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Am Set mit den Stars: Wim Wenders wird 75

Der große Filmemacher liebt einsame Helden und hat ein Gespür für die Magie der Bilder - 12.08.2020 16:16 Uhr

Mit poetischen Streifen und einprägsamen Bildern hat er Filmgeschichte geschrieben: Wim Wenders.


Zum Geburtstag hat ihm sein Freund Andreas Frege, besser bekannt als "Tote Hosen"-Frontmann Campino, gemeinsam mit dem Regisseur Eric Friedler das Filmporträt "Desperado" geschenkt. Viele Weggefährten kommen darin zu Wort, auch Werner Herzog, der seine bedingungslose Liebe zu dem Kollegen mit einem Satz zusammenfasst: "Einem 18-jährigen Filmstudenten würde ich sagen: Wenn du Filme machen willst, schau dir Wims Filme an!" – fast zornig fügt Herzog an: "Du Depp!". Weil doch jedem klar sein muss, von wem man am meisten lernen kann.

Und ganz sicher ist Wilhelm Ernst Wenders, so der bürgerliche Name des international renommierten Filmemachers und Fotografen, der morgen 75 wird, unter den prägenden Regisseuren des Neuen Deutschen Films der größte Poet. Ein Philosoph, der in Bildern denkt. Seine Filme sind fast immer auch Reflektionen über die Zeit und die Menschen, die sich darin zurechtfinden müssen.

Goldene Palme für "Paris, Texas"

Mehr als 40 Filme hat Wenders bisher gedreht. Zu seinen größten Erfolgen gehören die Patricia-Highsmith-Verfilmung "Der amerikanische Freund", das melancholische Western-Liebesepos "Paris, Texas" mit Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton, 1984 in Cannes mit der Goldenen Palme gekrönt, und das Filmpoem "Der Himmel über Berlin", in dem Bruno Ganz und Otto Sanders als Engel über die geteilte Hauptstadt wachen.

Für seine Musiker-Dokumentation "Buena Vista Social Club", die der legendären kubanischen Rentnerband zu spätem Weltruhm verhalf, erhielt er eine Oscar-Nominierung. Ebenso für seinen in 3D gedrehten Dokumentarfilm "Pina" – ein Herzensprojekt und eine posthume Verbeugung vor der 2009 überraschend gestorbenen Wuppertaler Tanztheater-Ikone. Erneut für einen Oscar nominiert wurde er 2015 – für seine großartige Doku "Das Salz der Erde" über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado, der in seinen Bildern den Blick auf die Schreckensorte dieser Welt lenkt.

Zum Film kam Wenders eher zufällig. Der gebürtige Düsseldorfer studierte erst Medizin und Philosophie, bevor er 1966 nach Paris ging, um Maler zu werden. Dort, in der Cinemathèque Française, wurde seine Faszination für das Kino geweckt. Zurück in Deutschland schrieb er sich 1967 an der neu gegründeten Hochschule für Fernsehen und Film in München ein.

Bekannt machte ihn schon 1972 die Peter-Handke-Adaption "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter". Zum Filmemacher "mit eigener Handschrift" wurde Wenders nach eigener Ansicht 1974 mit "Alice in den Städten". Darin reisen ein ausgebrannter Journalist und die neunjährige Alice durch Deutschland, um die Großmutter des Mädchens zu finden. Bereits hier beweist Wenders sein Gespür für Orte, für die Magie der Bilder, für das langsame, epische Erzählen – und seine Liebe zu den einsamen, gescheiterten Helden, die sich selbst verloren haben.

Soundtrack aus Nürnberg

Alice in den Städten" war der Auftakt einer Road-Movie-Trilogie, die mit "Im Lauf der Zeit" auch entlang der innerdeutschen Grenze und nach Oberfranken führte. Den Soundtrack dazu lieferte die Nürnberger Band "Improved Sound Limited".

1977 holte ihn Francis Ford Coppola nach Hollywood. Die Einladung markierte für Wenders einen tiefen Einschnitt. Sein von Coppola produziertes US-Debüt "Hammett" kam nur in verstümmelter Version heraus. Ähnlich erging es ihm 1991 mit dem Science-Fiction-Epos "Bis ans Ende der Welt". Sein "Hammett"- Trauma verarbeitete er 1982 in "Der Stand der Dinge" – eine pessimistische Auseinandersetzung mit dem Kino, die in Venedig den Goldenen Löwen gewann.

Insgesamt 14 Jahre verbrachte Wenders in San Francisco und Los Angeles, knüpfte Freundschaften mit Sam Fuller, Sam Shepard und dem Gitarristen Ry Cooder (der die Musik zu "Paris, Texas" schrieb und ihn mit dem "Buena Vista Social Club" bekannt machte). Doch blieb er in Hollywood ein Außenseiter.

Heute lebt Wenders mit seiner dritten Frau, der Fotografin Donata Wenders, in Berlin. 2012 gründete er die Wim Wenders Stiftung, deren Aufgabe die Restaurierung seiner Filme und der Erhalt seines künstlerischen Lebenswerks ist. "Mein Traum", schreibt Wenders auf der Internetseite der Stiftung, "ist es, dass mein Werk in Zukunft nur mehr sich selbst gehört und damit eben allen."

Als Spielfilmregisseur hat er sich in den letzten Jahren rar gemacht. Seit seinem von der Kritik 2008 recht ungnädig aufgenommenem morbiden Märchen "Palermo Shooting" (mit Campino) brachte er erst 2015 mit "Every Thing Will Be Fine" wieder einen fiktiven Stoff auf die Leinwand: An seine früheren Erfolge konnte das intime Drama um Schuld und Vergebung jedoch ebensowenig anknüpfen wie "Die schönen Tage von Aranjuez" nach einem Stück seines Freundes Peter Handke und zuletzt "Grenzenlos".

Dass den sensiblen und sympathisch unprätentiösen Filmkünstler Kritik nicht kalt lässt, hat er nie verhehlt. Heute bereitet ihm die Arbeit an Dokumentarfilmen, die mehr Freiheiten biete, die größere Freude. Nach "Ein Mann seines Wortes", eine Hommage an Papst Franziskus, soll als nächstes eine Doku über den Schweizer Architekten Peter Zumthor folgen. In den Kanon des Weltkinos hat sich Wim Wenders, vielfach ausgezeichnet, längst einschrieben – mit Filmen voll Melancholie und Sehnsucht und wunderbarer Soundtracks, die zugleich von seiner großen Liebe zur Musik zeugen.

Die ARD zeigt "Wim Wenders, Desperado" am 14. August um 23.50 Uhr und würdigt den Regisseur noch bis 14. September mit einer umfangreichen Werkschau.

REGINA URBAN

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