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Buch II vs. Post II: „Wir kamen überhaupt nicht in die Klatschbewegung“

Alltag in der Kreisklasse 4 Teil 13

Schiefe Seitenlinien und Traumtore, Bierbäuche und Modellathleten. Eine Saison verbringen wir in und mit der Kreisklasse 4. Eine Saison lang berichten wir über den Fußball, der meilenweit entfernt ist von dem, was man heute modernen Fußball schimpft und der in Verbindung mit Bratwurst und Bier doch jeden Cent Eintrittsgeld wert ist. Heute: Taktik und Nadelstiche zwischen dem TSV Buch II und dem Post SV II.

Gerade einmal knapp vier Prozent aller Schüsse von außerhalb des Strafraums finden ihren Weg ins Netz. Beim Spiel des TSV Buch II gegen den Post SV II (gelb) sollte es einmal klappen.

 / © Zenger

Kann man ein Spiel in der Kreisklasse wirklich taktisch analysieren? Michael Luntz, Trainer des Post SV II, und Jörg Awerkow vom TSV Buch II bejahen diese Frage eindeutig. „Ich habe schon ein klares taktisches Konzept“, betont Awerkow.

Tatsächlich ist über weite Strecken des Spiels klar erkennbar, was die Bucher vorhaben: „Wir wollen den Ball haben und in der Hinsicht machen es uns die Gegner auch einfach.“ Da ist der Gast am Sonntag keine Ausnahme: „Unser Ziel war es tief zu stehen, die Linien zu halten, möglichst wenig Schüsse in der gefährlichen Zone zuzulassen und immer wieder Nadelstiche zu setzen.“ Michael Luntz beschreibt letztlich die Taktik des Außenseiters in jeder Spielklasse: Diszipliniert verteidigen, den Gegner zu Fernschüssen zwingen und selber per Konter zum Erfolg kommen. Letzteres klappt in den ersten 75 Minuten nur einmal, führt aber nach einer Viertelstunde zu einem Strafstoß. Den hämmert Alexandros Bitoulas übers Tor. Gegen Nervenflattern hilft auch die beste Taktik nichts.

Wenn ein Taktik-Freund in der Kreisklasse Fußball schaut, entstehen Gemälde dieser Art. Zur Erklärung: Abgebildet ist die Schussverteilung beider Mannschaften, jedes Kreuz ist ein Schuss, grün heißt auf das Tor, rosa daneben und braun sind die geblockten Schüsse dargestellt. Die jeweilige Zahl ist die Spielminute. Was man jetzt weiß: Buch hat einen großen Aufwand für zwei Treffer betrieben, Post war effizienter.

 / © Zenger

Der andere Teil der Spielidee geht dagegen in den ersten 35 Minuten hervorragend auf: Im Strafraum kommt Buch kaum zu Abschlüssen, von außerhalb dagegen ziehen die Hausherren siebenmal ab. „Von dort aus dürfen sie schießen, das ist meistens ungefährlich“, erklärt Trainer Luntz und baut damit neuste Erkenntnisse der Datenanalyse im Fußball in seinen Plan ein: Gerade einmal knapp vier Prozent aller Schüsse von außerhalb des Strafraums finden ihren Weg ins Netz. Die Quote erscheint Zuschauern wie Spielern nur höher, weil sich Fernschusstore viel eher ins Gedächtnis einprägen als Abstauber. Das wird auch an diesem Nachmittag so sein.

© Zenger

Nach einer halben Stunde reagiert Awerkow auf den Spielverlauf. Er ist unzufrieden, versucht durch Zurufe seine Spieler an die Grundsätze zu erinnern: „Wir müssen mehr Fußball spielen! Spielt in den Fuß, nicht nur tief!“ Es wird klar, die vielen Fernschüsse sind nicht Teil des Plans, sondern aus der Ungeduld der Spieler geboren: „Unser Ziel war es, über die Geschwindigkeit zu kommen, immer wieder mit Steil-Klatsch auf den Flügeln durchzubrechen. Wir kamen aber überhaupt nicht in die Klatschbewegung“, so Awerkow nach dem Spiel.

