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Dienstag, 01.12.2020

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Im Viertel mit der höchsten Kunst-Dichte

Begegnungen mit Kreativen an ihrem Arbeitsort: Gostenhof lädt wieder zu den Atelier- und Werkstatt-Tagen - 09.10.2017 18:57 Uhr

Ein Refugium der Kreativität im Gostenhofer Hinterhof: Der Maler Joachim Kersten in seinem Arbeitsraum in der Mittleren Kanalstraße. Auch er ist bei den Atelier- und Werkstatttagen dabei.

09.10.2017 © Foto: Stefan Hippel


Die bunte Vielfalt der kreativen Aktivitäten im Stadtteil Gostenhof offenbart sich am besten beim entspannten Spaziergang, der fast zwangsläufig nicht nur durch Ateliers, Werkstätten und Galerien führt, sondern auch in die angesagtesten gastronomischen Szenetreffs. Es besteht zwar die Möglichkeit, das im Rahmen einer organisierten Führung zu tun, doch eine Expedition auf eigene Faust ist allemal abenteuerlicher. Das zu erforschende Gebiet ist allerdings relativ groß. Es umfasst einige Straßenzüge nördlich und südlich der Fürther Straße zwischen dem Plärrer im Osten und der Pestalozzistraße im Westen. Ein Begleitheft mit genauen Angaben von Adressen, Öffnungszeiten und mit einer Übersichtskarte ist im Nachbarschaftshaus in der Adam-Klein-Straße 6 erhältlich.

Vereine dabei

Dass Gostenhof nach wie vor die geräumigste (multi-)kulturelle Nische Nürnbergs ist, zeigen Ausstellungen von Künstlerinnen und Künstlern aus der Türkei, aus Korea, Indonesien und dem Libanon, aber auch aus Schottland, Italien und den Niederlanden. Als nur zeitweilige Kunstvermittler betätigen sich während der Ateliertage diverse Vereine und Institutionen. So zeigt zum Beispiel die Musikzentrale eine Reihe ungewöhnlicher Konzertfotos von Frank Schuh. Im Gemeindehaus der evangelischen Dreieinigkeitskirche sind Arbeiten von Insassen der nahen Justizvollzugsanstalt zu sehen und das Jugendhaus GOST veranstaltet eine Streetart-Aktion, an der sich neben einschlägigen Profis auch Jugendliche aus dem Viertel beteiligen. Der von Soziokulturarbeiter Willi Wiesner initiierte "GoGarten" bietet Freiraum für noch viele andere gestalterische Experimente. Kurios wird es in den Räumen von "EdelExtra", dem garantiert allerschrägsten Kulturverein weit und breit. Dessen Mitstreiter parodieren nämlich das berühmte Wachsfigurenkabinett der Madame Tussaud.

Keramik entsteht im Atelier von Ulrike Pilzecker, die zudem Gemälde von Michael Grebner zeigt und auch einen Gast mit Lyrik eingeladen hat. t

09.10.2017 © F.: Eduard Weiger


Nicht ganz zufällig zeigt sich rund um das "EdelExtra"-Lokal, dass die harmonische Verbindung von Kunst, Kommunikation und Kneipe eine echte Gostenhofer Spezialität ist. Ein halbes Dutzend (teilweise exotischer) Cafés und Restaurants sorgt für die körperliche, geistige und seelische Erfrischung der Ateliertage-Besucher.

Seit sich sogar sehr wackelige Bruchbuden äußerst profitabel vermarkten lassen, sind auch in Gostenhof die bezahlbaren Atelierräume weniger geworden. Aber noch gibt es sie, die Hinterhof-Idyllen, in denen Maler, Grafiker, Objektkünstler, Fotografen, Bildhauer und Kunsthandwerker ungestört kreativ sein können.

Unbedingt besuchenswert sind zwei Ateliers im Rückgebäude des Hauses Mittlere Kanalstraße 30. Magdalena Abele und Johannes Kersting demonstrieren mit ihren Bildern höchst originelle Korrespondenzen zwischen Fotokunst und Malerei. Im selben Haus entwickelt Joachim Kersten seit vielen Jahren seine fast alchimistisch anmutenden feinmalerischen Prozesse.

Kunst-Geschichten

Ganz anders geartete, aber ebenfalls sehr beachtenswerte Gemälde entstehen in der Werkstatt von Holger Lehfeld in der Paumgartnerstraße 24. Von dort ist es nur ein Katzensprung ins Szenelokal "Palais Schaumburg", das derzeit eine Lehfeld-Werkschau zeigt. Die Glas- und Lichtdesignerin Rita Kriege kennt alle Wege und Holzwege, die seit den 1980er Jahren im seither sogenannten Künstlerviertel Gostenhof beschritten wurden. Für einen Abstecher in Krieges "Studio Feinkunst", Knauerstraße 34, sollte man reichlich Zeit einplanen: Die außerordentlich kommunikative Künstlerin kann viele tolle Geschichten erzählen.

Eine weitere GoHo-Veteranin ist die Keramikerin Ulrike Pilzecker, die ihr Atelier im Rückgebäude des Hauses Solgerstraße 20 hat. Wer es schafft, am Samstag, 14. Oktober, um 15 Uhr dort zu sein, wird Zeuge einer Lesung von original Gostenhofer Lyrik aus der Feder von Ernst Bohne. Ein Besuch lohnt sich aber jederzeit. Nicht zuletzt wegen der geheimnisvoll-melancholischen Bilder des Fürthers Michael Grebner, die in Pilzeckers Atelier zu Gast sind.

Solche Übernahmen aus der Nachbarstadt bedeuten selbstverständlich keineswegs, dass in Gostenhof mittlerweile ein Mangel an bodenständigen Originalen und Ausnahmeerscheinungen herrscht. Als in dieser Hinsicht herausragend seien hier abschließend noch drei genannt: Holger Becker, unter anderem Schöpfer surrealistischer Collagen, Mara Ruehl, eine sehr eigenständige Vertreterin der konkreten Kunst, und der Maler-Architekt Peter Klawonn. Der (kostenlose) GoHo-Führer zeigt, wo sie alle zu finden sind.

 

BERND ZACHOW

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