Karrierefrau mit Abgründen

Oscar-Favoritin Cate Blanchett spielt in "Tár" eine fiktive Star-Dirigentin

epd

10.3.2023, 10:55 Uhr
Nein, es ist nicht Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz, die ihr Haar jetzt lang trägt: Hier ist Cate Blanchett als Lydia Tár beim Dirigieren zu sehen.

© Florian Hoffmeister/epd Nein, es ist nicht Nürnbergs Generalmusikdirektorin Joana Mallwitz, die ihr Haar jetzt lang trägt: Hier ist Cate Blanchett als Lydia Tár beim Dirigieren zu sehen.

Sämtliche Preise, die das Business zu bieten hat, hat sie gewonnen, alle Weihen empfangen, auch ihre Autobiografie "Tár über Tár" liegt vor. Als erste Chefdirigentin eines "berühmten Berliner Orchesters" bereitet sie gerade die große Live-Aufnahme von Mahlers 5. Sinfonie vor. Mit ihrer Ehefrau, der Geigerin Sharon (Nina Hoss), die zudem Konzertmeisterin des Orchesters ist, hat sie eine kleine Tochter.

Regisseur Todd Field lässt sich eine ganze Menge Zeit, um Társ beeindruckende Karriere auszumalen, und konstruiert seine Kunstfigur elegant in den realen Klassikbetrieb hinein. Wie nebenbei gibt uns Tár auch ungewöhnliche Einblicke in diese Welt, in Proben- und Besetzungsabläufe, die Gestaltung von Plattencovern und den Umgang mit Sponsoren, bis hin zu diskreten Taschenspielertricks, mit denen Dirigenten interpretatorische Unsicherheiten überspielen können.

Während der Film für seine Hauptfigur eine beträchtliche Fallhöhe erzeugt, mehren sich allerdings bereits die Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Da gibt es eine Stalkerin, mit der Tár womöglich eine Affäre hatte und die sie wohl unsanft abserviert hat.

Möglicherweise war das nicht das einzige Mal, dass die Dirigentin Berufs- und Privatleben ungut vermischt hat. Vielleicht verband sie auch mit ihrer jetzigen Assistentin Francesca (Noémie Merlant) schon etwas mehr als nur das Berufliche? Eine seltsame Unruhe scheint Tár immer wieder heimzusuchen, sie leidet unter Geräuschempfindlichkeit und beklemmenden Träumen.

Noch bevor die Existenz Társ durch massive Vorwürfe des Machtmissbrauchs auf den Kopf gestellt wird, entfaltet die Figur immer mehr Widersprüche. Es ist faszinierend zu beobachten, wie kraftvoll und facettenreich Cate Blanchett diesen Charakter vor uns ausbreitet - mal ganz abgesehen davon, wie überzeugend sie am Dirigentenpult wie auch am Klavier agiert.

Selbst wenn Lydia Tár, der Wirkung selbstverständlich bewusst, ihrer Stimme einen tiefen, warmen Klang gibt, ahnt man darin noch eine alarmierende Schärfe. Wenn sie aber verletzen will, trifft sie ihr Gegenüber mit eisiger Eleganz und der Präzision eines Degenfechters.

Keine Frage: Lydia Tár ist gefährlich. Und wenn sie im Interview sagt, sie wolle sich Mahlers Fünfter vor allem "mit Liebe" nähern, fragt man sich, ob dieser Musikerin die Liebe nicht irgendwann auf ihrem Weg nach oben abhandengekommen ist.

Aber missbraucht Tár systematisch ihre Macht? Vieles deutet der Film lediglich an - nur einer von mehreren Aspekten, die auf produktive Weise unbefriedigt lassen. Es ist ein prekärer Spagat: Der Film versetzt uns in die Perspektive Társ, ohne uns in entscheidenden Punkten mit ihrem Wissen zu versorgen. So lässt er sie uns zwar unsympathisch werden, zugleich aber immer noch mit ihr mitfühlen, wenn Stück für Stück ihre Welt vor die Hunde geht.

Warum erzählt "Tár" überhaupt von Macht und Missbrauch einer Star-Dirigentin und nicht - viel realistischer - von einem Mann in solcher Position? Ein weiterer streitbarer Aspekt, der wohlkalkuliert in vermintes Gelände führt. Zwischen "MeToo" und "Cancel Culture" bietet dieses dichte Werk einiges, über das man diskutieren, ja streiten kann - und sollte. Denn er ist ein vielschichtiger und abgründiger Film, der einen mit vielen Fragen zurücklässt.

In diesen Kinos läuft der Film.

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