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Höchste Eisenbahn: Klima zwingt zu raschem Umsteuern

Berliner Wissenschaftler verlangt komplette Abkehr von Öl- und Gasheizungen sowie von Autos mit Verbrennungsmotoren bis 2040 - 12.03.2019 18:31 Uhr

Solar- und Windkraft sollen, samt den nötigen Speichern, in gut 20 Jahren den gesamten Strombedarf in Deutschland decken. Gelingen könne das nur, so Klimaschützer, mit einem Vielfachen der heutigen Anstrengungen. Foto: Weihrauch, dpa

12.03.2019


Sollten Schüler nicht erst lernen, ehe sie auf die Straße gehen? Schließlich ist ja der Unterricht kein Selbstzweck, sondern für ihre Zukunft da — jedenfalls, wenn er gut ist . . .

Quaschning: Offensichtlich fand und findet die Bewegung aber erst dadurch die große Resonanz, dass die Schüler sich auch etwas trauen und zeigen, dass es ihnen ernst ist. Ihre Anliegen sind jedenfalls vollkommen berechtigt und gut begründet. Deshalb wollen sie sich nicht mit warmen Worten abspeisen lassen, ohne dass etwas passiert, was dem Ernst der Lage angemessen ist.

 

Geht das nicht schon lange so?

Quaschning: Die Szenarien des Klimawandels sind seit bald 40 Jahren bekannt, die Wissenschaft hat sie ausführlich beschrieben und entsprechende Forderungen erhoben, aber die Politik hat die Probleme meistens kleingeredet, verniedlicht oder abgetan. So haben wir inzwischen 30 Jahre versäumt. Damals hätte man die Herausforderungen noch halbwegs in Ruhe anpacken können, jetzt bleibt uns nur noch hektisches Reagieren.

 

War der heiße Sommer 2018 ein Vorgeschmack auf das, was uns droht?

Quaschning: Vielleicht war er ein Warnsignal, aber das reicht nicht. Wir brauchen ein Aufrütteln, weil es um Dimensionen geht, die sich viele noch längst nicht klargemacht haben: Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten breite Landstriche auf der Erde unbewohnbar werden – was heute noch unvorstellbare Migrationsbewegungen auslösen dürfte, mit einem immensen Druck auf Deutschland.

 

Volker Quaschning stammt aus Baden-Württemberg und studierte Elektrotechnik. Seit 2004 ist der Ingenieur Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Am 26. März um 18 Uhr spricht er im Katharinensaal, Am Katharinenkloster 6, über die Energiewende.

12.03.2019 © Foto: privat


Lässt sich das überhaupt noch aufhalten?

Quaschning: Das Hauptproblem ist vielleicht, dass die Generation, die heute die Klimaveränderungen maßgeblich beeinflusst, die Folgen nicht mehr erlebt und ausbaden muss. Um es nicht ganz so weit kommen zu lassen, gibt es nur eins: klimaneutral zu werden – und zwar bis 2040. Vor allem die schädlichen Treibhausgase wurden bisher nur um ein Prozent pro Jahr gedrosselt. Das ist lächerlich. Wir müssen das Tempo bei der Energiewende verfünffachen.

 

Wie soll das gehen?

Quaschning: Wir müssen alles gleichzeitig angehen, also bei der Wärme- und Stromversorgung ebenso umsteuern wie beim Verkehr. Ganz konkret: Wenn ab 2040 nicht mehr mit Öl oder Gas geheizt werden soll, dürften eigentlich – bei einer Betriebstüchtigkeit von rund 20 Jahren – ab sofort keine neuen Anlagen dieser Art mehr installiert werden. In Dänemark und Norwegen geht es schon in diese Richtung. Und Autos mit Verbrennungsmotoren dürften allenfalls noch sieben oder acht Jahre neu auf den Markt gebracht werden.

 

Was ist, wenn die Industrie mauert?

Quaschning: Bei etlichen Zukunftstechnologien ist Deutschland leider schlecht aufgestellt. Besonders bei der Elektromobilität ist zum Beispiel China viel weiter. Den Bürgern macht natürlich eine immense Luftverschmutzung zu schaffen. Aber die Regierung setzt wohl auch strategisch auf neue Energietechnik. An den Küsten werden viele Megastädte einen Anstieg des Meeresspiegels unmittelbar zu spüren bekommen. In manchen Städten sind Elektrobusse schon Standard; binnen drei Jahren sollen fünf Millionen Ladesäulen im Land aufgestellt werden – und Solarstrom wird in großem Stil erzeugt.

 

Und der Kohleausstieg . . .?

Quaschning: Das bei uns jetzt angepeilte Jahr 2038 ist natürlich viel zu spät. In der Kohlekommission waren wohl die Lobbyisten aus Industrie und Gewerkschaften zu stark – und die junge Generation, soweit ich weiß, gar nicht vertreten. Ein Ausstieg hier und jetzt ist aber technisch auch nicht möglich. Realistisch und geboten erscheint mir als Ziel das Jahr 2030.

 

Kann Deutschland wirklich ohne Kohle (und Atomkraft) auskommen?

Quaschning: Möglich ist es eindeutig. Dazu brauchen wir Windkraftanlagen auf rund zwei Prozent der Fläche unseres Landes – das wird nicht zu übersehen sein, ist aber zu verkraften. Und Solarpaneele werden sich auf knapp einem Prozent der Fläche erstrecken. Zum Vergleich: Die derzeitigen Photovoltaikanlagen beanspruchen erst rund ein Zehntel davon; ein Siebtel des gesamten Strombedarfs wird in Deutschland aus erneuerbaren Energien gedeckt. Die Phasen ohne Wind noch Sonne werden sich mit guten Speichertechnologien überbrücken lassen.

 

Der Ausbau geht allerdings viel zu langsam voran. Fehlen die politischen und auch finanziellen Anreize?

Quaschning: Sie sind auf jeden Fall falsch gesetzt: Für eine Wärmepumpenheizung mit Strom sind diverse Abgaben fällig, aber Kerosin ist steuerfrei und Heizöl viel zu günstig. Es wäre viel gewonnen, den Spieß umzudrehen und die unerwünschten Energieträger drastisch zu verteuern. Am Ende kommt der Staat aber vielleicht auch nicht um klare Vorgaben und Verbote herum. Übrigens ist Deutschland auch in Europa vom Vorreiter zum Bremser geworden.

 

Interview: WOLFGANG HEILIG-ACHNECK

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