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Akne Kid Joe: Wütender Punk mit hohem Hitpotenzial

Die Nürnberger Synth-Punk-Band legt ihr fabelhaftes zweites Album vor - 10.04.2020 19:20 Uhr

Kompromisslose Haltung, klare Feindbilder: Mit ihrem zweiten Album „Die große Palmöllüge“ ist der Band Akne Kid Joe erneut ein Volltreffer gelungen.


So gesehen ist bereits im Intro der Platte alles geklärt. "Worüber sind die so wütend?", fragt da eine Frau. "Über alles", antwortet Prinz Valium. Und dann geht das los: 15 Beiträge in 35 Minuten, kaum ein Beitrag länger als drei Minuten. Punk steht auf der Packung, drinnen stecken aber auch jede Menge Pop, Elektro und herzhaft schrammeliger IndieRock sowie Melodien und Mitsing-Parolen, bei denen immer wieder die sparige Kinderorgel die Führung übernimmt.

Unbekümmert klingt das und ist mit leichter Hand so herzerfrischend-lauserhaft hingerotzt, dass man sich verwundert wieder einmal fragt, wie es sein kann, dass eine Bande genialer Dilettanten ein derartiges Hit-Feuerwerk raushaut. In Wahrheit steckt natürlich auch hier sehr viel Arbeit hinter dem Projekt, von dem die Protagonisten selbst vermuten, dass es am Ende des Tages eine solide Mischung aus Musikgruppe und Social-Media-Agentur ist.

So oder so wissen Akne Kid Joe ganz genau, was sie tun. Ein Volltreffer ist gleich die erste Single "What AfD thinks we do…", die von einem vorzüglichen Videoclip im Netz flankiert wird. In der Nummer spinnen die Musiker ein Zitat von Stephan Brandner weiter. Der Rechtsaußen hatte im Thüringer Landtag allen Ernstes behauptet, dass Demonstranten in Deutschland bezahlt werden: 30 Euro Stundenlohn soll es bar auf die Hand geben, wenn man gegen die AfD auf die Straße geht.

In ihrem Lied berichten Akne Kid Joe nun davon, wie das so ist als staatlich subventionierter Berufsdemonstrant und fest angestellter Linksextremist mit "Antifa-Tarifvertrag" und dass dieser Job mitunter ganz schön hart sein kann – nicht nur, weil man ständig mit Bussen durch die ganze Republik gekarrt wird, sondern auch, weil sofortige Abmahnung droht, wenn man mal eine Demo schwänzt. Die ironische Eleganz, mit der AKJ die AfD-Verschwörungstheorie auf einer Metaebene angreifen und aushebeln, findet man in der sich selbst oft viel zu ernst nehmenden deutschsprachigen Popularmusik sonst höchstens bei Die Ärzte.

Die andere zentrale Nummer auf "Die große Palmöllüge" ist "Sarah (Frau, auch in ’ner Band)", zu dem das Quartett einen weiteren schmissigen Videoclip gedreht hat. In dem sehr persönlichen Text erzählt Gitarristin und Sängerin Sarah, wie schwer es für sie war, den Weg auf die Bühne und ins Rampenlicht zu wagen – und schlüpft vor der Kamera in die Rolle von Angela Merkel.

Ansonsten ist auch das zweite AKJ-Album wieder ein einziger großer Disstrack geworden. Sarah, Peter, Matti und Rocky finden manigfaltige Themen, über die sie sich trefflich aufregen. Alltagsrassismus, Spießer und Selbstoptimierer, ehemalige Lehrer, die Ex-Freundin oder auch die unfassbare Großzügigkeit eines namhaften Bekleidungshauses, das eine Benefizaktion startet mit dem Versprechen, ein sagenhaftes Prozent seiner Tageseinnahmen – zum Mitschreiben: 1% – an einen guten Zweck abzuführen (ob und was die langjährige Bundestagsabgeordnete Dagmar Wöhrl, der die Nummer gewidmet ist, damit am Hut hatte, bleibt das Geheimnis der Musiker).

Zwischenrein stimmen AKJ aber auch mal eine beherzte Ode auf die Lieblingskneipe an, wie überhaupt die Miniatur-Milieubetrachtungen auf dieser wundervollen Scheibe nicht zu kurz kommen ("Pizza Napoletana" – die Nürnberger wissen Bescheid und grinsen still in sich hinein). Die Hitdichte ist hoch, nicht nur der abschließende Bier-Rave "Zwischen Thermomix & Webergrill" hat das Zeug zum Sommer-Sonne-Festival-Party-Smasher.

"Wir sind der picklige kleine Scheißer aus der ersten Reihe und sind allergisch auf voll viel, vor allem auf ,Summer of 69’ von Bryan Adams" – selten war ein Pressetext treffender als der von Akne Kid Joe. Dass die Truppe wie viele linksalternative Aktivist*innen über ein bisweilen arg schwarz-weißes Weltbild verfügt und so politisch-korrekt ist, dass es auch mal anstrengend wird, braucht nicht jedem zu gefallen. Kompromisslose Haltung, klare Feindbilder.

Aber man muss ja nicht immer mit den Musikern einer Meinung sein, um "Die große Palmöllüge" zu feiern. Auch der zweite Tonträger des Quartetts ist ein großer Wurf, AKJ sind die Darlings der Stunde. Aus diesem wütenden kleinen Stinker aus der Nürnberger Südstadt kann echt noch was werden.

InfoAktuelle LP/CD: Akne Kid Joe, "Die große Palmöllüge" (Kidnap Music)

STEFAN GNAD

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