fußball-Verband aufgefordert, diese Saison abzubrechen. Wie stehen Sie dazu?

Die Konstellation ist aus unserer Sicht als Tabellenerster nach der Quotientenregelung des Verbandes klar, weil wir aufsteigen würden. Da hätte ich nichts dagegen. Aber irgendwann muss es ja wieder losgehen. Ob es dann die Vorbereitung auf die neue Saison sein wird oder die Vorbereitung auf den Rest der alten Saison, ist schnurzegal. Klar würden wir den Vorteil nutzen. Aber ich gehe davon aus, dass wir den Aufstieg auch so schaffen... können ... werden.

Braucht es nicht eine Perspektive? Ein erstes Datum für den Wiederbeginn?

Das wäre eine Erleichterung. Diese selbstständige Vorbereitung ist ja ziellos, man kann nicht auf den Punkt arbeiten. Ein Ziel im Kopf schadet der Sache nicht.

Der Ligapokal steht auf der Kippe. War diese Idee nicht von Anfang an utopisch?

Ach, grundsätzlich fand ich es nicht verkehrt. In der Situation vernünftig. Es ein Wettbewerb, der wegfallen kann und nicht zwingend durchgezogen werden muss. So wie es aussieht, wird er nicht wie vorgesehen stattfinden können.

"Sind auf einem guten Weg"

Lassen Sie uns über Ihre Arbeit bei dem Fusionsverein reden. Sie traten im Sommer 2019 an, um aus zwei Bezirksligateams eine schlagkräftige Einheit zu formen. Darf man annehmen, dass dieser Prozess gut 18 Monate später abgeschlossen ist?

Eine Mannschaft zu formen – das ist nie abgeschlossen. Man kann sie immer besser machen. Es kommen auch immer neue Situationen dazu, die man als Trainer lösen muss. Auch der Kader verändert sich immer wieder. Wir sind auf einem gutem Weg, eine Truppe mit hoher sportlicher Qualität zu formen, die eine gewisse Disziplin und Außendarstellung an den Tag legt – so, dass sich der Verein und die Menschen identifizieren können. Da sind wir auf einem guten Weg.

Bei so einer Vernunftehe dürfte es hinter den Kulissen hin und her gegangen sein. Sind jetzt die Grabenkämpfe beendet, hat jeder seinen Platz gefunden?

Mittlerweile schon. Und sportlich haben wir es inzwischen sortiert. Im Betreuerstab ist der ein oder andere nicht mehr dabei oder hat sich eine Auszeit genommen, dafür machen andere mehr. Als Gesamtheit haben wir einen Weg eingeschlagen, der sich sehen lassen kann.

Sie haben 1993/94 den FC Bosna mitbegründet, danach lange beim FC Bayern Kickers gearbeitet und nun bei Türkspor/Cagrispor – Sie haben den Flair innerhalb des Vereins einmal als „sehr speziell“ beschrieben. Was darf man sich darunter vorstellen?

Es ist schon anders als bei meinen anderen Stationen. Zuletzt habe ich ja in Lauf gearbeitet, davor elf Jahre lang bei Bayern Kickers. Die Abläufe bei einem deutschen Verein sind anders, allein aufgrund der Tatsache, dass bei uns der Platz und das Sportheim nicht an einem Ort sind. Nach dem Training ist es ein langer Weg, erst ins Sportheim zu fahren, um dann da eine halbe Stunde zusammenzusitzen und ein paar Sätze zu reden. Das müssen wir anders lösen. Bei anderen Vereinen herrscht da eine andere Bindung.

Bei Ihnen nicht?

Doch, ich will nicht sagen, dass die Bindung fehlt. Im Gegenteil. Die meisten Spieler sind türkischer Abstammung, die haben ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie nehmen die Neuen sehr herzlich auf, pflegen Bräuche und beziehen ihre Kultur ein. Das merkt man mehr als bei anderen Vereinen.

"Mir ist es wichtig, dem Gegner nach dem Spiel die Hand geben zu können"

Stichwort Außendarstellung: Für Sie ein sehr wichtiges Thema?

Das ist schon wichtiger Faktor. Am Anfang hatten wir in der Hinsicht ein paar Probleme und haben uns dann von dem ein oder anderen getrennt. Man kann gewinnen oder verlieren, mir ist es wichtig, dem Gegner nach dem Spiel die Hand geben zu können. Ich bin auch kein Engel und wechsle mit dem gegnerischen Trainer auch schon mal das ein oder andere Wort. Aber nach dem Spiel muss das vergessen sein, man muss sich in Augen schauen können. Es passiert auch in der Bundesliga, dass einer mal ausrastet. Aber es muss Grenzen geben.