Was er da mit dem Fachbegriff „Steil-Klatsch“ beschreibt, ist der Versuch, den gegnerischen Außenverteidiger aus seiner Position zu ziehen: Ein Stürmer kommt dem ballführenden zentralen Mittelfeldspieler entgegen, der dann einen Pass auf ihn spielt. Der Angreifer zwingt dadurch den gegnerischen Verteidiger ihm zu folgen, der Defensivspieler ist somit nicht mehr auf Position. Der Angreifer lässt den Ball dann „klatschen“, also spielt ihn zurück zum Mittelfeldspieler, der den Ball sofort steil hinter den Außenverteidiger in den freien Raum spielt, in den bereits ein Mitspieler gestartet ist.

Die Gegner wissen um den Plan. Als in der Anfangsphase einer dieser Bälle durchkommt, rufen die Postler sich zu: „Genau die Bälle sollen sie nicht spielen dürfen.“ Bis tief in die erste Halbzeit hinein kommt kein weiterer solcher Ball zustande, dann stellt Awerkow um. Ins Spiel gegangen war er mit einem 4-1-2-3, bei dem einer der beiden zentralen Mittelfeldspieler als freier Spielmacher keine feste Position einnimmt. Nach einer halben Stunde beordert er einen der beiden „Achter“ zurück ins defensive Mittelfeld, auch um eine zusätzliche Anspielstation für das „Steil-Klatsch“ zu haben. Die Umstellung zeigt sofort Wirkung. Ein „Steil-Klatsch“-Spielzug lässt Hußnätter auf dem rechten Flügel auftauchen, der gibt in die Mitte, wo Ottmann ganz lässig zum 1:0 einschieben kann.

Nun ist Luntz an der Reihe mit dem Reagieren, lässt Mittelfeldspieler Janin und Angreifer Sevim Positionen tauschen, weil der Mittelfeldspieler „ein extrem offensiv denkender Spieler ist und wir dadurch im Zentrum keinen Zugriff mehr hatten.“ Was Luntz meint, ist, dass der Spieler einfach oft vorne stehen bleibt und nicht nach hinten mitarbeitet. Als zweite Spitze im 4-4-2 muss er nun weniger Defensivarbeit verrichten. Bis zur Pause fruchtet die Umstellung, Buch gibt nur einen weiteren Schuss in Richtung Tor ab, doch der geht drüber.

In der Pause tauschen beide Trainer personell, behalten aber ihre Grundformationen bei. Buch kommt nun besser ins Spiel, trifft acht Minuten nach der Pause – ausgerechnet durch einen Fernschuss. Damit scheint das Spiel eigentlich gelaufen. Die Gastgeber ziehen ihr Ballbesitzspiel auf, kommen aber zu wenigen gefährlichen Abschlüssen. Der Post SV hat bis zur 74. Minute keinen einzigen Torschuss in der zweiten Halbzeit, kommt nicht einmal zu Nadelstichen. So sehr ersticken die Gastgeber das Spiel, so sehr funktioniert die Taktik.

Der Leuchtturm hilft

Doch dann trifft Post mit dem ersten Schuss im ganzen Spiel, der aufs Bucher Tor kommt und das Spiel kippt plötzlich. „Dass sie so sehr ins Schwimmen kommen, hätte ich nicht erwartet“, gibt sich auch Post-Coach Luntz überrascht. Er reagiert auf die Verunsicherung des Gegners, stellt in der Defensive auf Dreierkette um und beordert den Längsten im Team, seinen Trainerkollegen Jan Hecking, einen Verteidiger, in die Spitze.

Der soll jetzt hoch angespielt werden und dann die Bälle auf die anderen Angreifer ablegen. Diese „Leuchtturmtaktik“ bewirkt mehr Torschüsse als im gesamten Spiel zuvor, aber keinen weiteren Abschluss. Buch kann nun seinerseits Konter fahren, bringt aber keinen im Tor unter, so dass es beim 2:1 bleibt. Das Schussverhältnis ist mit 12:1 Schüssen aufs Tor weitaus deutlicher.

Wie ist das jetzt nach 90 Minuten Kreisklasse mit der Taktik? „Das war heute ein taktisch hochklassiges Kreisklassenspiel“, meint Gästetrainer Luntz. Wirklich widersprechen kann man ihm nicht, die Konzepte, Formationen, Spielideen findet man auch in höheren Ligen. Einzig die Qualität der Spieler ist eine geringere. Aber das ist eben dann der Alltag in der Kreisklasse.

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