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Samstag, 28.11.2020

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Fußball-Romantik am Weißenburger Lehenwiesenweg

Der A-Klassist IFC Weissenburg ist zurück am alten Sechziger-Platz - mit Serkan Er als neuem Trainer - 26.10.2020 17:26 Uhr

Bauwagen-Romantik: Ferhat Yilmaz vom IFC Weißenburg (in Rot) im  Laufduell mit Manuel Scherer vom VfL Treuchtlingen, der jüngst das A-Klassenspiel am Lehenwiesenweg mit 6:2 gewann.

23.10.2020 © Foto: Bastian Mühling


Mit dem Sportgelände am Lehenwiesenweg kehrt ein Stück Fußball-Romantik in den Amateursport im Landkreis zurück. Hier war die Heimat des früheren TV 1860 Weißenburg, vor der Fusion im Jahr 1998 mit dem TSV. Auf diesem Rasen wurde schon Jugend-Bayernliga und Herren-Landesliga gespielt. Heute gehört das Gelände der Baufirma Kilinc um die Brüder Ates und Sezgin Kilinc.

Schon in der Saison 2014/2015 hat der IFC Weißenburg hier gespielt, erzählt der zweite Vorsitzende Hamit Bakir. Dann wurde das Sportheim zur Flüchtlingsunterkunft. Heute leben noch ein paar inzwischen anerkannte Asylbewerber dort. Und am Sonntagnachmittag wird wieder Fußball gespielt: IFC Weißenburg gegen VfL Treuchtlingen, A-Klasse Süd. In dieser Liga wird Fußball eher gearbeitet – auch das passt zur Baustelle.

Bahnlinie und Stadtkirche

Allzu viel hat sich am früheren Sechziger-Areal nicht verändert. Eine steile Treppe führt in den Kabinen-Keller, draußen rauschen die Züge auf der angrenzenden Bahnlinie vorbei, hinter den Baumwipfeln erhebt sich die Stadtkirche St. Andreas. Und der Hartplatz ist auch noch da. Dort haben schon unzählige Weißenburger Jugendspieler im Flutlicht trainiert, wenn es im Winter früher dunkel wurde. Darunter auch Serkan Er, seit diesem Jahr Trainer des IFC Weißenburg.

"An alter Wirkungsstätte mit anderen Leuten" – so umschreibt Serkan Er (38) seine Rückkehr an den Lehenwiesenweg. Der gebürtige Röttenbacher – dort lebt er auch mit seiner Familie – hat in der B- und A-Jugend des TSV schon am Lehenwiesenweg gespielt, 2006 sogar mit den Herren im entscheidenden Match um die Meisterschaft in der Bezirksliga Süd gegen den damaligen TSV Roth, wie er sich erinnert. 

In der Bezirksoberliga gespielt

Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Serdar kickte er viele Jahre beim TSV 1860 Weißenburg bis zur Bezirksoberliga. Zuletzt spielten die "Er-Brüder" beim TSV Röttenbach. Und jetzt also A-Klasse mit dem IFC. Warum?

Fußball-Romantik: „Wenn du den Fußball liebst, ist es egal, in welcher Liga du spielst“, sagt Serkan Er. Der Kabinentrakt sieht noch aus wie zu seinen Jugendzeiten beim TSV Weißenburg. An der Tür prangt aber das Logo des IFC Weißenburg.

23.10.2020 © Foto: Bastian Mühling


Serkan Er überlegt kurz, dann sagt er: "Ich kenne ein paar Leute hier und denke, dass vom Potenzial her mehr drin ist." Und: "Wenn du den Fußball liebst, ist es egal, in welcher Liga du spielst." Aktuell ist er Spielertrainer. Aber: "Wenn es personell geht, stehe ich draußen."

Seine erste Trainerstation sei zugleich eine "große Herausforderung, weil es ein bunt gemischter Haufen ist und es einige Probleme gab". In der Fairness-Tabelle der A-Klasse Süd liegt der IFC mit zwei Roten und fünf Gelb-Roten Karten auf dem letzten Platz.

