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Thomas Jäger: "Ich bin kein Virologe, ich bin Fernmelder und kenne mich mit Fußball aus"

Interview

Was ist der Amateurfußball? Spaß? Bewegung? Freizeitbeschäftigung? Oder ist er mehr? In der Reihe „Typen, Themen, Temperamente“ sprechen wir mit Menschen, die den Fußball lieben. Über Fußball, aber auch Themen abseits davon. Thomas Jäger ist Spielleiter im Bezirk Mittelfranken. Mit dem 49-Jährigen haben wir mögliche Szenarien dieser Saison 2019/21 beleuchtet. Wie geht es weiter nach der Verlängerung des Lockdowns, der bis vorerst 7.März verhindert, dass der Amateurfußball in den Trainingsmodus schalten kann? Steht die Saison auf der Kippe? Und wie reagiert der Bayerische Fußball- Verband (BFV)?

Von Mittelstürmer bis Torwart hat er alles gespielt: Jetzt fordert Thomas Jäger eine Perspektive ein, relativiert aber die Bedeutung des Fußballs.

 / © Uwe Mühling

Hallo Herr Jäger, die Temperaturen steigen, die Winterlandschaft verabschiedet sich, und die Amateurfußballer scharren mit den Hufen. Geht es dem Bezirksspielleiter da anders?

Mir selbst nicht, weil mein linkes Knie kaputt ist und sportliche Aktivitäten stark einschränkt. Aber ja, ich kann das absolut nachvollziehen – ich würde mir auch gerne wieder mal ein Spiel vor Ort am Platz anschauen.

Sind Sie erstaunt, dass sich der Amateurfußball weiter im Tiefschlaf befindet?

Erstaunt? Nein, wir alle kennen die Lage, und alle sind auf ihre eigene Weise betroffen. Klar, die Ungeduld bei allen ist groß, auch bei mir. Die Vereine haben ja auch längst realisiert, dass es nicht der BFV ist, der Training oder Spiele verbietet, sondern die Regierung. Und solange nichts geöffnet ist, können wir uns Gedanken machen, aber letztlich braucht es jetzt eine entsprechende Perspektive seitens der Politik.

Hätten Sie sich eine andere Entscheidung der Bundesregierung gewünscht?

(Lacht) Fußball freigeben, mit Hygienekonzept und 200 Zuschauern, und alles andere bleibt radikal zu, nur die Sportheime haben offen – der Traum der Fußballer. Nein, so schön wie Fußball und emotional wichtig er ist, Fußball ist letztlich nur eine Nebensache, ein Hobby.

Wären aus Ihrer Sicht Alternativen möglich gewesen?

Wer will das entscheiden? Die Leute sollen sich auf mich verlassen, wenn es um die Fußballorganisation geht. Und ich muss mich auf Mediziner und die Wissenschaft verlassen, die fundierte Aussagen treffen, wann was Sinn macht. Ich bin kein Virologe. Ich bin Fernmelder und kenne mich mit Fußball aus.

Wie nehmen Sie die Stimmung der Basis wahr?

Zweigeteilt. Die einen wollen unbedingt raus, für die anderen ist es das Unwichtigste der Welt. Wenn ich das meiner Frau sage, die selbstständige Veranstaltungstechnikerin ist und damit seit einem Jahr ohne Job, die zieht mir den Baseballschläger über den Kopf. Emotional und aus gesundheitlicher Sicht wäre Fußball extrem wichtig, das würde viel Druck auch bei den Kindern wegnehmen. Wichtiger ist aber doch, dass die Kinder wieder in die Schulen können und Geschäfte wieder aufmachen. Und dann sollte auch Fußball wieder möglich sein.

Was bedeutet der Beschluss für den Amateurfußball, den Lockdown erneut zu verlängern?

Ich hoffe nicht, dass es so wird wie letzten Sommer, als schon alles wieder offen hatte, nur kein Sport getrieben werden durfte. Ich hoffe doch, dass die Abstände diesmal etwas kürzer gehalten werden. Danach sieht es ja aus, der Breitensport steht auf der Agenda – das ist wichtig.

Ist damit das Aus des Liga-Pokals beschlossen?

Es kommt darauf an, wann wir anfangen, das ist das A und O. Je länger es sich hinzieht, desto unwahrscheinlicher wird es, dass er noch gespielt wird.

Befürchten Sie nun einen Sturm der Entrüstung, etwa aus Kornburg, wo man sich große Hoffnungen macht, über die Hintertür Liga-Pokal aufzusteigen?

