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Der «Eichel Unter» unter Bayerns Politikern

Wissenschaftsminister Thomas Goppel hat Gefallen an seinem Amt gefunden - 02.07.2008

Zeichnete bayerische Politiker für einen Satz Schafkopfkarten und Goppel als «Eichel Unter»: Karikaturist Dieter Hanitzsch. © LBS


Die Rektoren und Präsidenten der neun staatlichen Universitäten und 17 Fachhochschulen in Bayern schätzen Thomas Johannes Goppel, der 2003 als Nachfolger von Hans Zehetmair vom Posten des CSU-Generalsekretärs wieder zurück ins Kabinett gewechselt ist. «Er setzt sich im Finanzministerium vehement für unsere Belange ein», urteilt Thomas Schöck, der Erlanger Uni-Kanzler, und Prof. Helmut Ruppert, Präsident der Uni Bayreuth und langjähriger Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz, schätzt an Goppel, dass dieser immer ein offenes Ohr für die Probleme der Hochschulen habe: «Bevor er Gesetze formuliert, hört er uns immer an. Er ist keiner, der uns alles von oben diktiert.»

Dieter Hanitzsch, Karikaturist der «Süddeutschen Zeitung», hat Thomas Goppel für einen Satz Schafkopfkarten als «Eichel Unter» gezeichnet. Der Oberbayer, der in Aschaffenburg geboren wurde und dort die ersten 13 Jahre seines Lebens verbracht hat, fühlt sich damit gut getroffen: «Ich bin nicht der Chef. Aber manchmal kann ich der Chef sein: beim Wenz.» Wenn statt der Ober die Unter Trumpf sind. Deshalb war ihm der «Eichel Unter» viel lieber als der «Schelln Ober». Nur schade: Kurt Faltlhauser, als Finanzminister bis zur Kabinettumbildung Goppels größter Gegenspieler innerhalb der eigenen Partei, ist der «Eichel Ober», der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber war der beim Schafkopf nur wenig machtvolle «Herz König».

Kultusminister Siegfried Schneider wurde von Dieter Hanitzsch gar nicht gezeichnet. Trotzdem hat der Kabinettskollege aus Eichstätt Thomas Goppel ausgestochen: bei der Wahl zum Bezirksvorsitzenden von Oberbayern als Nachfolger von Landtagspräsident Alois Glück. «Als ich bei der Delegiertenversammlung den Raum betreten hatte, wusste ich schon, dass ich keine gute Rede halten werde», blickt Goppel zurück. «Die Stimmung war feindlich.» Mit 63 zu 37 Prozent entschieden sich die Delegierten für Schneider. Ein noch höherer Aufstieg Goppels, den der «Spiegel» als «Ersatzmann aus Eresing» für den Parteivorsitz ins Spiel gebracht hatte, war gescheitert.

Es war spekuliert worden, dass Stoiber Goppel unterstützt habe, um das Tandem Beckstein/Huber doch noch zu verhindern - und Stoiber bei einem Ministerpräsidenten Goppel wenigstens noch den Parteivorsitz behalten hätte können. «Rückblickend ergibt es Sinn, dass ich bei Putschgedanken für andere eine Rolle gespielt habe», meint Goppel heute. «Aber damals war mir das nicht bewusst.» Goppel war nie der Liebling der Partei, auch kein Karrierist wie Europaminister Markus Söder, der sich für gute Wahlergebnisse verbiegen würde. Thomas Goppel bezieht seine Stärke daraus, dass ihm Sachfragen wichtiger sind als Personalfragen, und der Minister hat seine Wurzeln nie vergessen, seinen Wahlkreis Landsberg/Fürstenfeldbruck-West, für den er seit dem Jahr 1974 ununterbrochen im Landtag sitzt. «Wenn wir ein Problem nicht lösen können, gehen wir halt zum Thomas», sagt ein Kommunalpolitiker. Einmal in der Woche hält er in seinem Einfamilienhaus in Eresing am Ammersee, wo er mit seiner Frau Claudia wohnt

und auch sein Wahlkreisbüro untergebracht hat, eine Bürgersprechstunde ab. «Es waren schon tausende Bürger hier», erklärt Goppel.

Sein Wahlkreis ist ihm wichtig. Daraus bezieht der Volksschullehrer, der im Jahr 1982 in Salzburg über bayerische und österreichische Lehrpläne zum Dr. phil. promoviert hat, seine politische Gewichtung. Montagvormittag, kurz vor 9 Uhr, Thomas Goppel besucht die «Schuster Präzision Werkzeug-Maschinenbau GmbH» in Denklingen, eine halbe Stunde von seinem Zuhause entfernt. «Thomas, grüß Dich», ruft ihm Geschäftsführer Helmut Schuster zu. Die beiden kennen sich von der Mittelstands-Union. 162 Mitarbeiter hat das Unternehmen, darunter sind über 30 Lehrlinge. Das imponiert Goppel. Deshalb hatte er um den Termin gebeten. Er will mit den Auszubildenden sprechen.

In der Werkshalle lässt er sich von den Lehrlingen erklären, woran sie gerade arbeiten. Die Distanz zwischen Minister und Azubis ist schnell überwunden. Goppel duzt die Lehrlinge. Er kann - wie kaum ein anderer Politiker - auf Menschen zugehen. Er liebt es, auch mit den einfachen Bürgern zu sprechen, nicht nur mit anderen Politikern, Rektoren und Wirtschaftsbossen. Bei diesen Terminen gibt er sich uneitel: «Darf ich meine Jacke ausziehen?», fragt er und krempelt auch die Ärmel seines Hemdes hoch.

