Virtuoser Exzentriker

9.2.2016, 18:55 Uhr

© Repro: Galerie Atzenhofer

Der aus Berlin stammende Johannes Grützke, der von 1992 bis 2002 an der Kunstakademie in Nürnberg lehrte, hat seit jeher ebenso viele glühende Bewunderer wie harsche Kritiker. Abgelehnt wird von den Grützke-Gegnern vor allem der vermeintliche Historismus des Künstlers. Er habe keinen rechten Blick für unsere Zeit und unsere Realität, so lautet der gängige Vorwurf. Doch was da „Blick für unsere Zeit“ heißt, hält Grützke allenfalls für die Kurzsichtigkeit eines unsteten Zeitgeistes, und was „unsere Realität“ angeht, so gibt es diese aus seiner Sicht überhaupt nicht.

Nach Meinung des Künstlers sind alle menschenmöglichen Messungen und Berechnungen, alle sinnlichen Erfahrungen und intellektuellen Anstrengungen für die voll umfängliche Erkenntnis der Realität nicht ausreichend. Was jeder von uns für Wirklichkeit hält, ist ein individuelles Konstrukt. Das Besondere am Künstler ist seine Weigerung, sich mit diesem Konstrukt einfach abzufinden. Obwohl er die Vergeblichkeit seiner Bemühungen erkannt hat, ist er unermüdlich mit der „Erforschung“ seiner Wirklichkeit beschäftigt. Seine Bilder sind für ihn nicht mehr als Relikte jener Forschertätigkeit.

Die von ihm vorausgesetzten Grenzen der Erfahrung und Darstellbarkeit der Realität führen in Grützkes Kunstpraxis zu einer delikaten Vorliebe für das Fragmentarische und Ausschnitthafte, aber auch zum lockeren, unbeschwerten Zusammenfügen von auf den ersten Blick ungleichartigen, widersprüchlichen Elementen. So entstehen geheimnisvolle, den Betrachter oft irritierende und verwirrende Kompositionen, die überdies mit alles andere als erklärenden oder erhellenden Titeln versehen sind.

Das zeigen in der aktuellen Ausstellung die schnappschussartigen Frauen-Akte, die perspektivisch unmöglichen und inhaltlich inhomogenen Stillleben, aber besonders eine grafische Bildserie über den Berliner Kunst-Klassiker Johann Gottfried Schadow (1764– 1850). Johannes Grützke hat diesen von ihm verehrten Vorgänger in recht seltsamen Situationen dargestellt. Mit dem „Engel des Idealismus“ im Bett liegend, im Gespräch mit sich selbst oder mit den Bruchstücken seiner bekanntesten Werke.

© Repro: Galerie Atzenhofer

Dass Grützke es liebt, seine bis ins Verquälte reichende Nachdenklichkeit hinter der Maske des eigenwilligen Spaßmachers, des gelassenen Sonderlings zu verbergen, belegen am offensichtlichsten die auch in der Ausstellung reichlich vorhandenen Selbstdarstellungen. Das reicht vom mehr oder minder herkömmlichen Selbstporträt („Selbst mit dicker Backe“) bis zum typisch Grüzke’schen Bild-Rätsel „Beschattende Hand“.

Diese meisterlich gemalte Tafel besteht aus einem eigenartig gekippten Ausschnitt einer Landschafts-Darstellung, vor der sich mehrere Körperfragmente ins Bild drängen. Da gibt es ein Stück Hüfte, an die sich der schräg von oben gesehene Kopf des Künstlers schmiegt, sowie ein paar Zentimeter Unterarm und eben jene titelgebende, das Haupt beschattende Hand.

Als Beleg für die insgesamt folgerichtige Entwicklung des Denkens und künstlerischen Tuns von Grützke können die gezeigten Frühwerke aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren gelten. Auch diese Anfänger-Arbeiten sind geprägt von dem Bemühen, dem letztlich Unsagbaren, Unerklärlichen ein bescheidenes Stück weit dennoch Form und Ausdruck zu verleihen. Dass sich der Künstler als junger Mann offenbar häufig mit der Veranschaulichung von poetisch-vieldeutigen Bibel-Texten beschäftigt hat, ist sicher kein Zufall.

Galerie Atzenhofer, Nürnberg, Maxplatz 46 a. Bis 19. März, Do.–Sa. 13–19.30 Uhr und nach Vereinb., Tel.: 01 52/ 33 86 80 66. Infos zum Rahmenprogramm: www.galerieatzenhofer.de

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