Leben mit den Langzeitfolgen

Diagnose "Long Covid": Abschied und Neuanfang für eine Fränkin

Claudia Weinig

Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung/Schwabacher Tagblatt

E-Mail zur Autorenseite

7.11.2021, 06:45 Uhr
Mehr Zeit für sich und ihre Hobbys - das ist die positive Seite, die Gis Bellmann-Bucka in ihrer Long Covid-Diagnose sieht, wenn sie sich jetzt öfter als vor ihrer Erkrankung an die Veeh-Hafe zum Spielen setzt.

Mehr Zeit für sich und ihre Hobbys - das ist die positive Seite, die Gis Bellmann-Bucka in ihrer Long Covid-Diagnose sieht, wenn sie sich jetzt öfter als vor ihrer Erkrankung an die Veeh-Hafe zum Spielen setzt. © Weinig, NN

Covid raubt Lebensenergie. Ohne Rücksicht auf Alter, Lebensweise, Geschlecht. Nicht nur in der akuten Krankheitsphase. Sondern vielen Menschen auch noch etliche Monate, vielleicht sogar Jahre und Jahrzehnte danach. Gis Bellmann-Bucka ist einer dieser Menschen.

Unterkriegen lässt sich die gelernte Krankenschwester und Altentherapeutin aber nicht. „Keinesfalls“, wehrt sie postwendend ab. „In meinem Beruf habe ich Anderen immer versucht beizubringen, dass man eine Krankheit annehmen muss, um sie wirksam bekämpfen zu können. Genau das mache ich jetzt für mich. Ich schaue nicht zurück, was war. Sondern setzte mir Ziele, die ich erreichen will. Das hilft!“

Virus hinterlässt Spuren

Wer der lebhaften Gis Bellmann-Bucka gegenüber sitzt, an den unterschiedlichsten Stellen im Gespräch immer wieder ihre positive Grundeinstellung zu spüren bekommt, muss sich ihre Geschichte schon erzählen lassen, um zu glauben: hier sitzt eine Frau, die tatsächlich „Abschied nehmen muss von vielem, was mir selbstverständlich war und was ich gerne gemacht habe.“ Denn der Körper macht nicht mehr mit.

Das Virus hat Spuren hinterlassen, die zwar undeutlicher werden. Aber eben nicht verschwinden. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Auch das hat die Krankenschwester, die seit besagtem 19. Dezember 2020 im Krankenstand ist, lernen müssen.

Dabei war es noch nicht mal so, dass die Krankheit lebensbedrohlich ausbrach. Gis Bellmann-Bucka „erwischte“ es im Winter 2020/21 so, wie viele ihrer Kollegen und Kolleginnen damals in der Kreisklinik. „Was die Hygienemaßnahmen angeht, haben wir alle sehr verantwortungsvoll das Bestmögliche getan. „Und die Patienten waren damals ja noch bei weitem nicht durchgeimpft“, blickt die 61-Jährige zurück.

Sofort heftige Symptome

Sie ist sich mittlerweile sicher, dass sie sich bei einem Demenz-Patienten, der damals eher zufällig, weil symptomfrei, positiv getestet worden war, zuvor angesteckt hat. Symtomfrei - das galt und gilt seit dem 19. Dezember 2020, der Tag, an dem Gis Bellmann-Bucka nach einer „harten Nacht mit Gliederschmerzen und Husten“ ebenfalls als Covid-Patienten aktenkundig wurde, nicht mehr.

Zwar musste sie nicht ins Krankenhaus. Aber drei Wochen lang machte „ich in Wellen alle Symptome durch, die man überhaupt haben kann. Fieber, Husten, Geschmacksverlust.“

Sie rappelte sich aus Vernünftsgründen nach den drei Wochen hoch, weil sie spürte, dass Kreislauf und Muskeln immer schwächer wurden. Sie wollte „einfach nur etwas gehen“. Die erste Runde ums Haus - „das war als hätte ich einen Marathonlauf hinter mir.“ Und: „Es wurde nicht besser.“

Schlaflos und erschöpft

Was aber für sie viel gravierender war: Sie kann nur noch wenige Stunden am Stück schlafen. Seit Monaten. Die Folge: „Völlige Erschöpfungszustände.“ Dazu kam: Ihr Puls, der normalerweise immer so um die 55 lag, fährt Achterbahn. Von 0 auf 160 - dafür reicht die Treppe in den ersten Stock. Das ist heute die Realität.

Gis Bellmann-Bucka hat in den vergangenen Monaten viel im Internet gelesen, denn „medizinische Bücher gibt es ja so gut wie keine“, informierte sich in Fachkreisen - ein Leichtes für sie als Krankenschwester und Therapeutin, hatte (und hat) mit ihrem Hausarzt einen aufmerksamen Betreuer. Mittlerweile steht fest: Sie hat das Long-Covid Syndrom, das sich bei jedem Menschen anders auswirken kann.

