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Der letzte Rebell Hollywoods: Clint Eastwood wird 90

Der Schauspieler und Regisseur ist längst eine amerikanische Ikone und dreht zuverlässig neue Filme - 31.05.2020 10:09 Uhr

Inbild cooler Lässigkeit: Als wortkarger Revolverheld in Sergio Leones „Dollar“-Trilogie wurde Clint Eastwood in den 60er Jahren zur Kultfigur.

28.05.2020 © Foto: Verleih


Seine einzigartige Karriere begann der Sohn eines Stahlarbeiters, der in der Zeit der Großen Depression in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, als wortkarger Revolverheld in Sergio Leones "Dollar"-Trilogie (1964–66). Es war die Geburtsstunde des Italo-Western, und Eastwood wurde zu dessen Ikone. Endgültig zur Kultfigur avancierte er in den 70er Jahren als zynischer Großstadtcop "Dirty Harry" Callahan. In beiden Rollen verkörperte er kompromisslose Einzelgänger – ein Typus, dem er auch danach treu blieb, und dem er mit seinem minimalistischen Spiel ein Maximum an Leinwandpräsenz verlieh.

Die enorme Popularität, die sich der 1,90 Meter große, blendend aussehende Schauspieler schon früh erworben hatte, verschaffte ihm die Freiheit, bald auch seine eigenen Filme zu machen. Bereits 1968 hatte er die Produktionsfirma Malpaso gegründet. Sein Regie-Debüt gab Eastwood, der als seine Lehrmeister Sergio Leone und Don Siegel nennt, 1971 mit "Sadistico".

„Gran Torino“ zählt zu den absoluten Höhepunkten in Clint Eastwoods Spätwerk. Darin spielt er den verbitterten Kriegsvetaranen Walt Kowalski, der zum Rassisten geworden ist und sich am Ende für seine asiatischen Nachbarn opfert

29.05.2020 © Warner


Seitdem bringt er fast jedes Jahr ein neues Werk ins Kino. "Ich arbeite so lange, bis ich tot vom Regie-Stuhl falle. Stillstand kann ich nicht leiden", sagt Eastwood, den längst keine Heldengeschichten mehr interessieren, sondern Geschichten von Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, und die er so schnörkellos wie spannend erzählt.

Seinen ersten Oscar-Erfolg hatte er 1992 mit dem Spätwestern "Erbarmungslos", der als bester Film und für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Darin demontierte Eastwood seinen eigenen Mythos als Westernheld. Ungewohnt romantisch zeigte er sich in "Die Brücken am Fluss" (1995) an der Seite von Meryl Streep. In "Million Dollar Baby" spielte er einen abgehalfterten Trainer, der sich für eine junge Boxerin noch einmal bis zum Äußersten engagiert. Auch dafür erhielt er die beiden wichtigsten Oscars. 2008 inszenierte er sich mit unvergleichlicher Selbstironie in "Gran Torino" als verbitterten Kriegsveteran, der zum Rassisten geworden ist, weil er die Welt nicht mehr versteht, und der sich am Ende für seine asiatischen Nachbarn opfert.

Dazwischen liegen auch einige Flops – und viele weitere Meisterwerke, wie der düstere Thriller "Mystic River", das auf einem wahren Fall aus den 1920er Jahren basierende Drama "Der fremde Sohn" und die exzellente Hommage an den Jazz-Musiker Charlie Parker ("Bird"), die zugleich Eastwoods Liebe zum Jazz bezeugt. Dass er auch ein respektabler Musiker ist hat der Regisseur, der sich als Kind selbst das Klavierspielen beibrachte, als Komponist für den Soundtrack zu sieben seiner Filme bewiesen.

Stets abseits des Mainstreams ziehen sich zwei Konstanten durch Eastwoods Regiearbeiten: Die gradlinige Erzählweise und die Fokussierung auf das konkrete Schicksal der Menschen. Das gilt auch für seine politischen Filme, wie die Antikriegsdramen "Flags of our Fathers" und "Letters from Iwo Jima". Darin schilderte er 2006 die Schlacht um die Pazifikinsel Iwo Jima erst aus amerikanischer, dann aus japanischer Perspektive. Das rechte Lager warf dem Regisseur damals Vaterlandsverrat vor.

Doch Eastwood hat sich ideologisch nie vereinnahmen lassen und immer auf seine Unabhängigkeit beharrt. 1951 trat er der Republikanischen Partei bei – weil er Eisenhower verehrte, der sich für die Aufhebung der Rassentrennung stark machte. Die Kriege, in die die USA zogen – in Korea, in Vietnam und im Nahen Osten – hat er strikt abgelehnt. "Ich bin politisch weder rechts noch links", sagt er und bezeichnet sich selbst als Liberalen.

Dass er 2016 Donald Trump im Wahlkampf unterstützte, hat ihm viel Unverständnis eingebracht. Inzwischen hat sich Eastwood deutlich von dem Präsidenten distanziert. Seine Innenpolitik sei "zankhaft", kritisierte er in einem Interview mit dem Wall Street Journal. Er wünschte sich, Trump würde sich manierlicher benehmen, "ohne zu twittern und Leute zu beschimpfen", sagte Eastwood und lobte den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Michael Bloomberg (der Anfang März allerdings wieder aus dem Rennen ausgestiegen ist).

Nach "Gran Torino" wollte Eastwood eigentlich mit der Schauspielerei aufhören. 2018 übernahm er dann doch noch einmal die Hauptrolle in "The Mule". Inspiriert von einer wahren Geschiche spielt er darin einen greisen Drogenkurier, der für ein mexikanisches Kartell Kokain über die Grenze schmuggelt. Der Film ist durchaus als Statement gegen Trump und dessen harte Politik gegenüber Mexiko zu lesen. Und so fit wie Eastwood da auftritt, darf man darauf hoffen, dass der "letzte Rebell Hollywoods", der längst eine amerikanische Ikone ist, uns noch lange mit großartigen Filmen beschenkt.

Pünktlich zum 90. Geburtstag ist im Schüren Verlag das Buch "Clint Eastwood. Mann mit Eigenschaften" von Klai Bliesener erschienen (232 Seiten, 24,90 Euro).

Regina Urban

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