Unterwegs in Oberhembach

Das Dorf der starken Frauen

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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25.8.2021, 17:30 Uhr
Drei starke Frauen: Renate Rüd, Gunda Nerreter und Susanne Flach-Wittmann (von links) im Biergarten vor dem Dorfwirtshaus.

 

Drei starke Frauen: Renate Rüd, Gunda Nerreter und Susanne Flach-Wittmann (von links) im Biergarten vor dem Dorfwirtshaus.   © e-arc-tmp-20210824_171837-2.jpg, NN

Was das Essen anbelangt, sei der Köchin sehr gedankt" – es ist ein Vers aus einem Gedicht. Einem längeren Gedicht, das einst ein Gast an der Wirtshaustür hinterlassen hatte, es ist Jahrzehnte her. Aber Gunda Nerreter trägt es vor, auswendig, Strophe für Strophe, sehr lebhaft, sehr melodisch.

"Menschen wie Gunda"


Sie ist 80 Jahre alt, sie lächelt, es ist ein sehr feines Lächeln. Ihr Name steht noch über der Tür des Sandsteinhauses mit dem markanten Glockentürmchen, "Gasthaus Nerreter", Gunda Nerreter führte es ab 1964 fast drei Jahrzehnte lang gemeinsam mit ihren Mann Georg, dessen Eltern es 1923 eröffnet hatten. Auf dem Hof nebenan schlachteten sie noch selbst.


"Ich bin froh und dankbar, dass es Menschen wie Gunda gibt", wird Nico di Garbo später sagen. Er ist heute der Wirt in einem kleinen Dorf, das sein Wirtshaus erhalten hat, als dem Glöckchen auf dem Dach schon die letzte Stunde geschlagen zu haben schien. Es ist eine der besonderen Geschichten, denen man in Oberhembach begegnet.

Bier von der Chefin

Oberhembach, umgeben von dichten Wäldern, ist die westlichste Ortschaft der Oberpfalz, es gehört zum Markt Pyrbaum und mutet, mit seinen schönen Fachwerkhäusern, noch sehr mittelfränkisch an. Gunda und Georg Nerreter schenkten Geismann-Biere aus Fürth aus.


Heute kommt das Bier aus Pyras, das, findet Susanne Flach-Wittmann, passt ganz wunderbar zu Oberhembach – weil in Pyras mit Marlies Bernreuther eine junge Frau die Chefin der Brauerei ist. "Und bei uns in Hembach", sagt Susanne Flach-Wittmann, "haben sich immer die Frauen um das Dorf gekümmert", in der Bürgerversammlung stellten sie manchmal schon zu Zeiten die Mehrheit, als das andernorts noch reine Männerveranstaltungen waren.

Das Triumfeminat


Susanne Flach-Wittmann wohnt gegenüber der Wirtschaft, von der noch zu erzählen sein wird, im wunderbar renovierten ehemaligen Heiligenhof, erbaut 1706. Gemeinsam mit Renate Rüd und Daniela Partl hat sie einen netten Brief an die Redaktion geschickt. Ob man Oberhembach kenne? Ob man es vielleicht einmal besuchen wolle? Es grüßte herzlich ein "Triumvirat für alles Mögliche", wie die Damen schrieben. Man wollte – und verstand bald, warum an der Infotafel im Dorf immer wieder Zettelchen von Menschen hängen, die gerne hierher ziehen würden, zu den Sandhasen.


Sandhasen, so heißen, nach den trockenen Ackerböden um den Ort herum, die 307 Einwohner von Oberhembach, auch das Truimvirat, das ja eigentlich ein Triumfeminat ist, hat gerade mit Hasenohren posiert – für die "Kunst im Dorf", die seit 2001 alle zwei Jahre Tausende Besucher anzieht. Die Sandhasen sind das Motto für die pandemiebedingt auf 2022 verschobene nächste Auflage der auf ihre Art einzigartigen Veranstaltung, zu der fast die ganze Ortschaft beiträgt.

Kunst auf dem Dorf


Mitmachen darf jeder, der hier wohnt oder gewohnt hat. Malerei, Skulpturen, Fotografie, Keramik, Holzarbeiten, Computeranimationen, Musik, Kabarett, vieles mehr: Bis zu 60 Frauen und Männer stellen inzwischen aus. Durch den Kunststadel, ehemals Stall und Scheune, liefen noch die Hühner, als es vor 20 Jahren losging, heute ist die Kunst überall zu sehen: in Privatgärten, in Garagen, auf den Gemeindewiesen am kleinen Hembach, auf der Seebühne am ehemaligen Löschteich – im Jahr 2012 haben sie dafür den bundesweiten Hauptpreis des Wettbewerbs "Land und Leute" gewonnen, mit dem die Wüstenrot-Stiftung beispielhafte Konzepte und Projekte zur Entwicklung des ländlichen Raums auszeichnet.


Jörn Lippmann ist dafür "der Rasenmäher", so stellt er sich vor, der Rechtsanwalt pflegt ehrenamtlich das Gemeindegrün und gehört gerne zu einer Dorfgemeinschaft, für die die Kunst "das Herzstück ist", wie er sagt. Er kam als Kleinkind mit seinen Eltern aus Hamburg nach Oberhembach, "in das Dorf der engagierten Frauen", das, erzählt Lippmann mit noch leicht hanseatischem Zungenschlag, "hat mir schon meine Mutter immer gesagt" – und wie wichtig es sei, sich zu integrieren.