Auch das hat die so aktive 61-Jährige in der Praxis gelernt: Sie konnte mit Hilfe der Berufsgenossenschaft auf eine fünfwöchige Reha gehen. „Das hat mir, obwohl ich ja eigentlich vom Fach bin, unheimlich geholfen zu lernen, was ich meinem Körper zumuten kann. Und was nicht. Wie ich ihn fordere, ohne ihn zu überfordern.“

Harte Schicksale

Sie hat auch die verschiedenen Gesichter gesehen die Covid langfristig zeigt; wie beispielsweise bei der 40-jährigen Patienten, der ein Ganzkörper-Tremor („Zittern“) blieb. Lediglich den Kopf kann sie noch ruhig halten. „In so einer Klinik entwickelt man unter Schicksalsgenossen dann schon auch einen gewissen schwarzen Humor.

Bellmann-Bucka erinnert sich an ein Gespräch mit der Patienten, die ihren Beruf als Krankenschwester zwangsweise an den Nagel hängen muss, und deren Mann. Dieser meinte in der Reha in der Patientenrunde: „Jetzt kannst Dich immerhin noch als Rüttelplatte bewerben.“

Gis Bellmann-Bucka weiß, wie hart das für Außenstehende klingt. „Aber unter Betroffenen geht das schon“ erklärt sie mit einem Augenzwinkeern. „Man entwickelt manchmal eine ordentliche Portion schwarzen Humor, um der Schwere der Diagnosen auch mal etwas zu nehmen.“

Abschied vom Arbeitsplatz

Dennoch steckt viel Wahrheit in der Szene. Denn auch Gis Bellmann-Bucka bereitet sich mittlerweile darauf vor, nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Genauer: Nicht zurückkehren zu können. Weil die Energie für den psychisch und physisch oft anstrengenden Therapeutenberuf nicht mehr reicht.

„An guten Tagen bin ich bei 80 Prozent meiner einstigen Leistungsfähigkeit, an schlechten bei 60 - obwohl ich wirklich alles medizinische tue, um wieder fitter zu werden.“ Sportlich, in der Ernährung, in der aktiven Auseinandersetzung mit der Krankheit.

Letzteres bedeutet für Gis Bellmann-Bucka auch, Grenzen, die ihr Körper nun stärker als je zuvor aufzeigt, zu akzeptieren. Sie drückt es lieber anders aus: „Ich habe in meinem Beruf immer versucht zu spüren, was Patienten brauchen. Nun spüre ich mehr in mich hinein, was mein Körper braucht. Das tut mir gut.“

Führung abgegeben

Im Alltag bedeutet das: die Rotherin hat im Oktober nach 23 Jahren ihren aus Überzeugung ausgeübten Leitungsjob beim Eine-Welt-Laden aufgegeben. Sie macht nichts mehr „mal eben schnell.“ Weil das nämlich zu viel ihrer reduzierten Kraft kostet. Dafür lässt sie sich helfen für den „Preis“, dass sie Schwäche zugeben kann. „Auch das ein Lernprozess, der für mich alles andere als einfach ist.“

Nein, einfach sei dieses Herantasten an ein Leben mit Covid-Folgen - trotz ihrer optimistischen, zukunftgerichteten Lebenseinstellung nicht. Gis Bellmann-Bucka gibt das unumumwunden zu. Um im gleichen Atemzug zu erwähnen, dass sie die gesamte Situation bei weitem nie so händeln könnte, wenn sie sich nicht eingebettet und getragen wüsste von einem „tollen, sozialen Umfeld - allen voran mein Mann Thomas, (Anmerkung: Thomas Bucka war lange Jahre Diakon in Roth und Büchenbach bis 31.12.2020), der sich den Beginn seines Ruhestands sicher anders vorgestellt hat.“

Umso nachdenklicher wirkt Gis Bellmann-Bucka, wenn sie an die Covid-Patienten erinnert, die nicht dieses „Glück“ haben; die vom Virus mitten im Leben aus ihrer (beruflichen) Laufbahn geworfen werden. Die damit reduziert sind auf ein „dauerkrank.“ „Was wird aus diesen Menschen“, gibt die Rotherin zu bedenken, die als Betroffene mehr denn je auch die gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen verfolgt. Sehr aufmerksam, „aber ohne missionarischen Eifer“, wie sie sofort abwinkt, wenn die Sprache auf Impfgegner kommt - darunter sogar ein Bruder ihres Mannes.

„Einzige logische Konsequenz“

„Impfen ist kein Allheilmittel und schafft keine 100prozentige Sicherheit. Aber für mich wiegt die Angst, die Covid anrichten kann bei weitem mehr als die Angst, was möglicherweise, vielleicht sogar erst in etlichen Jahren, passieren kann.“ Für Gis Bellmann-Bucka ist die „einzige logische Konsequenz daraus, sich impfen zu lassen. Aus Verantwortung für sich und für diejenigen, die sich nicht impfen lassen können.“

Deshalb Impfverweigerer zu bestrafen - dagegen wehrt sich die Long Covid- Patientin. „Wer möchte, dem erzähle ich meine Geschichte und meinen Standpunkt - in der Hoffnung, dass mein Gegenüber dann auch zu einem eigenen Standpunkt findet, der mit Vernunft zu tun hat. Mehr aber will und kann ich nicht. Es hat jeder das Recht, sich eine eigene Meinung zu bilden.“