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Die beiden alten Wirtschaften Erlenstegens

Bereits im Spätmittelalter entstanden, ist der Barockbau noch heute zu sehen - 10.11.2012 15:38 Uhr

Spätestens seit 1476 gab es in Erlenstegen eine Schenkstatt, den späteren „Goldenen Stern“. 1744 wurde der heute noch zu sehende behäbige Barockbau fertiggestellt. Die Postkarte stammt aus der Zeit um 1900. © Hermann Rusam


Das Wirtshaus war früher eingeschossig und lag etwa zwei bis drei Meter unter dem vor der Mitte des 18. Jahrhunderts aufgeschütteten heutigen Straßenniveau. Berichte aus dem 16, Jahrhundert berichten recht anschaulich, wie auf dem Hof einst Kindschenken und Hochzeiten abgehalten wurden.

„Gekartet und blinde Maus gespielt“

Die Bäcker von Lauf spannten, wenn sie Brot nach Nürnberg fuhren, auf dem Rückweg aus und fütterten ihre Tiere. Manchmal wurde auch außerhalb des Hauses unter den Linden ausgeschenkt. Die Zecher haben den zeitgenössischen Schilderungen zufolge „in die Nüsse gekartet oder blinde Maus gespielt“.

Im zweiten Markgrafenkrieg 1552/53 wurde die Gastwirtschaft zerstört. 1744 entstand statt des früheren Fachwerkgebäudes ein behäbiger Barockbau, ganz aus Steinen errichtet. Der goldene Stern über der Tür mit der Jahreszahl erinnert an das Baudatum. Immer wieder fanden auch die politischen Verhältnisse in der Gastwirtschaft ihren Niederschlag. Am 12. Juli 1796 musste der Pfarrer Michael Gottlieb Kühnlein im Wirtshaus dem König von Preußen huldigen. Beim Einmarsch der Amerikaner am 16. April 1945 wurde die 13-jährige Margarete Kalb vom Spitalhof vor der Tür der Wirtschaft von den einrückenden amerikanischen Soldaten erschossen.

Auch aus der Zeit der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse ranken sich einige Geschichten um den „Goldenen Stern“. So verabschiedete sich der deutsche Raketenforscher Wernher von Braun vor seiner Abreise nach Amerika in der Gaststube von dem vormaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Die Rechtsanwälte der Angeklagten im Nürnberger Prozess, die im Zeugenhaus in der Novalisstraße einquartiert waren, kamen zu ihren Mahlzeiten häufig in den „Goldenen Stern“, wo einstige Freunde und Gegner friedlich beisammen saßen.

Am Tag einen Zentner rohen Kloßteigs verarbeitet

Weit über Erlenstegen hinaus bekannt war die zweite, seit 1862 vom Metzgermeister Friedrich Kalb geführte Dorfwirtschaft, der „Kalbsgarten“, früher „Weißes Roß“ genannt. 1969 stellte sein Enkel Andreas Kalb den Betrieb ein. © Friedrich Kalb


In den siebziger Jahren erfreute sich die Gastwirtschaft eines so regen Besuchs, dass an manchen Tagen mehr als ein Zentner rohen Kloßteigs verarbeitet werden musste. Am 31. März 1985 jedoch schloss der „Goldene Stern“ seine Pforten. Konrad Maisel, der letzte in dörflicher Tradition stehende Wirt, ging in den Ruhestand. Dann begannen schwierige Zeiten. Erst seit in diesem Jahr Gerhard Rippel die Ende 2008 von dem Arzt Dr. Beer gekaufte Gastwirtschaft in Pacht nahm, wird der „Goldene Stern“ wieder als gutbürgerliches Lokal von der Bevölkerung angenommen.

Nur wenige Jahrzehnte hatte das „Gasthaus zur Erholung“ in der Erlenstegenstraße 99/101 Bestand. Es galt als Wirtschaft für die „kleinen Leute“, Fabrikarbeiter, Maurer und Handwerker. Sie bestand seit etwa 1870 und wurde nach der Kriegszerstörung nicht wieder aufgebaut.

Weit über Erlenstegen hinaus bekannt war die zweite große Gastwirtschaft, der „Kalbsgarten“, vorher „Weißes Roß“ genannt. 1862 übernahm sie der aus Ittling zugezogene Metzgermeister Friedrich Kalb. Bis 1969 – drei Generationen lang – blieb sie im Besitz der Familie. Als 1896 das Schloss auf dem Platnersberg abgebrochen wurde, kaufte Kalb dort gotische Türen und Fenster, die er in sein weiträumiges Saalgebäude einbaute. Bis 1983 stand im Gastzimmer des „Kalbsgartens“ auch noch ein gusseiserner Ofen, an dem einst die Erlenstegener Bauern mit ihren weißen Schürzen saßen, wenn sie sich zum Stammtisch einfanden. Zur Stammtischrunde gehörten die Bauern Lienhardt, Fahner, Munker, Bald Göselt sowie der „Bauern-Kalb“, der wohl so genannt wurde, damit man ihn nicht mit dem Wirt Kalb verwechselte.

