Landwirte unter Druck: "Müssen Maximum aus Tieren herausholen"

4.2.2020, 05:57 Uhr
Die Landwirte Ramona und Dominik Herrmann fordern faire Preise für Qualität aus der Region.

© Foto: privat Die Landwirte Ramona und Dominik Herrmann fordern faire Preise für Qualität aus der Region.

Sind Lebensmittel zu billig? Die Nürnberger Zeitung sprach mit dem Landwirt Dominik Herrmann, der die Proteste der Bauernbewegung "Land schafft Verbindung" mitorganisiert. Er bewirtschaftet in Wolkshausen bei Würzburg einen Hof mit Milchvieh und baut unter anderem Weizen und Mais an.

Wie viel Geld bekommen Sie aktuell für ihre Produkte – und welcher Preis wäre fair?

Dominik Herrmann: Bei der Milch haben wir aktuell einen Grundpreis von 34 Cent pro Liter. Beim Weizen sind es 17 Cent pro Kilo. Um bei der Milch die gesamten Erzeugungskosten und auch unsere Arbeitsstunden zu bezahlen, wären 45 Cent pro Liter nötig, also rund zehn Cent mehr. Da hätte ich alle Kosten drin und einen angemessenen Stundenlohn – aber keinen Gewinn. Beim Weizen bräuchte ich 30 Cent pro Kilo, also fast das Doppelte. Aber bei einem Brötchen macht der Weizen nur rund einen Cent des Preises aus – wenn es dann zwei Cent sind, macht das für den Verbraucher keinen Unterschied.


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Wer hat die niedrigen Preise zu verantworten, sind nur die großen Discounter schuld?

Herrmann: Die Politik lässt es ja auch zu, dass die Discounter das so machen. Insgesamt ist mehr Milch am Markt, als verbraucht wird. Herr Porsche wurde mal gefragt, wie viele Autos er bauen will, und er sagte: Eins weniger, als er verkaufen kann. Für den einzelnen Landwirt mag es sinnvoll sein, so viel Milch wie möglich zu produzieren. Aber gesamtwirtschaftlich gesehen ist das für uns nicht der zielführende Weg.

Welchen Ausweg gibt es?

Herrmann: Es gibt sehr gute Konzepte vom Bundesverband der Milchviehhalter. Wenn so eine Situation da ist, dass die Erzeugerpreise deutlich unter den Erzeugungskosten liegen, dann sollte allgemeinverpflichtend jeder Betrieb seine Produktionsmenge leicht drosseln, um wieder ein Marktgleichgewicht von Angebot und Nachfrage herzustellen. Durch eine leichte Mengensteuerung in der Massenproduktion würde auch der ständige Intensivierungsdruck sinken. Um wirtschaftlich zu überleben, ist der Landwirt ja aktuell dazu gezwungen, aus allen Pflanzen und Tieren immer das Produktionsmaximum herauszuholen.

Wer soll das steuern und überwachen?

Herrmann: Die ganzen Gremien gibt es ja schon, man muss keine neue Bürokratien schaffen. Es gibt staatliche und halbstaatliche Stellen, die die Mengen überwachen – nur die steuernde und eingreifende Funktion fehlt bisher. Die Möglichkeiten sind da und die Konzepte liegen vor, nur tut sich die Politik schwer damit, weil die Lebensmittelindustrie und der Handel das nicht wünschen. Die wollen einfach nur günstige Einkaufspreise und ihre Marktmacht behalten. Sie wollen Gewinn machen, und anders als die Landwirte machen sie den auch. Unserer Molkerei wurde jetzt angekündigt, dass Aldi Süd und Aldi Nord bei ihr künftig gemeinsam einkaufen werden. Aber nicht mehr direkt in Deutschland, sondern über die Handelskette Hofer in Österreich. Dort werden auch die Preisverhandlungen geführt. Und das macht künftig ein Australier, die Verhandlungen laufen daher auf Englisch. Man muss also nach Österreich fahren und dort auf englisch verhandeln, um hier in Franken ein regionales Produkt in den Handel zu bringen. Auch das sind alles Vorgehensweisen, mit denen man bei einer kleinen Molkerei die Preise drücken kann.

Ist der Verbraucher bereit, für regionale Produkte und höhere Qualität mehr zu zahlen?

Herrmann: Es wird dem Verbraucher nicht leicht gemacht. Man hat so viele verschiedene Labels. Und es gibt kein verpflichtendes einheitliches Siegel, das die Art der Erzeugung und die Herkunft des Rohstoffs eines Produktes angibt. Der Verbraucher muss sich oft auf Werbeangaben verlassen. Das freiwillige Label, das die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vorschlägt, bringt nichts. Es braucht verpflichtende Labels – auch für Produkte aus dem Ausland. Damit der Verbraucher genau sieht, dass etwas billiger ist, weil es zu niedrigeren Standards und mit mehr CO2 produziert wurde. Wenn irgendwo draufsteht, dass es in Hamburg abgepackt wurde, sagt das nichts über die Herkunft der Rohstoffe aus. Das gilt übrigens auch für viele Molkereien. Der Verbraucher muss klar informiert werden.

 

Und dann greift er wirklich tiefer in die Tasche?

Herrmann: Es gibt bei den Verbrauchern mit Sicherheit einen großen Teil, der dann gezielt zu den Produkten mit hoher Qualität und mit regionaler Herkunft greifen würde. Es wird aber mit Sicherheit auch weiterhin viele geben, die immer zum Günstigsten greifen.

Manche können sich einfach keine teureren Produkte leisten.

Herrmann: Natürlich. Aber die Billig-Mentalität wird auch durch die Werbepolitik des Handels gefördert. Man erzieht die Leute ja geradezu so, dass sie immer nur auf den Preis achten und nicht darauf, was dahintersteckt. So wie es einen Mindestlohn gibt, so müsste es auch einen Mindestpreis geben, den der Handel dem Landwirt zahlt, damit zumindest seine Produktionskosten gedeckt werden. Ich glaube nicht, dass es da einen Aufschrei der Verbraucher geben würde. Aber den großen Lebensmittelhändlern geht es eben um möglichst viel Profit. Deshalb befürchte ich, dass der Lebensmittelgipfel bei Kanzlerin Merkel nicht viel bringen wird.

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