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Schaeffler Bio-Hybrid: "New Mobility" aus Franken

Von Schaeffler - Mix aus Pedelec und Auto - Start-up mit Sitz in Nürnberg - 09.11.2019 13:40 Uhr

Unterwegs auf der Fahrradstraße: Der Bio-Hybrid - hier als Cargo-Variante - ist eine neue Öko-Lösung für den innerstädtischen Verkehr. © jaf


Es ist nicht der beste Tag zum Radfahren. Kalt bläst ein spätherbstlicher Wind durch den Nürnberger Norden, die Sonne droht hinter dunklen Regenwolken zu verschwinden. Kein Szenario, das dazu verleitet, das Auto stehen zu lassen und stattdessen das Fahrrad zu nehmen.

An der Rollnerstraße aber wartet der Bio-Hybrid, und der lässt witterungsbedingte Ausreden nur sehr bedingt zu. Das ungewöhnliche Gefährt markiert eine 2,20 Meter kurze Kombination aus Pedelec und Auto, schützend spannt sich ein Dach über die Passagiere, eine Frontscheibe wehrt den Fahrtwind ab. Mission des ganzjahrestauglichen Velomobils ist es, Städte und Ballungsräume vom Autoverkehr zu entlasten und den Mobilitäts-Mix um eine neue, emissionsfreie Lösung zu ergänzen.

Dabei ist es keineswegs ein Start-up aus Shanghai oder Kalifornien gewesen, das den Bio-Hybrid ersonnen hat: Er ist ein Kind der Metropolregion Nürnberg. Die „Schaeffler Bio-Hybrid GmbH“ firmiert als hundertprozentige Tochter der Herzogenauracher Schaeffler-Gruppe, seinen Firmensitz unterhält das „Spin-Off“ in der Nürnberger Rollnerstraße, zwanzig fest angestellte Mitarbeiter arbeiten dort. Mit dem Bio-Hybrid, sagt Geschäftsführer Gerald Vollnhals, wolle man nicht nur den drohenden Verkehrskollaps in Großstädten verhindern, sondern diese auch "fahrradorientierter und damit lebenswerter" machen.

Kein Führerschein, keine Helmpflicht

Nur wenige Radl-Minuten sind es von dem schicken Büro-Loft bis zum Rennweg, wo auf – bescheidenen – 500 Metern Länge unlängst die erste von zwölf neu für Nürnberg geplanten Fahrradstraßen eröffnet wurde. Ein adäquater Lebensraum für den Bio-Hybrid, der auch rechtlich als Pedelec gilt – kein Führerschein also, keine Helmpflicht, keine Versicherung und kein Kennzeichen.

Beim Rangieren: Der Bio-Hybrid hat auch einen Rückwärtsgang. © jaf


Hybrid, das weiß man vom Auto, steht für die Kombination zweier Antriebstechniken, beim Bio-Hybrid sind dies ein 250-Watt-Elektroantrieb und pure menschliche Wadl-Power.

Am Beginn der Fahrradstraße schwingen wir uns – nein, nicht in den Sattel, sondern auf den Fahrersitz, der über einen Hebel an der Lenkstange in die optimale Position gebracht wird. Hände an den Lenker, Füße auf die Pedalerie - und treten: Den starken Anzug kennt man vom E-Bike, der Bio-Hybrid schaltet aber automatisch und stufenlos hoch, statt einer Kette gelangt ein Zahnriemenantrieb zum Einsatz. Komfortabel befördert uns das Vierrad-Pedelec über den Asphalt, nur verhalten wirbelt Zugluft durch den Passagierbereich. Trotzdem: Eine wärmende Jacke braucht es schon, im Winter sind wahrscheinlich auch Mütze und Handschuhe vonnöten, ein Auto ist der Bio-Hybrid nun einmal nicht.

Misstrauisch beäugen Passanten das ungewöhnliche Gefährt mit den dünnen Rädern, Radler hingegen akzeptieren den Bio-Hybrid umgehend als einen der ihren, der Platz hinterm Lenker verbindet. Freundliches Nicken hier, freundliches Nicken dort, nette Worte werden gewechselt – auf der Fahrradstraße ist das Nebeneinanderfahren von Bikes schließlich ausdrücklich erlaubt.

Fahrgast-Variante: Im "Passenger" können zwei Passagiere - hintereinander sitzend - mitfahren. © Hersteller


Wie beim Pedelec unterstützt der Elektroantrieb bis zu einer Geschwindigkeit von 25 km/h. Manchem Autofahrer missfällt dies offenkundig als zu langsam, ungeduldig überholt einer nach dem andern. Am Rennweg gestattet ein Zusatzschild dem Autoverkehr das Benutzen der Fahrradstraße; dass man sich dabei unausgesprochen an Tempo 30 halten muss, hat aber offensichtlich noch nicht jeder verinnerlicht.