Noch bis in die 1920-er Jahre schafften die sogenannten Steinbauern mit ihren großen Pferdefuhrwerken die Steine zum Bau Nürnbergs aus den Steinbrüchen bei Behringersdorf heran. Beim „Kalbsgarten“ oder beim „Goldenen Stern“ pflegten sie zu

rasten. 1983 waren vor dem „Kalbsgarten“ noch die Eisenringe zu sehen, an denen einst die Pferde festgebunden wurden. Bis vor wenigen Jahren stand vor der Tür auch noch ein Tisch mit einer Bank für die hier an der Landstraße rastenden Gäste und Fuhrleute. Letztere mussten bis zum Jahr 1925 auf dem Weg stadteinwärts beim alten Zollhaus in der Erlenstegenstraße 93 den Pflasterzoll entrichten.

Den Wirt im „Stürmer“ denunziert

Während des Dritten Reiches besaß der Gastwirt Georg Kalb (1870–1941) den Mut, auch jüdische Gäste selbstverständlich zu bewirten. Eine bitterböse Zuschrift im „Stürmer“ 1934 prangerte ihn an:

Stolz posierte der Gastwirt Georg Kalb („Wirts-Kalb“) um 1920 herum inmitten seiner großen Familie. © Friedrich Kalb


„Im Judeneldorado. Lieber Stürmer! Durch Zufall kehrte ich kürzlich an einem schönen Tag mittags in der Gaststätte Kalb in Erlenstegen ein. Kaum Platz genommen, musste ich feststellen, dass neunzig Prozent der anwesenden Gäste Vollblutjuden waren, die sich hier sehr wohl fühlten, was man an dem Gemeuschel und ihrem guten Appetit feststellen konnte. Eine ganz besonders freche und schmutzige Jüdin hat sich direkt neben meinem Tisch ihre fettigen, schmierigen Hände gewaschen. Wie nicht anders zu erwarten, hatten diese ,Gästè gerade die schönsten Aussichtsplätze in der Veranda belegt. Der Wirt scheint überhaupt ein großer Judenfreund zu sein, denn er und sein Personal kennen den deutschen Gruß nicht. Schleunigst nahm ich das bestellte Mittagessen ein und bezahlte, um die Stätte dieses jüdischen Eldorados auf Nimmerwiedersehen zu verlassen. Mit deutschem Gruß und Heil Hitler! M. H.“

Im zweiten Weltkrieg wurde das Obergeschoss zerstört. Im Erdgeschoss konnte aber der Gastwirtschaftsbetrieb noch weitergeführt werden.

In der Silvesternacht einen Choral angestimmt

Erstaunlich lange, nämlich bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs hielt sich im „Kalbsgarten“ der aus dörflicher Zeit stammende Brauch des Neujahrsingens: Am 31. Dezember traten die Gäste um Mitternacht auf den Hof hinaus und stimmten mit den dazugekommenen Erlenstegenern den Choral „Nun danket alle Gott“ an. Anschließend wurde kostenloser Punsch ausgeschenkt. Im Frühjahr 1969 schließlich schloss der 63-jährige Andreas Kalb für immer die Pforten des bei der Bevölkerung einst so beliebten Ausflugslokals. Beide Erlenstegener Gastwirtschaften standen einst ganz im Mittelpunkt der Kirchweih, die traditionsgemäß in der zweiten Septemberwoche stattfand. Noch Anfang der zwanziger Jahre wurde im feierlichen Zug der „Kärwabaum“ eingeholt und aufgestellt. Beim Kirchweihumzug trugen die jungen Mädchen Kränze, die Burschen hatten rote Bänder an ihrem Hut. Der „Betzentanz“ fand im „Goldenen Stern“ statt.

Von der heutigen Straßenbahnschleife bis zum Voitschen Herrensitz drängten sich die Karusselle, Schiffsschaukeln und Buden. Im „Goldenen Stern“ war im ersten Stock ein großer Saal, wie geschaffen für den Festtanz. Noch 1953 feierte man die Kirchweih – freilich war sie längst ihres ländlichen Charakters verlustig gegangen – mitten im alten Dorfkern. Dann wurde die Abhaltung der Kirchweih entlang der Erlenstegenstraße wegen der starken Verkehrsbehinderung durch polizeiliche Anordnung verboten. Ein Stück dörflicher Tradition hatte damit für immer ihr Ende gefunden.

Unser Autor Professor Dr. Rusam hält am Dienstag, den 4. Dezember um 19.45 Uhr einen Lichtbildervortrag im Bildungszentrum, Gewerbemuseumsplatz 2, dritter Stock. Sein Thema: „Die acht Sitzlein von Alt-Erlenstegen – des Rates feste Häuser oder Lusthäuslein des reichsstädtischen Patriziats“.
 

Hermann Rusam

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