17°

Dienstag, 07.07.2020

|

Aus dem Wanderer wird ein Freischütz

Operndarsteller Rafael Fingerlos verhebt sich an Schuberts Liederzyklus "Die schöne Müllerin". - 09.03.2020 18:35 Uhr

Davon tragen die Stamm-Hörer im Parkett der Kleinen Meistersingerhalle in der Regel ein ansehnliches Erfahrungspaket von Interpreten mit sich herum: von Fritz Wunderlich über Christoph Prégardien bis Tilman Lichdi. Und man weiß: Heutzutage ist das Debüt mit diesem Zyklus ein Himmelfahrtskommando.

Dafür führt Fingerlos, geboren im Salzburgischen, Studium in Wien, einen kernigen, volumenreichen, sicher ansprechenden Bariton ins Treffen. Er weiß auf den Opernbühnen von Salzburg bis Dresden, besonders an der Wiener Staatsoper in Rollen wie dem Rossini-Figaro offenbar zu gefallen. Und das merkt man auch seinem Liedgesang an: Für jedes der Gedichte von Wilhelm Müller legt sich Fingerlos einen effektvollen Zugang zurecht, schmetterndes Liebesglück oder Pech auf der ganzen Linie.

Dass es dabei aber auch eine erzählende Grundhaltung über die zwanzig Lieder hinweg geben müsste, neben der melodischen Linie eine genaue Analyse der Gedichtstruktur bis zu jedem Punkt und Komma – das vermisst man an diesem gelegentlich ins Oberflächliche abdriftenden Lieder-Abend.

Sascha El Mouissi am Klavier und Fingerlos haben sich von Anfang an jeweils Effekt-Tempi zurechtgelegt. Allzu schnell fließt schon Schuberts "Bächlein" vorüber, als hätte man nicht genug Zeit für diese Stunde romantischer Poesie. Über den narrativen Duktus der Müller-Lieder wird mit einer zweifellos schönen und zu allem fähigen Stimme leider ohne genügend intellektuelle Durchdringung hinweggesungen, manches gerät überpointiert wie der lauthalse "Gute Nacht"-Wunsch der Müllerin an die Gesellenrunde.

Durch den Schnellschritt geht die Lyrik mancher Lieder verloren: die "Ungeduld" wird mitten im Zyklus zu einer Zugabennummer – viel Effekt, wenig Poesie. Und an Fingerlos’ Mimik kann man die Freude über die eigene Gesangsleistung ablesen.

Die lässt sich von den Möglichkeiten einer virtuosen Wiedergabe leiten, und so wird aus dem Liedzyklus eher ein Operneinakter: beim Auftauchen des "Jäger"-Rivalen ein "Freischütz"-Verschnitt, aus einem romantischen Poesie-Traum eine "tragische Liebesgeschichte" wie in der italienischen Oper.

Dass sich ein Teil des Publikum gegen eine angebotene Zugabe aussprach, hat man eigentlich so noch nie erlebt. Es gab sie aber trotzdem in alpenländischer Gemütlichkeit.

www.privatmusikverein.de

UWE MITSCHING

Seite drucken

Seite versenden


weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de