Ein Patriarch in Nöten

Javier Bardem, sonst auf Bösewichte abonniert, beweist in "Der perfekte Chef" sein komisches Talent

28.7.2022, 10:47 Uhr
Javier Bardem als Julio Blanco in einer Szene des Films "Der perfekte Chef".

© Alamode/dpa Javier Bardem als Julio Blanco in einer Szene des Films "Der perfekte Chef".

Bekannt ist Javier Bardem vor allem als Fiesling – in James Bonds "Skyfall", in "Fluch der Karibik" und grandios in "No Country for Old Men". Für seine Rolle als psychopathischer Profikiller erhielt der spanische Schauspieler 2008 einen Oscar.

Nun beweist Bardem sein großes komödiantisches Talent. In "Der perfekte Chef" spielt er den Boss eines Familienunternehmens. Dieser Julio Blanco wirkt anfangs sympathisch nahbar, immer interessiert, die Probleme seiner Angestellten zu lösen ("Wir sind eine große Familie"). Ganz langsam und unterschwellig fallen aber zunehmend unangenehme Seiten an ihm auf.

Blancos Firma, die Industriewaagen herstellt, läuft ziemlich gut und schafft es unter die drei Finalisten um den Preis der Bezirksregierung für "unternehmerische Exzellenz". Doch kurz bevor das Preis-Komitee zwecks Entscheidungsfindung in die Firma kommen soll (wann genau, weiß niemand), bricht im Unternehmen an allen Ecken und Enden Chaos aus.

Protestcamp vor dem Eingang

Der Arbeiter José will nicht akzeptieren, dass ihm gekündigt wurde. Neben dem Firmeneingang schlägt er deshalb mit seinen zwei kleinen Kindern ein Protestcamp auf, samt beleidigenden Bannern und Megafon. Irgendwann wird die Presse auf ihn aufmerksam.

Der Produktionsleiter Miralles hat währenddessen Beziehungskummer und bringt den Betrieb mit falschen Bestellungen und anderen logistischen Fehlplanungen durcheinander. Blanco will ihm helfen, seine Eheprobleme zu lösen, um das Chaos zu beenden. Gemeinsam mit Miralles spioniert er dessen Frau aus und bringt ihn zur Ablenkung in einen Stripclub.

Dann stellt sich heraus, dass eine Affäre zwischen Miralles und der Chefsekretärin Auslöser für die Krise war. Aus Rache hat Miralles' Frau inzwischen etwas mit einem anderen Mitarbeiter am Laufen. Das will Blanco unbedingt unterbinden. Doch dann beginnt er selbst eine außereheliche Affäre mit der neuen Marketing-Praktikantin Liliana.

Was er erst nachträglich erfährt: Sie ist nicht nur manisch in ihn verliebt, sondern auch die Tochter von Bekannten.

Die Situation gerät immer mehr außer Kontrolle. Auch der protestierende José will trotz aller Versuche Blancos sein Lager nicht räumen. Irgendwann benutzt er sogar die am Eingang des Geländes repräsentativ aufgestellte historische Waage als Klo. Dazu schwebt über allem der drohende Besuch des Komitees. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt.

In Spanien war die bissige Gesellschaftssatire von Fernando León De Aranoa ein Kinohit. Der Film wurde mit vier "Goyas" ausgezeichnet. Und Bardem läuft als Blanco zu Hochform auf. Mit Föhnfrisur, perfektem Styling und ungerührt hochgezogenen Augenbrauen spielt er einen Patriarchen, der sich als fürsorgliche Vaterfigur inszeniert, in Wahrheit aber vor allem das profitable Wohl der Firma im Blick hat.

Bardem stellt den unsympathischen Charakter seiner Figur nie allzu offensichtlich aus, sondern verleiht ihr mit subtilem Witz sogar Charme und Charisma. In der Schlussszene schafft er es, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. (120 Min.)

In diesen Kinos läuft der Film.

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