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Die Bratwurstsemmel soll der Dürrwanger Vereinskasse schmecken

Kreisklasse 1

Fußballklubs verkaufen online Tickets und Snacks – für Spiele, die gar nicht stattfinden. Auch der TSV Dürrwangen erhofft sich so Einnahmen trotz Corona.

© Sportfoto Zink

In der Krise beweist sich der Charakter. Dieser zweifellos richtige Satz des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der sich durch sein besonnenes Handeln während der Sturmflut im Februar 1962 erstmals hohes Ansehen erarbeitete, wird dieser Tage oft bemüht.

Der Kampf gegen das Coronavirus lässt wie unter einem Brennglas erkennen, wem es wirklich um Solidarität und Mitmenschlichkeit geht und wer sich auch in einer historischen Notlage nicht zu schade dazu ist, konsequent die eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen. Gleichzeitig setzt die große Herausforderung vor der Wirtschaft, Politik und nicht zuletzt der Sport jetzt stehen auch große Kreativität frei.

Zum Beispiel bei den Kreisliga-Kickern des TC Freisenbruch. Das Stadtteil-Team aus dem nordrheinwestfälischen Essen ist ohnehin ein außergewöhnlicher Fußballverein. In Freisenbruch bestimmen die Fans. Und zwar über alles. Wer spielt am Wochenende? Fliegt bald der Trainer raus? Wie werden die Mitgliedsbeiträge eingesetzt? Diese, und praktisch alle anderen Fragen rund um Verein, Mannschaft und Finanzen, werden über Online-Abstimmungen der Mitglieder entschieden. Als Entscheidungsgrundlage stellt der TC Statistiken, Videos, Berichte und Bilanzen zur Verfügung. Ein wohl einzigartiges Projekt in der deutschen Fußballlandschaft.

In Sachen Digitalisierung kennt man sich also aus beim Kreisligisten aus dem Ruhrpott. Jetzt nutzt der Verein seine Expertise, um anderen Amateurklubs deutschlandweit durch die Corona-Krise zu helfen. Auf dem Portal geisterspieltickets.de können Mannschaften Eintrittskarten für Spiele verkaufen, die gar nicht stattfinden. Fanartikel, die obligatorische Bratwurstsemmel und ein Stadionbier gibt es natürlich auch zu erwerben. Alles virtuell, nur das Geld der Fans, das den Vereinen zufließt, ist echt. Die Preise legen die jeweiligen Klubs selbst fest. Manche nehmen nur einen Euro pro Karte, andere orientieren sich stärker an den realen Preisen auf dem Sportplatz. 80 Prozent der Einnahmen, der über geisterspieltickets.de verkauften virtuellen Artikel bekommt der jeweilige Verein. 20 Prozent behalten die Macher des Projekts ein, um ihre Kosten zu decken. Die Auszahlung der Summe erfolgt jeweils am Monatsende. Gemeinnützige Vereine müssen die Erlöse in der Regel nicht versteuern. Natürlich steht die Plattform auch Handballern, Volleyballern oder Basketballern offen. Mehr als 8300 Tickets, 6000 Bratwürste und 8700 Becher Bier haben die teilnehmenden Klubs bislang über das Portal verkauft. Fast 800 Teams nutzen die Plattform inzwischen. So kommt zumindest ein bisschen Geld in die Kasse in einer Zeit, in der sich sonst gespenstische Ruhe über die Sportplätze in der gesamten Bundesrepublik gelegt hat.

Finanzspritze für die Jugend

Insgesamt knapp 105.000 Euro haben treue Fans ihren Fußballern im Tausch gegen imaginäre Tickets und Bratwürste bisher zukommen lassen. Beim TSV 08 Dürrwangen ist davon noch nichts angekommen - schließlich haben die Fußballer aus der Kreisklasse Nürnberg/Frankenhöhe 1 ihre virtuellen Fanartikel noch gar nicht beworben. "Wir haben das auf Facebook bei anderen Vereinen gesehen", berichtet Spielleiter Stefan Müller. Bald will man Fans und Förderer darüber informieren, dass man nun selbst am Projekt geisterspieltickets.de teilnimmt. "Wenn wir einen Heimspieltag haben, geht der Erlös aus dem Bratwurstverkauf immer an unsere Jugendlichen. Das Geld fällt jetzt weg und fehlt denen natürlich", sagt Müller. Zwischen 100 und 200 Euro nimmt der TSV an Spieltagen der ersten Mannschaft ein. Vom Umsatz werden die Kosten abgezogen, der Rest geht in normalen Zeiten an die Jugend.

Der akute Einnahmeausfall in der Jugendkasse könnte kompensiert werden, wenn Dürrwanger Fußballfreunde im Netz fleißig einkaufen. Eine Eintrittskarte kostet fünf Euro, die Stadionwurst 2,50 Euro. Autogrammkarten des Starensembles aus dem Südosten Mittelfrankens schlagen mit 4,50 Euro zu Buche. "Wir haben keine Erfahrung mit so etwas, aber je besser das Angebot ankommt desto besser ist das für unsere Jugendmannschaften", erklärt Müller, der bis zu einer schweren Verletzung das Mittelfeld der Dürrwanger stabilisierte. Selbst wenn letztlich nur ein kleinerer Betrag zusammenkommen sollte, hätte sich die Idee schon gelohnt.

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