Test auf Antikörper?

Falsches Gerücht: So wird der Status Geimpfter und Ungeimpfter in Kliniken ermittelt

NZ-Redakteurin Ngoc Nguyen
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23.11.2021, 11:40 Uhr
Wer gilt als Covid-Patient in den Krankenhäusern als geimpft und ungeimpft? Darüber gibt es immer wieder Diskussionen.

Wer gilt als Covid-Patient in den Krankenhäusern als geimpft und ungeimpft? Darüber gibt es immer wieder Diskussionen. © Marijan Murat, dpa

Auf den Intensivstationen liegen sowohl geimpfte als auch ungeimpfte Covid-19-Patienten – klingt ganz einfach, ist es aber nicht. Denn es gibt keine bundesweiten Standards, nach denen diese Kategorien erfasst sind. Diese werden zurzeit vom Robert Koch-Institut gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erarbeitet.

Daher ist das genaue Verhältnis von geimpften zu ungeimpften Covid-19-Patienten, die auf den Intensivstationen der knapp 1300 erfassten Krankenhäuser in Deutschland versorgt werden, nicht bekannt. Es ist ein gefundenes Fressen für jene, die die Wirksamkeit von Corona-Impfungen bezweifeln.

Impfgegner verbreiten auch in der Region das Gerücht, wonach bei allen Klinik-Einlieferungen ein Antikörpertest gemacht wird. Falle dabei der Wert niedrig aus, gelte ein Patient als ungeimpft, selbst wenn er geimpft worden sei. Das, so die Folgerung, treibe in der Statistik die Zahl der ungeimpften Covid-Patienten nach oben.

Dieses Gerücht ist falsch. Die Redaktion hat bei Krankenhäusern in Nürnberg und der Region nachgefragt: Wann gilt ein Patient als geimpft, wann als ungeimpft? Kein einziges Krankenhaus verwendete bei der Kategorisierung einen Antikörpertest.

Antikörpertests haben kaum Aussagekraft

Wird ein Patient im Klinikum Nürnberg aufgenommen, wird der Impfstatus so erfasst: Entweder der Patient kann ihn noch selbst nennen und zum Beispiel anhand eines Impfpasses nachweisen. Falls er in zu schlechter Verfassung ist, werden Angehörige gefragt. "Definitionsgemäß liegt ein Impfdurchbruch erst nach vollständigem Impfschutz vor", erklärt eine Sprecherin des Klinikums. Vollständig geimpft sei man erst 14 Tage nach der Zweitimpfung. Bei Johnson & Johnson gilt nach einer Impfung der vollständige Impfschutz. Grundsätzlich würden aber alle Patienten gleich behandelt, unabhängig vom Impfstatus.

"Eigene Untersuchungen wie ein Antikörpertest werden nicht angestellt", betont eine Sprecherin des Theresienkrankenhauses in Nürnberg. Der Grund: "Die Bestimmung der Antikörper würde kein eindeutiges Ergebnis liefern." Tatsächlich bedeutet ein niedriger Antikörperspiegel nicht zwangsläufig, dass man ungeimpft und schlecht geschützt ist. Auch die Anzahl der T-Zellen spielt eine Rolle.

Daher verlässt man sich auch im Theresienkrankenhaus bei der Kategorisierung der Patienten auf persönliche Aussagen oder auf Angaben der Angehörigen. Zusätzlich ist der Impfpass vorzulegen, oder die entsprechende App. Als Impfdurchbruch gilt, wer vollständig geimpft ist und dennoch an Covid erkrankt. "Vollständig" erfordert im Theresienkrankenhaus bei Biontech/Pfizer zwei Impfungen, beim Einmalimpfstoff Johnson & Johnson ist eine Dosis für diesen Status ausreichend.

Bisher sei im Krankenhaus Martha-Maria in der Noris noch kein mit Johnson & Johnson geimpfter Patient eingeliefert worden, erklärt Sprecherin Jennifer Christ. "Ein Antikörper-Test wird nicht gemacht. Wir möchten aber die Nachweise sehen." Auch In der Klinik Hallerwiese verfährt man so, dass ein Patient zweimalig geimpft sein muss, um als vollständig geimpft zu gelten. Bei der Aufnahme werden Impfzeitpunkt und Impfnachweis erfragt. Die Mitarbeitenden lassen sich Impfpass oder App zeigen, erklärt Markus Wagner. Er ist Sprecher bei Diakoneo, dem Träger der Klinik Hallerwiese - Cnopf’sche Kinderklinik sowie den Krankenhäusern in Schwabach und Neuendettelsau.