Wie zufrieden sind Sie abseits des Platzes mit der Organisation und der Struktur des Vereins?

Es ist schwierig, alles zu managen, die Leute geben sich große Mühe. Wir trainieren auf unterschiedlichen Plätzen, da gibt es Verbesserungspotenzial. Ich werde nicht im Stich gelassen, auch wenn nicht immer alles klappt. Und es muss klar sein: Wir spielen doch nur Bezirksliga, nicht Regionalliga. So weit sind wir lange nicht.

Gespielt wird in Nürnberg an der Deutschherrnstraße. TSCS hat kein eigenes Gelände. Ist das nicht zu ändern?

Man ist schon in Gesprächen mit dem neuen Oberbürgermeister, ob nicht ein Gelände, das passen würde, zur Verfügung gestellt werden kann. Das würde dem Verein und allen Beteiligten einen großen Schub geben. Derzeit haben wir keinen Fixpunkt. Man weiß nicht, wo man hingehört. Also geografisch gesehen. Der Platz an der Deutschherrnstraße hat kein Flutlicht, trainieren können wir da nur im Sommer – obwohl es die Heimspielstätte ist. Das ist schwierig.

Ihr Vertrag läuft bis zum Saisonende. Hängt eine Verlängerung direkt vom Aufstieg in die Landesliga ab?

Nicht dass ich wüsste. Wir werden uns bei Gelegenheit zusammensetzen und eine ordentliche Lösung finden, mit der alle zufrieden sind. Das hängt ja nicht nur vom sportlichen Abschneiden ab. Ein Trainer muss spüren, dass ihm Respekt entgegengebracht wird und er bei der Mannschaft ankommt.

Vor dem Neustart im Sommer 2020 haben Sie von einer wahrscheinlich sehr späten Entscheidung um den Aufstieg gesprochen. Jetzt steht Ihr Team auf Platz eins mit fünf Punkten Vorsprung – wann werden die Träume realistisch?

Ich habe grundsätzlich lieber fünf Punkte Vorsprung als Rückstand. Wir haben aber ein schwieriges Programm vor uns. Wenn wir jetzt noch zwei Spiele hätten und fünf Punkte Vorsprung, dann wäre es ganz interessant. Ich habe schon so viel im Fußball erlebt. Wir spielen gegen die Teams auf Platz drei, vier und fünf, qualitativ alles sehr gute Mannschaften. Unsere anderen Gegner kämpfen gegen den Abstieg. Im Vorbeigehen funktioniert das nicht.

Lügt die Tabelle?

Das ist eine Momentaufnahme zum 31.Oktober. Nach dem Lockdown haben wir ganz gut gepunktet (10 Punkte aus vier Spielen, die Red.).

"Sponsoren haben andere Sorgen, als ihren Verein zu unterstützen"

Ein Neuzugang, ein Abgang, warum haben sich die Transferaktivitäten so in Grenzen gehalten?

Der Kader in der Breite ganz in Ordnung, wenn denn alle dabei sind. Der andere Grund ist: Der Verein kann es sich nicht leisten. Wer Spieler im Winter verpflichtet, muss Passgelder zahlen. Auch unsere Sponsoren haben andere Sorgen, als ihren Verein zu unterstützen.

Sie starten mit zwei Auswärtsspielen gegen Teams aus dem unteren Tabellendrittel. Perfekt, um schnell einen Rhythmus zu finden...

Da bin ich bei den Herberger-Weisheiten – das nächste Spiel ist das schwerste. Auch wenn das ein paar Euro kostet. Einfache Gegner gibt es nicht.

Nach dem ersten Lockdown gab es kaum Anlaufschwierigkeiten. Ist das nicht eins zu eins zu kopieren?

Fußball ist keine Matheaufgabe, die man einfach lösen kann. Das hängt von vielen Variablen ab. Wie bereitet man sich vor, kommt die Mannschaft ohne Verletzungen durch die Vorbereitung, wie lange dauert die Vorbereitung, habe ich meinen ganzen Kader zur Verfügung und und und. Man muss situativ handeln, hoffen, dass wir einen guten Start erwischen und das dann durchziehen können.

Erklären Sie uns zum Abschluss noch, warum Sie häufig in der Hocke am Spielfeldrand das Geschehen beobachten?

Keine Ahnung warum. Ich hatte vor ein paar Jahren eine Hüft-OP, das hat damit aber nichts zu tun, das war schon vorher so (lacht). Ich hab’ mir das angewöhnt, und ein paar Fotografen haben mich dabei erwischt.

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