Da wird es den ein oder anderen geben, der sich darüber nicht erfreut zeigt. Aber in den Wettbewerbsbedingungen des Liga-Pokals ist festgehalten, dass kein Anrecht auf irgendetwas besteht. Wird er eingestampft, wird er eingestampft. Es war Sinn und Zweck, ein Angebot zu schaffen – wenn wir Platz haben. Jetzt müssen wir schauen, was daraus wird – und um jetzt nicht gleich wieder den Sturm der Entrüstung loszutreten: Es bleibt klares Ziel, den Liga-Pokal zu Ende zu bringen. Nur kennen wir aktuell eben nicht die Rahmenbedingungen.

Sind Sie mit dem Krisenmanagement des BFV zufrieden?

Ich bin selbst involviert, also ja, aber eigentlich müssen diese Frage andere beantworten.

Eine sehr diplomatische Antwort...

Ist ja so. Der Verbands-Spielausschuss sitzt nicht in seinem Turm und befiehlt. Der fragt seine Bezirksspielleiter, ich unterhalte mich mit meinen drei Kreisspielleitern, und wir alle haben Kontakte zu den Vereinen. Das gibt man dann weiter und schaut, was nach den Vorgaben der Regierung rechtlich möglich ist. Wir machen das Beste daraus. Ich war von Anfang an für die Saisonfortsetzung, und der Blick auf die anderen Landesverbände gibt mir jetzt, so glaube ich, Recht.

Im März steht eine Tagung des BFV an. Wie sieht Plan B aus?

Wo schauen wir hin? In die Regional-, in die Bayern-, und Landesliga oder in Bezirk und Kreis? In der Regionalliga hängen wir mit der Regionalliga Nord zusammen, wenn es um den Aufstieg in die dritte Liga geht. Und es gibt für jede Liga beim zuständigen Spielleiter im Hinterkopf nicht nur einen, sondern mehrere Pläne. Die dann zum Tragen kommen, wenn wir wissen, wann man anfangen darf.

Ist grundsätzlich eine nochmalige Verlängerung der Saison über den 1. Juli hinaus möglich?

Theoretisch ist allesmöglich, praktisch würde das schwierig. Das Saisonende ist der 30. Juni. Zum einen beginnt da die Wechselfrist, zum anderen ist die Frage, was passiert, wenn wir bis August oder September spielen. Was wird dann mit der neuen Saison? Wie bringen wir dann da 30 oder mehr Spieltage unter? Das würde die nächste Saison total zerlegen. Aber das ist kein bayerisches Problem, das betrifft alle Landesverbände.

Grundsätzlich gefragt: Die Bayern spielen trotz Corona-Infektion von Thomas Müller, Trainer Flick legt sich mitdem Gesundheitsexperten Lauterbach an, und Vorstand Rummenigge stellt Profis als Impfvorbilder hin. Warum hat der Profifußball einen so großen Stellenwert, die Amateure offenkundig aber gar keine Lobby?

Eine ganz schwierige Frage. Hat unser Profifußball tatsächlich so einen Stellenwert, oder gibt man ihm den nur? Nicht nur die Regierung, sondern alle diejenigen, die Abos kaufen, um Fußball im Fernsehen schauen zu können.

Ein Thema, das polarisiert...

Die Spieler verdienen ihr Geld mit Fußball. Die Profivereine muss man letztlich als Firmen sehen. Klipp und klar. Diese Romantisierung von Tradition und Profifußball widerspricht sich nach meiner Meinung. Leider. Mir wäre es auch lieber, beim Club würden lauter Nürnberger spielen.

Können Sie die Verärgerung der Menschen nachvollziehen?

Jein. Es geht mit dem Abflug vom Flughafen los. Wegen drei Minuten Verspätung die ganze Nacht im Flieger sitzen zu müssen, ist natürlich heftig. Andererseits gibt es ein Nachtflugverbot ab null Uhr. Muss man sich dann so darüber aufregen? Ich kann vieles nachvollziehen, aber das sind in meinen Augen dann doch Luxusprobleme.

Darf der Breitensport, inklusive des Amateurfußballs, überhaupt eine Sonderrolle beanspruchen, wenn die Folgen der Pandemie noch immer so gravierend sind?