«Was läuft in der Berufsschule falsch?», fragt Goppel. Ein Lehrling antwortet: «Wir brauchen im Beruf Englisch, haben aber in der Schule zu wenig Englisch. Dafür drei Stunden Religion.» Goppel sagt, er werde bei seinem Kabinettskollegen Schneider nachhaken, mit dem er sich ein Ministeriumsgebäude am Münchner Salvatorplatz teilt und mit dem er sich trotz der Niederlage bei der Wahl um den CSU-Bezirksvorsitz gut versteht. «Wie steht es in Denklingen mit DSL?», will Goppel danach wissen. Eineinhalb Stunden nimmt er sich Zeit, verspricht danach, jederzeit zu helfen, wenn ihm jemand sein Problem per Mail schildert. Jedem einzelnen Azubi schüttelt Goppel zum Abschied die Hand.

«Er kann sehr charmant sein», geben selbst seine Kritiker zu. Aber nicht immer. Frisch im Amt als Wissenschaftsminister sollte er an den Hochschulen zehn Prozent des Etats kürzen. Selbst Rektoren, wie der Erlanger Prof. Karl-Dieter Grüske, demonstrierten auf der Straße gegen die Sparpläne. Goppel wurde bei seinen Antrittsbesuchen an den Hochschulen von Studenten ausgepfiffen, an der Fachhochschule Nürnberg wollten linke Gruppierungen sogar das Gebäude stürmen. Goppel reagierte patzig. Manchmal kann seine charmante Art schnell umschlagen.

Wie auch am Montagabend in Würzburg. Weil er seinen Zug zurück nach München erwischen musste, bat er, die Podiumsdiskussion mit Adelheid Rupp (SPD) und Ulrike Gote (Grüne) um 21 Uhr zu beenden. Der Moderator, ein Student der Uni Würzburg, hielt sich nicht daran. Deshalb stand Goppel um 21.10 Uhr auf, verabschiedete sich mitten in der hitzigen Diskussion um Studiengebühren und ging hinaus. Studenten pöbelten, beschimpften ihn und folgten ihm nach außen. Dann verlor auch der Wissenschaftsminister die Fassung: «Sie Armleuchter! Das ist jetzt keine Beleidigung! Sie Armleuchter!», herrschte er einen an und verschwand.

Der Sohn des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Alfons Goppel scheut nicht Diskussionen mit Andersdenkenden, aber er legt Wert auf eine faire Diskussionskultur. «Uns Studentenvertreter lädt er einmal im Jahr zu Treffen ein», erzählt Philipp Schrögel, der an der Uni Erlangen als studentischer Vertreter im Senat sitzt. «Er hört uns immer zu und gibt uns zumindest das Gefühl, dass er sich um unsere Angelegenheiten kümmert.» Manche Uni-Präsidenten ärgert, dass er dabei manchmal zu spontan sei und die Folgen für die gesamte Hochschule nicht bedenke, wenn er helfen wolle. «Vor allem im Bereich der Frauenförderung gibt er ständig Versprechen ab, und wir müssen es dann umsetzen», klagt ein Hochschulchef.

«Er passt schon», sagt der Erlanger Kanzler Schöck. Goppel konnte die zehnprozentige Etatkürzung für den Hochschulbereich noch abwenden, während seiner Amtszeit wurden die Hochschulen nach Empfehlungen einer Kommission umgekrempelt, die beiden Münchner Universitäten erhielten den «Elite-Uni-Titel», Erlangen bekommt ein Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts, und die Einführung der Studiengebühren lief - im Gegensatz zu anderen Bundesländern - weitgehend ohne Proteste ab.

«Mein Bereich steht sicherlich nicht schlecht da», stellt Goppel, der auch als neuer Landtagspräsident gehandelt wird, selbst fest und ergänzt: «Ich fühle mich hier wohl. Auch nach der Landtagswahl favorisiere ich es, Wissenschaftsminister zu bleiben.» Auch die Rektoren wünschen sich das. Nach all den Umstrukturierungen der vergangenen Jahre hoffen sie darauf, dass mit Goppel wieder etwas Kontinuität und Ruhe einkehrt.

Nach knapp fünf Jahren ist der 61-Jährige endgültig in seinem Amt angekommen. Anfangs war die Skepsis auch unter den Rektoren groß. Obwohl er ab dem Herbst 1986 schon einmal unter dem damaligen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß als Staatssekretär im Wissenschaftsministerium saß, schüttelten einige den Kopf über den fehlenden Sachverstand. «Er hat sich aber schnell eingearbeitet», erkennt selbst ein Kritiker aus dem Uni-Bereich an.

«Manchmal denkt er nur zu laut, wenn er mit unausgegorenen Überlegungen vorprescht.» Etwa damit, dass für künftige Grundschullehrer ein Bachelor genüge, während Gymnasiallehrer einen Master daraufsetzen müssten. Manche schätzen diese offenen Diskussionen. «Dann hat man die Möglichkeit mitzugestalten», sagt Bayreuths Präsident Ruppert. Wenn Goppel doch anderer Meinung ist, muss er eben einen «Wenz» spielen. 

Markus Kaiser

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