Dasselbe Bild zeigt sich im Klinikum Fürth, in der Kreisklinik Roth, dem Klinikum Altmühlfranken, dem Uniklinikum Erlangen und auch am Uniklinikum in Regensburg. Hat der Patient entsprechende Dokumente bei sich, reicht das für die Erstanamnese. Auch eine mündliche Auskunft des Patienten gilt. Am Uniklinikum Erlangen nutzt man den Antikörpernachweis nur im Bedarfsfall, "um Personen festzustellen, die auf die Impfung gar keine Antikörper gebildet haben", sagt Pressesprecher Johannes Eissing. Kommt es nach einer Impfung zu keiner Immunität, spricht man von einem primären Impfversagen. Dieses tritt vor allem bei Personen mit einem Immundefekt auf. Dann stellt das Uniklinikum weitere Untersuchungen an - auch, um den Virus besser verstehen zu lernen.

"Nur Patienten, die wirklich ungeimpft sind, gelten bei uns als ungeimpft", betont auch Manfred Wagner, Pandemiebeauftragter des Klinikums Fürth. Als geimpft gelten auch Menschen, die einen niedrigen Wert beim Antikörper-Test hätten. Ein entsprechender Test wird im Klinikum nicht routinemäßig durchgeführt, doch "manche Patienten bringen entsprechende Nachweise mit".

"Abgesehen davon hat der Status keine Auswirkung auf die medizinische Behandlung", betont Wagner. "Wie überall gilt auch bei uns der ganz klar definierte ethische Grundsatz: Wenn ein Mensch Hilfe benötigt, dann wird ihm geholfen. Immer!"

Auch gefälschte Impfdokumente bei Patienten?

Eine Frage ist, ob auch alle Impfnachweise stimmen oder Fälschungen kursieren. "Ich denke, da waren auch gefälschte dabei", sagt eine Intensiv-Krankenschwester, die in einem Nürnberger Krankenhaus arbeitet und anonym bleiben möchte. Die Echtheit könne das Personal auch aus Zeitmangel nicht prüfen. Falls falsche Nachweise vorgelegt wurden und werden, liegen auf den Stationen jedenfalls noch mehr ungeimpfte Patienten als gemeldet.

In allen befragten Krankenhäusern zeigt sich das Bild, das überall in Deutschland gemeldet wird: Ungeimpfte Corona-Patienten sind sowohl auf Normal- als auch auf Intensivstationen überrepräsentiert. Berechnungen zufolge müssen Ungeimpfte neun Mal so häufig ins Krankenhaus wie Geimpfte. Das gilt unabhängig von den tagesaktuellen, schwankenden Belegungszahlen auf den Krankenstationen.

Dies bestätigt auch Rainer Seeger, Sprecher für das Klinikum Ansbach sowie die Krankenhäuser in Rothenburg ob der Tauber, Dinkelsbühl und Feuchtwangen: "Schwere Krankheitsverläufe betreffen nahezu ausschließlich ungeimpfte Personen." Bei Geimpften seien schwere Verläufe insgesamt selten. Sie treten in der Regel nur bei Personen auf, die sehr alt seien und/oder schwere Begleiterkrankungen hätten. "Nahezu alle in der letzten Zeit intensivmedizinisch versorgungspflichtigen Patienten in unseren Kliniken waren ungeimpft."

Booster-Impfungen werden immer wichtiger

Zwischen Juli und November 2021 lagen auch auf der Intensivstation im Uniklinikum Erlangen vor allem Ungeimpfte: 38 hatten keine Impfung, zehn Patienten waren zwar geimpft, hatten aber aufgrund von Vorerkrankungen ein schlecht funktionierendes Immunsystem. Diese Patienten konnten keinen ausreichenden Impfschutz aufbauen. Seit 29. Oktober registrierte man im Erlanger Klinikum bislang sieben Geimpfte mit Impfdurchbruch - meist handelte es sich bei den Patienten laut Pressesprecher Eissing um sehr alte Menschen. "Geimpfte ohne Immundefekt mit Durchbruchinfektionen sind derzeit noch Einzelfälle, nehmen aber zu", sagt Eissing. Das unterstreiche, wie wichtig die Booster-Impfung sei.

Die meisten Kliniken geben mittlerweile keinen Impfstatus ihrer Patienten mehr bekannt. Zum einen zum "Schutz der Persönlichkeitsrechte", so Katja Russwurm vom Uniklinikum Regensburg - zum anderen, um die Debatte und aufgeheizte Stimmung zwischen beiden Lagern der Geimpften und Ungeimpften nicht weiter zu befeuern. "Bei uns zählt der Gleichheitsgrundsatz: Jeder, der unsere Hilfe braucht und bei uns liegt, bekommt die Hilfe, die er benötigt", sagt Seeger vom Klinikum Ansbach.