Die Radfahrer, und somit auch der Bio-Hybrid, haben hier grundsätzlich Vorrang. An der großflächig rot markierten Kreuzung Fenitzerstraße bremsen wir vorsichtshalber ab, Bremsleuchten signalisieren dies dem nachfolgenden Verkehr. Weiter zum Olof-Palme-Platz, dort drehen wir um, flink und wendig geht das vonstatten. Weitergehende Rangiermanöver werden von einem "Rückwärtsgang" in Gestalt einer Schiebehilfe unterstützt, zudem soll beim Serienmodell eine Rückfahrkamera erhältlich sein.

Auf dem Radweg wird es eng

Nicht überall wird der Auto-Pedelec-Mix freilich so viel Freiraum vorfinden wie auf der Fahrradstraße. Fahrräder, die neuen Lastenräder, E-Scooter, jetzt auch noch Velomobile wie der Bio-Hybrid: Auf Radwegen dürfte es künftig eng werden. "Wir gehen von einer friedlichen Koexistenz aus", sagt Marketing- und Kommunikationschef Jakub Fukacz zuversichtlich und weist darauf hin, dass die Breite des neuartigen Gefährts (90 Zentimeter) nur der eines üblichen Fahrradlenkers entspricht, viel Verkehrsfläche werde also nicht beansprucht.

Blick aufs Touch-Display am Lenker:  Nicht nur das Tempo, sondern auch die verfügbare Reichweite werden hier angezeigt. Maximal 100 Kilometer sind möglich, zwei abnehmbare Akkus (je 1,2 kWh) liefern die benötigte Energie. Serienmäßig befinden sich 4G und Wi-Fi an Bord, auch ein Navi soll Teil des Bedienkonzepts werden, eine App bindet zudem das Smartphone ein - schöne neue Digital-Welt im Velomobil.

Kleintransporter: Mit einem solchen Aufsatz wird der Bio-Hybrid zum Auslieferungsfahrzeug. © Hersteller


Vom Bio-Hybrid wird es zwei Varianten geben. Im "Passenger" sitzen zwei Personen hintereinander, der Fond nimmt zwei Kindersitze auf. Der von uns erprobte "Cargo" wiederum wendet sich beispielsweise an Kurier-, Express- oder Paketdienste, er fährt wahlweise mit Ladefläche, als Pick-up oder – mit großer Transportbox – als eine Art Kleinlaster vor.

 "Wir gehen davon aus, dass der Markt perspektivisch für rund 10.000 Einheiten jährlich bereit ist", sagt Gerald Vollnhals. Was das überdachte Pedelec kosten soll, wird derzeit noch nicht kommuniziert, 6000 bis 10.000 Euro dürften aber wohl einzukalkulieren sein, kein ganz billiges Vergnügen also.

Das Thema „Velomobil“ beschäftigt nicht nur Schaeffler. Das norwegische Start-up Elpedal beispielsweise nimmt Reservierungen für sein Podbike entgegen,  das spanische Unternehmen evovelo kündigt das dreirädrige Solarmobil "mö" an,  aus Kanada kommt das Veemo, aus der Schweiz das Twike.

Der Verkaufsstart für den Bio-Hybrid ist für Ende 2020 geplant. Dann sollen auch halbhohe Türen aus einer Art Canvas-Material erhältlich sein – noch mehr Wetterschutz und noch mehr Grund, das Auto stehen zu lassen.

Fahrradstraße am Rennweg: Ein Zusatzschild erlaubt dem motorisierten Verkehr die Benutzung. © ule


Fahrradstraße – was ist das?

Eine Fahrradstraße ist ausschließlich dem Radverkehr vorbehalten. Sie ist durch ein weißes Fahrrad im blauen Kreis auf weißem Grund gekennzeichnet, darunter steht das Wort „Fahrradstraße“. Ein Zusatzschild kann Autos und Motorrädern die Durchfahrt gestatten, allerdings mit maximal 30 km/h. Der Radverkehr hat immer Vorrang, er darf weder gefährdet noch behindert werden.  Zudem dürfen Fahrräder nebeneinander fahren. Sofern nicht anders ausgeschildert, gilt an Kreuzungen wie gewohnt „Rechts vor Links“.

Im Unterschied zum Radweg nimmt die Fahrradstraße die gesamte Fahrbahn ein und ist von dieser nicht baulich oder durch Markierungen getrennt.

Ulla Ellmer

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