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AEG-Gelände: Kultur als sympathischer Lockvogel

Auf dem ehemaligen AEG-Gelände sind über hundert Mieter eingezogen - 29.10.2009

Auf dem ehemaligen AEG-Gelände tut sich was: Neue Mieter sind eingezogen und bringen wieder Leben in die Bude. © Horst Linke


Ein Großteil der damals gekündigten AEG-Mitarbeiter ist noch heute ohne Arbeit - eine Katastrophe. Aber wenigstens zieht «auf AEG« wieder Leben ein. «Mit dem Aus für Quelle hat die Brachenbildung im Nürnberger Westen einen neuen Schub bekommen«, sagt Bertram Schultze. Als Projektentwickler «auf AEG« weiß er, wie schwierig es ist, solche Riesengelände zu belegen. Aber er ist auf einem guten Weg.

«Die Mischung macht’s«

«Die Leute siedeln sich gerne dort an, wo sich die Kultur ansiedelt«, sagt Schultze. Er arbeitet für die Investitionsgesellschaft MIB, die das AEG-Gelände 2007 gekauft hat. Der Mann weiß, wovon er spricht, schließlich hat er schon die «Baumwollspinnerei« in Leipzig zu einem über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Erfolgsmodell gemacht. Sein Motto für die Entwicklung des 165000 Quadratmeter großen ehemaligen AEG-Geländes: «Die Mischung macht’s.« Auch architektonisch. Für ein schöneres Ambiente mit Licht und Luft wurden ganze Hallen abgerissen, insgesamt gut 30000 Quadratmeter. «Hier«, sagt Schultze und deutet auf einen 4000 Quadratmeter großen, noch von Geröll und Baggern belegten Platz, «entsteht eine Grünfläche.«

Von dem asiatischen Restaurant aus, das im nächsten Jahr einzieht, wird man beim Verspeisen von gebratenem Hühnchen auf die Grünfläche sehen. Ums Eck hat Andreas Kern seine Schuh-Galerie für Männer aufgemacht. Dort präsentiert der Schuh-Designer Eigenkreationen, die er in Italien fertigen lässt. Es gibt unter den derzeit über 100 Mietern auf dem Gelände «Großflächen-Abnehmer« wie Siemens und die Firma Electrolux, die gerade wieder wegen Stellenabbaus in den Schlagzeilen ist.

Die Künstler fühlen sich wohl auf AEG

Es sind aber eben auch viele kleine Betriebe aus dem Bereich Handwerk und Design eingezogen: Vom Natursteinhandel bis zur Schreinerei, von der Oldtimer-Restaurierungswerkstatt bis zur Schmiede. Die betreibt Marc Robrock. Er war einer der Pioniere auf dem Nordareal des Geländes, dort wo sich auch bevorzugt die Künstler angesiedelt haben. Im Moment entsteht in seiner Werkstatt eine 15 Meter lange Bronzeskulptur für den Rathausplatz in Diespeck (Landkreis Neustadt/Aisch).

Als Vorsitzender des Kulturvereins Winterstein hat Robrock das ehemalige Pförtnerhäuschen des Nordareals zur Mini-Galerie umfunktioniert und beherbergt in seiner Schmiede einmal im Monat die Comedy-Lounge von Matthias Egersdörfer. Auch für das Pförtnerhäuschen im Süden wurde eine neue Nutzung gefunden: Die hübsch eingerichtete Bar wird, so verspricht Bertram Schultze, bald regelmäßig geöffnet haben. Die Künstler fühlen sich wohl auf AEG. «Hier habe ich Platz für meine großen Holzfiguren«, sagt Bildhauer Christian Rösner, der auf dem Freigelände vor seinem Atelier mit der Motorsäge an riesigen Holzstücken arbeitet. «Hier hat man Licht, Ruhe und Kollegen, mit denen man sich austauschen kann«, schwärmt der Maler Tobias Stutz.

«Wo ein Wille ist, da ist auch ein Budget«

Die hellen Ateliers mit den günstigen Mieten von nur drei Euro pro Quadratmeter sind begehrt. «Es gibt Wartelisten«, sagt Schultze, der ein ganz besonderes Herz für die Bildende Kunst hat. Ein bisschen befürchtet er aber auch, dass das AEG-Gelände in der Öffentlichkeit zu sehr als Kulturstandort wahrgenommen werden könnte. Die rund 70 Künstler sind für den Mix wichtige Mieter, aber beileibe nicht in der Überzahl: «Von den rund 125000 Quadratmetern ist im Moment etwa die Hälfte vermietet. Künstler machen dabei zehn Prozent aus«, rechnet Schultze vor. Ob der «Kulturladen West« auf dem Gelände eingerichtet wird, hängt von den Haushaltsberatungen im November ab. Derzeit organisiert Stefanie Dunker von ihrem «Kulturbüro« aus diverse Aktivitäten. Geplant ist «auf AEG« auch eine Theaterakademie in Kooperation mit der Uni. «Wir sind willens, die Stadt ist willens. Da muss eine politische Miete her«, meint Schultze und ist sicher: «Wo ein Wille ist, da ist auch ein Budget.«

Der Verein Zentrifuge bespielt eine der großen Hallen regelmäßig mit Ausstellungen. Immer wieder gibt es aber auch temporäre Aktionen. Am morgigen Freitag eröffnen 20 ehemalige Studenten der Nürnberger Kunstakademie in der 3500 Quadratmeter großen «Halle 15« die Präsentation «Öl auf Leinwand«. Eine echte Herausforderung, so viel Platz zu bewältigen, aber Mitorganisator Sebastian Hen verspricht: «Die Kunst wird nicht absaufen.« Trotz des Niedergangs der benachbarten Quelle ist Schultze von dem Standort im Nürnberger Westen überzeugt. «Das Quelle-Gebäude ist hochinteressant, aber mit Raumtiefen von bis zu 60 Metern auch extrem problematisch«, sagt er und stellt klar, das die MIB nicht daran interessiert ist.

Birgit Ruf

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