Rasenmähen ist Politik


"Wir machen die meisten Sachen selbst", sagt Jörn Lippmann, und wer die Wiesen pflegt, überlegt er lächelnd, "macht damit auch Politik, sogar besser als mit Parteiveranstaltungen". "Wir halten zusammen, wir verstehen uns", das ist die Botschaft, für die das schöne Ortsbild steht, findet er, nach innen und nach außen, "und dabei sind die Älteren für die Jüngeren da und umgekehrt."


Davon kann noch eine starke Frau erzählen. Angela Pusch – ihre Mutter Hannelore Schmidt gehörte zu den Pionierinnen der in Oberhembach gegründeten ersten Frauenfeuerwehr im Landkreis Neumarkt, ihr Vater Michael brachte dem Anwalt Lippmann das Imkern bei – betreut die Biowichtel im Gartenbau- und Heimatpflegeverein. Sie pflanzen gemeinsam Kartoffeln, pflegen die Streuobstbäume am Ortsrand und lernen bei Schnitzeljagden, was auf den Wiesen wächst und krabbelt.

"Ich liebe euch alle"


Woran, fragt Angela Pusch, wird sich ein Kind später lieber erinnern: an das erste Mobiltelefon – oder an das erste gemeinsame Kartoffelfeuer? "Den Kindern zu zeigen, woher die Lebensmittel kommen, ihnen die Natur nahezubringen", das, sagt die Mutter zweier Kinder, ist das Anliegen der Biowichtel, die gerne ihre Eltern und Großeltern mitbringen dürfen – "und alle restlichen Hembacher". Im Bus-Wartehäuschen haben die Kinder ihre Bilder ausgestellt. "Ich liebe euch alle", steht, in Rot neben einem Marienkäfer, auf einem, darunter, in blauer Farbe: "Wir dich auch", und, in grün: "Wir auch". Das Wort Dorfgemeinschaft klingt hier so selbstverständlich, dass Jörn Lippmann sicherheitshalber sagt, es sei "natürlich auch bei uns nicht immer alles heile Welt".


Und im Sommer 2011 fehlte dem Dorf auf einmal die Mitte. Nach sieben schnellen Pächterwechseln stand das alte Wirtshaus leer. "Ganz schlimm" sei das gewesen, sagt Renate Rüd. Der Arbeitskreis Zukunft, initiiert von ihrem Triumfeminat, hatte wieder eine ungewöhnliche Idee: ein Wirte-Casting, das, von einem regen Medieninteresse begleitet, sogar den Boulevardsender Sat1 anlockte – "aber die", erzählt Renate Rüd, deren Mutter hier gelegentlich bediente, "wollten eine Koch-Show daraus machen, das hätte nicht zu uns gepasst".

Das Wirte-Casting


Über 20 Wirte zeigten Interesse, ein halbes Dutzend kam in die engere Wahl – und stellte sich bei einem Tag der offenen Tür vor. Wie das war? "Ungewohnt, komisch, so etwas kennt an ja nicht", sagt Nico di Garbo. Dass der gebürtige Nürnberger gemeinsam mit seinen Eltern – der Vater Sizilianer, die Mutter aus Neapel – gewinnen würde, musste nicht als ausgemacht gelten, obwohl die di Garbos "gleich supersympathisch waren", wie Susanne Flach-Wittmann erzählt.

Bloß: Die Bitte, auch einen fränkischen Schweinebraten zuzubereiten, lehnten sie ab – und servierten Arrosto di maiale, die italienische Variante, so ist es im Protokoll des besonderen Tages nachzulesen.

Ein Glücksfall


"Das hat uns beeindruckt, weil es so ehrlich war", sagt Susanne Flach-Wittmann – gerade hat sie, zum Zehn-Jahre-Jubiläum der di Garbos, den schönen Biergarten geschmückt. "Idyllisch", sagt Nico di Garbo, fand er das Wirtshaus schon mit dem Kennenlernen, "sehr deutsch, dunkelgrüne Vorhänge", die Vorstellung, aufs Land zu ziehen, reizte ihn. Heute ist er "dankbar, dass es so gut passt mit der Dorfgemeinschaft – du willst dich ja anpassen und einbringen". Die "Osteria da Nico" ist "ein deutsch-italienischer Glücksfall", wie Renate Rüd findet.

Schon am späten Nachmittag ist fast jeder Platz besetzt. Die Küche führt Franco di Garbo - wenn er noch einen Koch und einen Pizzabäcker findet, sagt sein Sohn Nico, stellt er mehr Tische auf.

Gerland war auch da


Von ihrem Hof nebenan ist Gunda Nerreter herübergekommen. Sie ist glücklich, dass hier wieder Leben herrscht, "es hängt ja das Herz daran", sagt sie und erzählt von den frühen Jahren, als die Leute noch zum Telefonieren vorbeischauten, das Wirtshaus hatte den ersten Anschluss im Dorf. Gäste kamen auch von weiter her, Hermann Gerland, der damals berühmte Trainer des 1.FC Nürnberg, spielte immer montags Schafkopf in Oberhembach. "Ein Wirtshaus still und klein, da kehr ich gerne ein", trägt Gunda Nerreter aus jenem alten Gedicht vor – es wirkt jetzt zeitlos schön.

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