Ein Anruf bei Bilal Bayram, dem spielenden ersten Vorsitzenden des IFC: "Wir sind in der Vergangenheit zu oft negativ aufgefallen", sagt er. Das habe auch am Spielertrainer Özgür Cam gelegen: "Er war eigentlich ein guter Trainer, aber auf dem Spielfeld teils zu aggressiv."

Suche nach neuem Trainer - und nach Ruhe

Nach dem Aufstieg hatte der IFC Schwierigkeiten in der neuen Spielklasse. "Das konnte so nicht mehr weiterlaufen", stellte Bayram fest und machte sich mit Bakir auf die Suche nach einem neuen Trainer. Einem, der Ruhe in den Verein bringt.

Kurz vor der Halbzeit liegt der IFC nach einem zweifelhaften Elfmeter 1:2 gegen Treuchtlingen zurück, da wird Juli Cjapi gefoult. Die Auswechselspieler springen von ihrer Bank auf, reißen die Arme hoch. "Schiri, das war der letzte Mann", ruft einer. Alle schauen auf Schiedsrichter Wolfgang Bürlein, nur Serkan Er ruft in Richtung Bank: "Jungs, hey." Seine Handflächen richtet er nach unten. Dann ruft er etwas auf Türkisch. Es klingt nach: "Ruhig bleiben."

Genau das erwarten Bilal Bayram und Hamit Bakir von Serkan Er. "Er bringt eine positive Stimmung und Ruhe in die Mannschaft", sagt Bayram. Beim Spiel gegen den VfL fällt der Trainer nicht gerade als Schreihals auf. Im Gegenteil: Er scheint auf einen ruhigen Führungsstil zu setzen.

"Er kann auch lauter werden"

"Aber wenn es sein muss, kann er auch lauter werden", meint Bayram. "Serkan hat einen sehr guten Ruf und charakterlich eine top Einstellung." Noch heute klingt Bayram am Telefon so, als könne er kaum glauben, dass Serkan Er zugesagt hat. "Ich war so froh, dass er angenommen hat."

Gründungsmitglied Hamit Bakir geht sogar noch weiter: "Vereine leben von Identifikationsfiguren. Ich hoffe, dass Serkan bei uns diese Vorbildfunktion einnimmt." Mit Blick auf die Tabellensituation meint Bakir: "Wir wollen sowohl sportlich als auch in der Fairplay-Wertung weiter nach vorne kommen."

Aktuell ist der IFC auf den letzten Platz abgerutscht, bisher ist die Bilanz von Er durchwachsen: vier Punkte aus sechs Spielen. Dafür stimmt es neben dem Platz, gegen den VfL Treuchtlingen kommen 80 Zuschauer.

"Wir wollten etwas Eigenes"

Zum Ziel Klassenerhalt soll auch der Lehenwiesenweg beitragen. "Wir wollten etwas Eigenes in Weißenburg haben", erklärt Hamit Bakir. Der Vertrag bei der TSG Ellingen lief aus, die Firma Kilinc stellte den Sportplatz zur Verfügung. Damit kann der IFC zweimal pro Woche trainieren, in Ellingen war nur ein Training pro Woche möglich. "Manchmal sind wir zusätzlich noch in die Soccerhalle nach Treuchtlingen gegangen", erzählt Bayram.

Kirchen-Romantik: Der Blick auf die St.-Andreas-Kirche ist in der Weißenburger Sportplatz-Landschaft etwas Besonderes – das Lehenwiesen-Fußballfeld macht‘s möglich.

23.10.2020 © Foto: Bastian Mühling


Doch es ist noch unsicher, wie lange der IFC Weißenburg am Lehenwiesenweg spielen kann. Die Firma Kilinc wollte 2016 auf dem alten Sportplatz Wohnungen errichten. Momentan ruhen die Pläne laut Hamit Bakir.

Sollte sich das ändern, müsse man sich die Frage stellen: "Wo gehen wir als Nächstes hin?" Aber das ist noch hypothetisch. Momentan freut sich der Internationale Fußball-Club einfach, dass er am altehrwürdigen Lehenwiesenweg eine neue Heimat gefunden hat.

BASTIAN MÜHLING

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