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Blackfacing im BR: "Das ist ein No-Go!"

Interview mit Stadtrat Paul Arzten - 09.04.2021 15:36 Uhr

In der BR-Sendung „SchleichFernsehen“ vom Gründonnerstag mimte der Kabarettist Helmut Schleich einen schwarzen Despoten, der den fiktiven afrikanischen Sohn Maxwell von Franz Josef Strauß darstellen soll. Das sorgte für Kritik.

07.04.2021


Erst hatte sich der WDR mit einer Folge der Talk-Show „Die letzte Instanz“ viel Kritik und Empörung eingefangen. Darin hatte eine Runde ausschließlich weißer Gäste diskutiert, ob man rassistisch geprägte Wörter wie "Zigeunerschnitzel" noch benutzen dürfe.

Nun hagelte es Kritik an einem Satire-Beitrag von Helmut Schleich im Bayerischen Rundfunk. Der Kabarettist war in die Rolle eines fiktiven, in Afrika lebenden Sohnes des früheren bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß geschlüpft. Im Internet wurde der Beitrag als rassistisch kritisiert, denn Schleich benutzte für den Sketch das Mittel des "Blackfacings".


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Davon ist die Rede, wenn sich Weiße schminken, um Schwarze stereotyp und klischeehaft darzustellen. Der BR teilte daraufhin mit, man sei sich der Problematik bewusst gewesen, in einem Satireformat müsse dem Künstler aber ein bestimmter Freiraum für satirische Überhöhungen zugebilligt werden. Wir sprachen mit dem Nürnberger Stadtrat (Bündnis 90/Die Grünen) Paul Arzten, Mitglied der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, über das Thema.

"Blackfacing ist ein No-Go"

Paul Arzten (28) wurde in Berlin geboren. Mittlerweile sitzt er für Bündnis 90/Die Grünen im Nürnberger Stadtrat und ist Mitglieder der "Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland".

07.04.2021 © Rudi Ott


Herr Arzten, Sie haben sich den Sketch mit Helmut Schleichs Auftritt als afrikanischer Strauß-Sohn im Bayerischen Fernsehen angeschaut. Was war Ihr Eindruck, Ihre Reaktion?

Paul Arzten: Die Sendung an sich habe ich mir nicht angesehen, weil es ja in letzter Zeit häufiger vorkam, dass öffentlich-rechtliche Medien bei den Themen People of Color, Rassismus und Diskriminierung danebenliegen. Der Schwarze Journalist Malcolm Ohanwe hatte etwas darüber gepostet, daraufhin habe ich einen Zusammenschnitt angeschaut.

Ich würde es so formulieren: Wir sind im 21. Jahrhundert. Aufgrund der vielen Debatten, die wir in den vergangenen Jahren nochmal explizit zum Thema Rassismus und Diskriminierung gegenüber Menschen mit internationaler Geschichte oder Migrationshintergrund hatten, ging ich davon aus, dass Sender wie der Bayerische Rundfunk oder der WDR verstanden haben, dass man Menschen nicht auf diese Weise darstellen und das dann Satire nennen kann. Das ist ein No-Go. Ich verstehe den Humor nicht.

Grenzen der Satire

Der BR selbst verteidigte sich gegen die Kritik an der Sendung mit dem Argument der künstlerischen Freiheit und dem Freiraum für satirische Überhöhung...

Arzten: Irgendwann muss man eine Grenze ziehen. Wir sind nicht mehr in den 70er Jahren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass beim BR auch Schwarze Menschen arbeiten, die Helmut Schleichs Kunstfigur Maxwell Strauß hätten spielen können. Damit wäre der Sender besser gefahren als mit schwarzer Farbe in Schleichs Gesicht. Dass man das heute noch als legitim verkaufen will, geht nicht. Der Bayerische Rundfunk wird schließlich auch von der GEZ finanziert – wofür auch ich zahle und mich dann diskriminiert fühle.

