Montag, 18.11.2019

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"Ich will die Realität zeigen"

Fotograf Alexandre Barcellos fängt mit seiner Kamera Krankheit und Leid ein - 22.08.2019 18:46 Uhr

Ein Bild aus der Reportage des Fotografen Alexandre Barcellos. Der Brasilianer, der seit 2018 (wieder) in Nürnberg lebt, hat den Alltag in der Mudra lange mit seiner Kamera begleitet. © Foto: Alexandre Barcellos


Über ein Jahr lang war Alexandre Barcellos im Brüsseler Volkskrankenhaus, um den Alltag zwischen OP und Suizid, zwischen Ambulanz und Mord fotografisch zu begleiten. Dabei herausgekommen ist eine Reportage, die die Not und den Schrecken, aber auch die Liebe in Bilder packt. Diese sind aufwühlend, funktionieren aber zugleich selbst als eine behutsame Schutzhülle. Mit derselben, so geduldigen wie sensiblen Herangehensweise hat Alexandre Barcellos nun die Arbeit der Mudra, der Alternativen Jugend- und Drogenhilfe Nürnberg e. V., betrachtet. Der 47-Jährige sagt: "Ich will die Realität zeigen. Die Arbeit der Mudra ist hart, wichtig – und den Nürnbergern weitestgehend unbekannt."

Nie fotografieren gelernt

Mit Leib und Seele stürzt sich Alexandre Barcellos in die Arbeit. "Man muss alles hinter sich lassen", sagt er. Was das Engagement des Mannes aus Rio de Janeiro so außergewöhnlich macht, ist: "Ich habe nie fotografieren gelernt. Ich tu’s einfach."

Der Fotograf Alexandre Barcellos. © Foto: Cristina Dias/PR


Zum Geburtstag bekommt er als 13-Jähriger seine erste Minikamera geschenkt. Knipst drauf los – und lässt die Kamera mit 20 achtlos fallen, denn etwas anderes ist nun wichtiger : "Ich bin professioneller Jiu-Jitsu-Kämpfer geworden", berichtet Barcellos. Der Sport führt ihn nach Europa, wo er in Brüssel nicht nur heiratet, sondern auch als Coach zu arbeiten beginnt. Dabei lernt er Cédric Gerbehaye kennen, einen belgischen Fotojournalisten mit Spezialisierung auf den Nahen Osten und die Demokratische Republik Kongo.

Die beiden beginnen sich gegenseitig zu unterrichten, im Kampf mit dem Gegner, der Kamera, sich selbst. Bis Gerbehaye 2014 sagt: "Ich muss nach Brasilien – begleite mich und übersetze!" Was folgt, ist ein dreiwöchiges "Praktikum" bei diesem Topfotografen, sagt Alexandre Barcellos, und "this completely changed my mind."

Die Welt müsse man zeigen, keine Landschaften, Menschen, Ereignisse, nicht Sonnenuntergänge! Cédric Gerbehaye nimmt seinen Freund an die Hand – und schickt ihn prompt ins Krankenhaus.

Jeden zweiten Tag ist Alexandre Barcellos ab Januar 2016 im Brüsseler Volkskrankenhaus. Er ist dabei, wenn Schädel geöffnet und Gliedmaßen amputiert werden, er findet Ermordete und Hinterbliebene und auch die Abgründe, in die Sanitäter, Ärzte und Mitarbeiter blicken.

Alles andere, sagt Alexandre Barcellos, "meine Frau, meinen Beruf, mein Leben, habe ich außenrum sortiert." Cédric Gerbehaye begleitet ihn in dieser Zeit und bringt ihm auch bei, dass "die Leute vergessen müssen, dass du da bist."

Wie gut das gelingt, zeigt die verletzliche Nähe der Bilder aus Brüssel, die jetzt auch ihren Weg nach Nürnberg gefunden hat. Dorthin zog es Alexandre Barcellos 2018, zum Arbeiten als Jiu-Jitsu-Coach eigentlich. Doch schnell ist klar, dass ein neues Fotoprojekt realisiert werden muss.

Einsamkeit und Überdosen

Barcellos, der 2009 schon einmal in Nürnberg gestrandet war, erinnert sich: "Jeden Tag auf dem Weg nach Hause war ich an der Mudra vorbeigekommen, habe aber nicht gewusst, was das da eigentlich ist." Er knüpft Kontakt mit dem damaligen Geschäftsführer Bertram Wehner, zeigt ihm die Brüsseler Arbeit – und erfährt sogleich positive Resonanz. Ab April macht sich Alexandre Barcellos dann daran, "die Realität zu zeigen."

Er sieht Überdosen und Einsamkeit, Verzweiflung und Müdigkeit. Doch auch Freundschaft und Lebensmut und Zukunft und Visionen und lernt: "Meine Probleme sind gar nichts." Alle Einrichtungen und Projekte der Mudra besucht und begleitet Barcellos, er erfährt die sensible Atmosphäre der verletzlichen, scheuen Menschen, "für die sich niemand interessiert", die sich freuen, wenn jemand da ist, zuhört, und die "alle gegen die Droge und für ein besseres Leben kämpfen."

Im Dezember 2018 beendet Barcellos das Projekt. Er hat die Menschen, die Gefühle und Erinnerungen in eine schwarzweiße Schutzhülle gegeben und versprochen, auf sie aufzupassen – auf die vielen kleinen Momente, hinter denen sich große Geschichten des Lebens verstecken. Eine Ausstellung soll kommen, ein Buch vielleicht auch, denn: "Ich weiß nichts über Licht oder Winkel", sagt der Autodidakt, "aber dass man Nürnberg diese Bilder zeigen und den Leuten Mudra nahebringen muss, das weiß ich."

alexandrebarcellos.photoshelter.com

KATHARINA WASMEIER

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