Es geht nicht um eine Sonderrolle, da wehre ich mich. Mannschaftssport ist aus psychologischer und sozialer Sicht sehr wichtig, für manchen ist es ein Großteil Erziehung, was er da mitkriegt. Das musst du jetzt abwägen. Es geht um die Gesundheit der Mehrheit, und dann wird es schwierig: Was ist was wert? Wir sollten als Fußballer nicht den Anspruch haben, dass wir etwas Besonderes sind – auch wenn wir es sind, weil es mehr Fußballer gibt als andere Sportler. Dieser Verantwortung muss man sich aber auch bewusst sein – und genau so haben wir uns auch seit Anbeginn im Kampf gegen Corona verhalten: Wir haben uns mit Forderungen stark zurückgenommen, und unsere Vereine haben auf vielfältige Art mit angepackt.

Steht nun eine Welle an Austritten in den Fußballvereinen bevor?

Das lässt sich aktuell schwer beurteilen, wenn es um die Gesamtzahl geht. Wir brauchen keine Untergangsstimmung zu verbreiten, aber besonders bei den zweiten Mannschaften wird mancher Probleme bekommen. Nach Beendigung des ersten Lockdowns hatten wir im September und Oktober so viele Pässe neu ausgestellt wie nie zuvor. Aber klar: Mit jedem Tag wird’s schwieriger.

Stichwort Nachwuchs: Nicht wenige Trainer und Funktionäre befürchten, viele Jugendliche zu verlieren. Wie stehen Sie dazu?

Die Gefahr besteht, ganz klar. Ich vertraue aber auf die engagierten und tollen Trainer und Betreuer in den Vereinen, die mit Herzblut bei der Sache sind.

Die Innovationen des Verbandes umfasste zuletzt das Kleinfeld für die U13, die Mini-Spielart Funino und diverse Turnierformen: Reicht das aus?

Die Frage ist, was die Eltern machen, wenn es wieder losgeht. Ich würde schauen, dass sich mein Kind bewegt. Viele Eltern sehen den Sportverein nur als Aufbewahrungsstelle für ihr Kind. Wir zahlen Beitrag, also müsst ihr euch darum kümmern. Ich hoffe, dass Eltern jetzt erst recht merken, wie wertvoll der Verein für ihr Kind ist.

Muss da aber nicht vom BFV mehr kommen?

Auch wir sind in der Pflicht, zweifelsfrei. Der Kinderfußball steht ganz klar im Fokus, ihn müssen wir so gestalten, dass der Spaß im Vordergrund steht, er die Brücke für Freundschaften, soziale Kontakte ist, nicht der Erfolgsdruck.

Nicht kurzfristig, eher auf längere Sicht Anreize schaffen?

Da ist der Verbands-Jugendleiter mit seinem Team dran. Der Verband ist da wesentlich flexibler als die Vereine.

Das sagen Sie, das werden die Vereine anders sehen...

Nein, da bin ich stur, da bin ich eisern. Gerade im Jugendfußball kann man sich alles vorstellen, die Vereine müssen nur mitmachen. Aber viele wollen nicht, weil sie es nicht kennen. Das Kompaktfeld in der U13 macht doch Sinn, genau wie Funino, also der Kinderfußball, wie er jetzt heißt. Wir wollen doch Straßenfußballer, nicht den Systemfußball mit Abseitsfalle in der E-Jugend. Die Kinder müssen Spaß haben und sich entwickeln dürfen.

Kürzlich haben Sie die Teams aus den Bezirksligen zu einer Online-Tagung gebeten. Wiesehen die Pläne des Bezirksspielleiters im Bezirk aus?

Das war sehr interessant, sehr gut, sehr intensiv. Die Mehrheit der Vereine mag es traditionell, sieht aber ein, dass es in der momentanen Lage fast ein Ding der Unmöglichkeit ist. In vier Gruppe zu acht Vereinen haben wir die Dinge, die seit September angelaufen sind, besprochen. Ich will aber nichts vorwegnehmen. Da wird es in den nächsten Tagen eine offizielle Verlautbarung geben.

Abschließende Frage für die Glaskugel: Wann geht es mit dem Fußball auf unseren Sportplätzen weiter?

Ich hoffe, dass wir im April wieder auf den Platz mit Schiedsrichtern dürfen, zuvor schon im März, vielleicht mit Einschränkungen, trainieren können. Das hieße, dass Mannschaftstraining wieder möglich ist. Ich habe richtig Sehnsucht nach einem Fußballplatz. Es fehlt etwas – es fehlt uns allen etwas.

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