Blackfacing ist diskriminierend, weil...?

Arzten: Wir wissen genau, aus welchem Kontext das stammt: Es liegt in der Historie begründet. Schwarze Menschen traten nicht im Fernsehen oder Theater auf. Man nahm stattdessen Weiße, malte sie dunkel an, überzeichnete noch extra die Lippen, um die Figur zu karikieren.

Für mich ist es ein sehr emotionales Thema, wenn heute weiße Personen überspitzt Schwarze darstellen – obwohl es beim Fernsehen auch Schwarze Darsteller gibt. Wenn also auch auf Kosten von mir als Afro-Deutschem Witze gemacht werden. Das entspricht nicht der deutschen Gesellschaft.

Was entspricht ihr dagegen?

Arzten: Angesichts seiner Geschichte im 20. Jahrhundert sollte es nicht der Maßstab eines Landes wie Deutschland sein, sich über andere lustig zu machen oder sie zu verhöhnen. Vielmehr sollte man sichtbar machen, wie vielfältig die Bevölkerung unseres Landes ist.


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Im Jahr 2015 trat Markus Söder, der für seine ausgefallenen und aufwändig gemachten Faschings-Kostümierungen bekannt ist, in Veitshöchheim als Mahatma Gandhi auf. Wie kommt das bei Ihnen an?

Arzten: Ich bin ja kein gebürtiger Bayer, daher habe ich erst viel später davon gehört, als wir in unserer "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" darüber gesprochen haben. Das ist ebenfalls ein No-Go. Ich glaube, Herr Söder hat mittlerweile auch erklärt, dass er das inzwischen nicht mehr machen würde.

Söder hat eine Vorbildfunktion

Man weiß ja nicht, wo es für den bayerischen Ministerpräsidenten hingehen wird. Er hat jedenfalls eine Vorbildfunktion. Wenn er es sich herausnimmt, sich für ein Karnevalskostüm dunkel anzumalen, ist es für andere schwer nachvollziehbar, warum sie es nicht auch tun sollten.

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Werden Schwarze Menschen und People of Color nach Ihrer Meinung genug in solche Diskussionen oder bei Themen wie Diskriminierung einbezogen?

Arzten: In der Werbung zum Beispiel wird ja allerorten sehr viel Wert auf Diversität gelegt. Aber wenn es um Entscheidungen geht, sind es letztlich doch eher alte weiße Männer, die ansagen, wie das gesehen werden muss oder nicht. Es gibt keine Ethik-Gremien in den einzelnen Unternehmen.

Rundfunkgebühren anfechten?

Kommen wir aufs Fernsehen zurück: Ich denke, wenn die Sender eine Kritik wie jetzt bei Schleich nicht annehmen, kann es soweit kommen, dass man Medien wie den WDR oder den BR über kurz oder lang meiden oder die Rundfunkgebühren anfechten wird.

Was wünschen Sie sich in diesen Fällen?

Arzten: Dass, wenn solche Fehler auftreten, die davon betroffenen Menschen bei Statements oder Entschuldigungen mit einbezogen werden. Das passiert leider nicht.


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In Ihrem Profil bei den Grünen nennen Sie den SPD-Bundestagsabgeordneten Karamba Diaby als einen Ihrer Helden. Fühlen Sie sich von der Politik in Deutschland ausreichend repräsentiert?

Arzten: Nach meiner Beobachtung versuchen sowohl wir Grüne als auch SPD und Linke Diversität in die Parteien zu bringen. Ich denke, das geht nicht von jetzt auf gleich, es geht aber besser. Politik ist eben nicht so schnell. In der Nürnberger Kommunalpolitik sind Nasser Ahmed von der SPD und ich die einzigen Schwarzen. In der deutschen Parteienlandschaft gibt es Leuchttürme, die dann als Vorbilder dienen. Solange Diversität aber nicht so normal ist, dass man gar nicht mehr drüber reden braucht, muss man um sie kämpfen.

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