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Abbas Khider denkt Deutsch ganz neu

Der Autor geht in seinem neuen Buch nicht nur der Sprache auf den Grund - 28.02.2019 11:24 Uhr

Iraker, Deutscher, vor allem: Literat - Abbas Khider. © Peter Hassiepen


"Dies Büchlein ist ernsthafter sprachwissenschaftlicher Schwachsinn": Wer so anfängt, schreckt ab — oder macht neugierig. Nachdem alle bisherigen Erzählungen von Abbas Khider lesenswert waren, liest man halt mal los. Und ist mal wieder bestens unterhalten durch seinen scharfen Blick auf unsere Kultur, die er liebt, deren Teil er ist und doch wieder nicht.

Der 1996 aus dem Irak geflüchtete Khider hat sich tief in die deutsche Identität gearbeitet, hat Kant und Heidegger studiert. Jetzt tut er, was eigentlich in jeder Kultur naheliegt: Er erforscht die Deutschen, ihr Verhältnis zu Fremden und sich selbst anhand der Sprache.

"Hitler, Scheiße, Lufthansa"

Dass er sich dabei an Artikeln, Präpositionen, Deklination und Umlauten entlanghangelt und abarbeitet, ist nur der Trick, um mit diesem Roten Faden von den Absonderlichkeiten seines Lebens hier und seiner Mitmenschen zu erzählen. "Als ich in der Bundesrepublik ankam, kannte ich lediglich drei deutsche Wörter: HITLER, SCHEISSE und LUFTHANSA." Wie man zugleich die Hürden der Adjektiv-Deklination und des Asylverfahrens nimmt, wie man insgesamt drei Abiturprüfungen besteht, um endlich zu einem geisteswissenschaftlichen Studium in Deutschland zugelassen zu werden, wie "Creditpoints" das Studiensystem verschlechtern und junge Menschen von der Beschäftigung mit Kultur und Politik abhalten und wie deutsche Polizisten mit nicht-deutschstämmigen Bürgern umgehen — all das kleidet Abbas Khider in seine witzige neue Grammatik, die radikal verschlankt.

Ernst gemeint ist dieses Neudeutsch nicht, und andere wie der Deutsch-Brasilianer Ze do Rock haben das schon lange vorher gemacht. Der Mehrwert dieses Büchleins ist der Blick, mit dem Khider voller Sympathie, aber auch Kritik die Haltung der Deutschen seziert, seine eigenen Verirrungen erzählt und die der anderen. Fremdenhass und Vorurteile bleiben sein Thema, mit Ironie versucht er es zu bändigen.

Denn der Feind lauert nicht nur in ellenlangen deutschen Nebensätzen, in Pronomen und der doppelten Bedeutung von "sie". Sein Vorschlag: Umlaute zum Feindobjekt und zur Erfindung der Türken erklären. Dann hätten die Rechten was zum Hassen und den Nicht-Muttersprachlern wäre mit der Abschaffung der unaussprechlichen Laute geholfen.

Abbas Khider: Deutsch für alle. Das endgültige Lehrbuch. Hanser Verlag München, 127 Seiten, 14 Euro.

KATHARINA ERLENWEIN

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