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Helfer kämpfen gegen Ablehnung

Ehrenamtliche müssen sich für ihr Asylengagement immer wieder rechtfertigen - 24.11.2017 19:31 Uhr

Das Problem kennen sie alle: Freunde, mit denen man auf einmal nicht mehr über alles reden kann. Die nur verständnislos blicken — im besten Fall. Aber immer wieder gibt es offenen Streit. Im Extremfall zerbrechen sogar Partnerschaften. Ja, von solchen oder ähnlichen Erlebnisse können alle Flüchtlingshelfer bei einem Treffen der Journalistenorganisation "Neue Deutsche Medienmacher" im Nürnberger Showroom "Nordkurve" berichten.

Denn das Thema Asyl polarisiert – auch Monate, nachdem die Flüchtlingszahlen in die Höhe geschnellt waren. "Köln war der Wendepunkt", sagt Christine Deutschmann aus
Rückersdorf. Nachdem die in der Silvesternacht 2015/16 erfolgten vielen Übergriffe von meist arabischstämmigen Männern bekanntgeworden waren, habe sich die Stimmung gegenüber Asylbewerbern verschlechtert. "Seitdem habe auch ich zu kämpfen."

Sie versuche, mit Fakten gegen Vorurteile zu arbeiten, berichtet Deutschmann, glaubwürdige Quellen zu zitieren und belegbare Informationen zu präsentieren.

Doch immer wieder scheitere sie. Auch in der eigene Familie. Von ihrem Mann, mit dem sie viele Jahre zusammen war, lebt sie nun getrennt. "Du und dein Helfersyndromkreis", habe er immer wieder gesagt. Und sie sei irgendwann vor der Entscheidung gestanden, ob sie ihr Engagement einstellen sollte, um die Ehe zu retten. "Doch dann hätte ich mich selber aufgegeben." Christine Deutschmann macht weiter. Bereut, sagt sie, habe sie die Entscheidung nicht.

Ehrenamtliche Flüchtlingshelfer berichten von ihren Erfahrungen. Nicht selten müssen sie sich auch innerhalb der Familie oder des Freundeskreises für ihr Engagement rechtfertigen. © Foto: Günter Distler


Auch Liz Römmelt vom Nürnberger Kreis "Wir helfen Ankommen" hatte im engeren Umfeld zunächst mit Vorurteilen zu kämpfen. "Doch inzwischen habe ich meine Familie so weit", sagt sie. Weihnachten werde man nun sogar rund ein Dutzend Flüchtlinge nach Hause einladen und gemeinsam das Fest begehen.

Erstaunlich offen

Erstaunlich offen berichten die ehrenamtlichen Helfer — zum allergrößten Teil sind es Frauen — über die Probleme, die ihr Engagement auch mit sich bringt. Sie stellen sie zunächst als kleine szenische Episoden dar — wie das Streitgespräch im Freundeskreis – , dann reden sie darüber. Sie wollen Verständnis für sich und ihre Probleme wecken, aufmerksam machen auf Risse, die durch die Gesellschaft gehen. Und auch auf tägliche Diskriminierung und Benachteiligungen hinweisen – die es auch in Behörden gebe.

Denn ohne Unterstützung von Deutschen werden Asylbewerber mitunter abgebügelt, erzählen sie, von einer Stelle zur anderen geschickt und immer wieder vertröstet. Da helfe Beharrlichkeit, "doch was macht jemand, der keine ehrenamtliche Unterstützung hat?", fragt eine Frau.

Der Stadt Nürnberg ist durchaus bewusst, dass die Ehrenamtlichen eine sehr wichtige Rolle bei der Integration von Flüchtlingen spielen. Sie übernehmen nicht nur wichtige Aufgaben und entlasten dabei die Kommune. "Sie sind auch Botschafter in die Stadtgesellschaft hinein", sagt Ulrich Glaser vom Sozialreferat.

Eine Rolle, die alle an diesem Abend in der Nordkurve gerne annehmen. Manchen ist diese Aufgabe so wichtig, dass sie dafür im Beruf zurückstecken. Liz Römmelt hat ihre alte Position aufgegeben: Eine 50-Stunden-Wochen in einer leitenden Position und dann das ehrenamtliche Engagement, das wurde irgendwann zu viel.

Sie orientiert sich neu und vermittelt Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt. Das verbindet für sie gesellschaftliches Engagement, ihr Ehrenamt und den Beruf. "Für mich passt das einfach."

FRANZISKA HOLZSCHUH

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