Bahn frei für Märklin

22.3.2013, 19:00 Uhr
Unter der strategischen Führung des Fürther Spielwarenherstellers Simba-Dickie soll der lange Zeit angeschlagene Göppinger Modelleisenbahnbauer Märklin wieder auf das richtige Geleis gesetzt werden.

Unter der strategischen Führung des Fürther Spielwarenherstellers Simba-Dickie soll der lange Zeit angeschlagene Göppinger Modelleisenbahnbauer Märklin wieder auf das richtige Geleis gesetzt werden. © dpa

Und da sage noch einer, Spielzeug bereitet Erwachsenen keine Freude: Der Chef der Fürther Simba-Dickie-Gruppe, Michael Sieber, ist glücklich, weil ihm jetzt die Modelleisenbahnmarke gehört, mit der er schon als Kind spielte. Insolvenzverwalter Michael Pluta ist froh, weil er nach vier Jahren die Akte „Märklin“ schließen kann. Die 1400 Gläubiger im Insolvenzverfahren sind zufrieden, weil sie 100 Prozent ihrer Forderungen zurückbekommen. Und auch die noch verbliebenen 1100 Märklin-Mitarbeiter können aufatmen, haben sie doch eine Arbeitsplatzsicherung bis 2019 erhalten — und das ohne zusätzliche finanzielle Opfer.

Das Glück wäre vollends ungetrübt, wären da nicht immer diese störenden Details: Der Modelleisenbahn-Markt etwa. Seit Jahren stirbt die Branche langsam vor sich hin, große Traditionsmarken verschwinden oder werden aufgekauft. Die Produkte sind zu teuer, der Nachwuchs wendet sich eher der Elektronik oder den Spielbahn-Konkurrenten Lego oder Playmobil zu.

Simba-Dickie-Chef Michael Sieber.

Simba-Dickie-Chef Michael Sieber. © Mark Johnston

Genau da will Simba-Chef Sieber — er hat formal das Göppinger Unternehmen mit seinem Sohn Florian über eine eigens gegründete Firma erworben — ansetzen. Er will „die Marke Märklin wieder in die Kinderzimmer bringen und die jungen Fans später einmal zu Modelleisenbahn-Sammlern machen, die dann auch bereit sind, hohe Preise für ihr Hobby zu bezahlen“. Die Kunst werde sein, beim Thema Modelleisenbahn die Klammer zwischen Vater und Sohn zu finden, erklärt der umtriebige Mittelständler.

Vedes-Chef erhofft Impulse

Branchen- und Markenexperten bestärken Sieber in dieser Strategie, die schon von Insolvenzverwalter Pluta eingeleitet worden ist, als er vor zwei Jahren mit großem Erfolg die Spiele-Bahn „Märklin MyWorld“ in die Regale der Spielwarenmärkte und Discounter gebracht hat. Immerhin haben die Göppinger zuletzt rund zehn Mio. € Gewinn eingefahren und rund 110 Mio. € Umsatz erzielt.

Vedes-Chef Thomas Märtz etwa begrüßt auf Anfrage die Übernahme lebhaft. „Wir brauchen starke Marken im Handel, und Märklin ist eine solche starke Marke — trotz Turbulenzen.“ Der Chef der mächtigen Fachhandelsvereinigung, die schon jetzt zweistellige Millionenumsätze mit Märklin macht, ist fest davon überzeugt, dass die Übernahme durch die finanzstarke Fürther Gruppe dem gesamten Segment der Modelleisenbahnen neue Impulse geben wird.

Um eine so bekannte Marke zu erhalten, sind allerdings eine konsequente Markenführung und gezielte Investitionen nötig. Beides ist in den vergangenen Jahren bei Märklin mangels Geld unterblieben, die Marke verblasste zusehends und litt zusätzlich unter der Insolvenz und den vorausgegangenen Problemen.

Doch „die Chance ist riesengroß, dass sich das jetzt ändert“, glaubt Marken-Experte Peter Schultze, Geschäftsführer der Agentur Schultze, Walther, Zahel und Präsident des Marketing-Club Nürnberg. „Der Unternehmer Sieber hat, obwohl er von den Ursprüngen her aus dem Import asiatischer Billigprodukte kommt, schon mehrmals gezeigt, dass er auch mit Marken umgehen kann“, erinnert Schultze unter anderem an die Übernahme des angeschlagenen Bobby-Car-Herstellers BIG.

Auch im Leben einer Marke gibt es ein ständiges Auf und Ab, sagt der Marketingexperte. „Jägermeister“ sei so ein Beispiel: Heruntergekommen bis auf Trinkhallen-Niveau, sei es dem Unternehmen gelungen, durch einen kostspieligen Relaunch das Hirsch-Getränk zu einer jugendlichen Trendmarke zu entwickeln.

Ein solcher Vergleich würde dem Simba-Dickie-Chef möglicherweise etwas zu weit gehen. Dem begeisterten Sportwagenfahrer fällt da mehr die Assoziation mit der Marke Audi ein, die ebenfalls durch erhebliche Marketing-Investitionen den Wandel von der Altherren-Schaukel mit Klopapierrolle unterm Heckfenster zur sportlich-jugendlichen Premiummarke geschafft hat. „Es geht darum, Märklin wieder mit dem nötigen Herzblut aufzufrischen“, sagt Sieber und er versichert: „Das bringen wir mit.“
Rund acht bis neun Mio. € wollen die Fürther noch in diesem Jahr in das Göppinger Unternehmen investieren, Standorte und Mitarbeiterzahl bleiben unverändert, lediglich der 28-jährige Florian Sieber steigt zusätzlich in die bisher zweiköpfige Geschäftsführung bei Märklin ein.

Neben der Tür zum Kinderzimmer will Sieber mit Märklin und vor allem mit den dazu gehörenden Marken Trix und LGB – beide ehemalige Nürnberger Firmen waren einst von der Göppinger Gruppe übernommen worden, die Tore zu den internationalen Märkten aufstoßen. „Wir sind global gut vernetzt, da eröffnen sich große Wachstumschancen.“ Sima-Dickie ist mit 4200 Beschäftigten in über 30 Ländern rund um den Globus aktiv.

Zum Kaufpreis machten alle Beteiligten keine Angaben. Insider bezifferten einmal den Wert Märklins auf mindestens 40 Mio. €, was dem Betrag entspräche, den Sieber nach früherem Bekunden „aus der Kriegskasse“ bezahlen könnte. Nach Meinung von Branchenbeobachtern dürfte der Kaufpreis heute aber höher gewesen sein.