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Bronzene Arbeiten für die Ewigkeit

Seit 160 Jahren gießt die Kunstgießerei Lenz Bronzefiguren in der Burgschmietstraße - 24.11.2010 17:26 Uhr

Die gesamte Werkstatt steht unter Denkmalschutz. Beim Gang durch die Räume fühlt man sich wie in einem Museum. © Harald Sippel


Jeder Nürnberger ist schon einmal an ihnen vorbeigegangen. Vielleicht sogar davor stehen geblieben, vor den bronzenen Skulpturen von Albrecht Dürer, Willy Brandt und vielen anderen Prominenten der Zeitgeschichte, denen die Stadt ein Denkmal gesetzt hat. Fast alle dieser Denkmäler in Nürnberg wurden auch hier gegossen. In der Kunstgießerei Lenz in der Burgschmietstraße.

Auch der derzeit vieldiskutierte Neptunbrunnen im Stadtpark stammt aus der mittlerweile 181 Jahre alten Lenzschen Gießerei. „So etwas Großes würden wir heute aber nicht mehr gießen können“, sagt die Chefin Sabine Jahn. Die Abgüsse des Originals aus dem russischen Petersburg kamen 1901 in 24 Kisten verpackt nach Nürnberg. 80000 Mark kostete der Brunnen – für die damalige Zeit eine beträchtliche Summe.

Die gesamte Werkstatt mit ihren weitläufigen Räumen ist unter Denkmalschutz gestellt worden. „Jetzt machen Sie einen großen Schritt ins letzte Jahrhundert“, begrüßte Sabines Vater, Franz Jahn, oft seine Kunden oder Besucher, die die Kunstgießerei besichtigt haben. Der Senior starb vor eineinhalb Jahren; seitdem übernimmt Tochter Sabine Jahn die Begrüßung. „Manchmal komme ich mir vor wie eine Museumsführerin“, sagt Jahn, die jedes Jahr unzählige Besuchergruppen durch die Werkstatt führt.

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Die Nürnberger Kunstgießerei Lenz

Seit 1850 gießt die Kunstgießerei Bronzefiguren in der Burgschmietstraße, die in die ganze Welt exportiert werden. Die meisten Skultpuren und Denkmäler in Nürnberg stammen aus der Lenzschen Gießerei. So unter anderem auch der Neptunbrunnen im Stadtpark oder die Albrecht-Dürer-Statue in der Innenstadt.


Die Besucher bekommen zuerst das bizarre „Kunstwerk“ gleich neben der Eingangstür zu sehen: Ein Gebilde aus schwarzem, erkalteten Wachs. Eigentlich sind es nur drei Kochtöpfe auf einer Kochplatte, in denen das Wachs für die Skulpturen erhitzt wird und die über und über mit Schichten aus erkalteten Wachsspritzern überzogen sind. Aber zwischen Skulpturabdrücken, jahrhundertealten Werkzeugen und dem Inventar der Werkstatt wirkt die „Kochecke“ wie ein bewusst kreiertes Meisterstück. Auch der Lastenkran ist so ein Museumsstück in der Lenzschen Gießerei. Er besteht aus massiven Holzbalken, die schon über ein Jahrhundert auf dem Buckel haben. Lediglich der Seilzug wurde erneuert, um die schweren, frisch gegossenen Bronzefiguren in ihrem Korsett von der Stelle bewegen zu können. „Der ist mittlerweile elektrisch, zuvor mussten wir noch kurbeln“, sagt Jahn.

Eine Woche stecken die mit Ziegelspitzbeton ummantelten und befüllten Abdrücke der Figuren mitunter im modernen, vier Meter hohen Brennofen im Raum nebenan. Es ist das Wachs, das restlos verdampfen muss, damit die flüssige Bronze in die Hohlräume fließen kann.

Bevor die Gussformen in den Brennofen kommen, muss jedoch zuerst ein Silikonabdruck von der Figur oder Skulptur des Künstlers genommen werden. Dieser Abdruck wird für die Stabilität großzügig mit Gips ummantelt und innen mit flüssigem Wachs versehen. Dann werden die beiden Hälften zusammengefügt und noch einmal mal mit einer dicken Wachsschicht ausgekleidet. Zum Schluss wird die Silikonschicht abgezogen, der Wachsabdruck mit Ziegelspitzbeton um-mantelt und ausgefüllt. Nachdem der Guss abgekühlt ist, bearbeiten die beiden Ziseleure im hinteren Teil der Werkstatt die gegossenen Bronzefiguren. Sie feilen Ecken ab, arbeiten Rundungen heraus und löten beim Guss entstandene Löcher zu. Feilen und Punzen aber auch Hammer und Lötdraht gehören zu ihren wichtigsten Werkzeugen.

„Ich finde es toll, eine Skulptur in ihrer Entstehung von Anfang bis Ende in der Hand zu haben“, sagt Sabine Jahn über die Arbeit mit den schweren Skulpturen. Drei bis vier Tonnen Bronze verbraucht die Gießerei pro Jahr. Jahn beschäftigt derzeit drei Mitarbeiter – zwei Ziseleure und einen Gießer. „Man kann gerade so davon leben“, sagt Jahn. Trotzdem kann sie sich nicht vorstellen, etwas anderes zu machen.

Der Bronzeguss hat eine jahrhundertealte Tradition in Nürnberg. Er ist auf der ganzen Welt gefragt. Eine in Nürnberg gegossene Statue von James A. Garfield, des ehemaligen amerikanischen Präsidenten, steht in San Francisco. Prinz Albert, den Ehemann der großen britischen Königin Viktoria, musste die Kunstgießerei gleich dreimal gießen: für Coburg, das englische Grimsby und für Sydney. Auch in Prag, Breslau, Stockholm und London stehen Skulpturen und Denkmäler aus der Kunstgießerei.

„Ich glaube nicht, dass unser Handwerk mal ausstirbt“, gibt sich Jahn optimistisch. „Der Markt für Bronzefiguren ist zwar gewissen Schwankungen unterworfen, aber ganz zusammenbrechen wird er nie.“

www.kunstgiesserei-lenz.de oder Tel. 0911/330216

  

Katrin Meistring (Text) und Harald Sippel (Fotos) E-Mail

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