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Corona-Maßnahmen: Kulturschaffende kritisieren Benachteiligung gegenüber Sport

In Offenem Brief ist von "extremer Beeinträchtigung" die Rede - 16.10.2020 12:40 Uhr

Die Clubspieler Lukas Mühl und Felix Lohkemper umarmen sich nach dem Spiel gegen Sandhausen – auf einer Theaterbühne wäre das nicht erlaubt.

© Foto: Arensbak/Imago


Den Kulturschaffenden wird es derzeit nicht leicht gemacht. Wie inszeniert man ein Theaterstück, wenn sich die Schauspielerinnen nicht berühren dürfen? Wenn Requisiten ohne Desinfektion nicht von Hand zu Hand gehen dürfen? Viele Künstler blicken derzeit mit Unverständnis auf den nationalen wie regionalen Sport, wo Menschengruppen sich beim Jubel in den Armen liegen, wo Trainingsgruppen Kontaktsportarten ausüben, wo geschwitzt und schwer geatmet wird, ohne jeden Abstand.

In Bamberg regt sich deshalb der Widerstand. Harald Rink, Leiter der bei der Lebenshilfe angesiedelten Kulturfabrik, hat einen Offenen Brief verfasst. Unterschrieben haben ihn zahlreiche Namen der freien Kulturszene in Bamberg, etwa Stadtrat Hans-Günther Brünker, Kabarettist Mäc Härder oder Schauspieler und Regisseur Jan Burdinski.

Der Offene Brief ist an Ministerpräsident Markus Söder, Kunstminister Bernd Sibler und Gesundheitsministerin Melanie Huml gerichtet, gefordert wird eine "Gleichbehandlung mit den Regelungen der Sportausübung, insbesondere bezüglich des geltenden Mindestabstands und Verbots des Körperkontakts".


Kultur in Corona-Gefahr: Künstler aus der Region veranstalten "Kunstgebung"


"Es ist nicht nachvollziehbar, dass im Sport seit Wochen andere Bedingungen gelten", insistiert Harald Rink. Er habe das Gefühl, dass bei den Lockerungen diejenigen zum Zuge kamen, die lauter schreien. Für Rink ist die Infektionsgefahr im Sport sogar höher als etwa bei einem Theaterstück. Schließlich spiele man in einem Ensemble immer mit den gleichen Personen, während bei Wettkämpfen im Sport Menschen aufeinander treffen, die sonst überhaupt keinen Kontakt hätten.


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Im Offenen Brief ist von einer "extremen Beeinträchtigung der künstlerischen Darbietung" aufgrund der Corona-Vorschriften die Rede. Feste Trainingsgruppen wie im Sport könne man auch in der Kultur gewährleisten. Da etwa ein Fußball oder ein Torpfosten nicht nach jedem Kontakt gereinigt werden müsse, sei nicht einzusehen, warum das für Bühnenrequisiten gelten sollte. Die Initiative aus Bamberg ist nicht die einzige dieser Art. In Nürnberg werden zahlreiche Kabarettisten, Musikerinnen und Schauspieler am Montag auf die Bühne gehen, um auf ihre verheerende Situation aufmerksam zu machen. Unter der Überschrift "S.O.S. Kulturbranche" wird auf dem Parkplatz der Meistersingerhalle eine "Kunstgebung" stattfinden.

Es brodelt

Im Gegensatz zum Bamberger Vorstoß geht es den Nürnbergern weniger um die Produktionsbedingungen, als um die finanzielle Lage. Ohne zusätzliche Förderung, so der Tenor, werde die Pandemie das Ende vieler kleiner Kulturbetriebe und freischaffender Künstler sein.

Dass deutschlandweit nicht nur im Kulturbereich, sondern bei sämtlichen Veranstaltern der Baum brennt, zeigt außerdem eine Aktion in Hamburg, wo am Mittwoch das Veranstaltungsjahr 2020 mit einem schwarzen Sarg symbolisch zu Grabe getragen wurde. Es brodelt hinter den leeren Bühnen, es stehen Existenzen auf dem Spiel – gleichzeitig steigt die Anzahl der Corona-Infektionen. Keine gute Mischung.

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