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Der Überzeugungstäter aus Dehnberg

Wolfgang Riedelbauch erhält den großen Kulturpreis der Stadt Nürnberg - 05.11.2012 13:00 Uhr


Rein äußerlich betrachtet ist der gebürtige Würzburger Dirigent, Chorleiter und Intendant, zuweilen Rezitator und Musikforscher. Aber seine inoffiziellen Disziplinen heißen Kommunikator, Ermöglicher, Anreger, Brückenbauer, Werber, Neuland-Betreter. Gerade auch über Kulturen und Konfessionen hinweg. Vor wenigen Tagen führte er in einer Synagoge im alten Handelszentrum der türkischen Stadt Izmir Werke von Franz Schubert und Louis Lewandowski (1821–1894) auf. Für Lewandowski, der die jüdische Liturgie im 19. Jahrhundert geradezu wiederbelebte und ab 1866 als Hauptdirigent an der Neuen Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße wirkte, setzt sich Riedelbauch schon seit Jahrzehnten ein.

Eben hielt der Musikbesessene mit Unterstützung durch das Goethe Institut, das Deutsche Generalkonsulat und die Staatsoper Izmir eine Sing-Akademie in der Türkei ab und führte in seiner Wahlheimatstadt Cesme und auch wieder in Izmir Händels Meisteroratorium „The Messiah“ auf.

Der 73-Jährige, der seit genau 60 Jahren dirigiert, mutet sich immer noch ein enormes Pensum zu. „Wir haben von neun Uhr morgens bis fünf Uhr am Nachmittag geprobt, mit nur einer zwanzigminütigen Pause“, berichtet Riedelbauch begeistert. Auch nach so langer Zeit ist er des ständigen Probens noch nicht müde. Mit dem Izmir Barok Orkestra (natürlich auf historischen Instrumenten) feilt er willensstark an der Artikulation und Phrasierung, an kleinen Detonationen und richtigem Accompagnato-Drive.

Im Moment „händelt“ es viel bei Riedelbauch, und er knüpft wieder an seine Ursprünge als Opernkapellmeister an: Im Januar kommt Händels „Agrippina“ in der Staatsoper Izmir heraus, und dann steht bereits eine szenische Produktion von Händels „Herkules“- Oratorium in Antalya im Kalender, bevor man in Izmir das Gluck-Jahr 2014 mit „Armide“ begeht.

Festtage „Musica Franconia“

In diesem Jahr verantwortete er zum letzten Mal das Festival „Fränkischer Sommer“, das hauptsächlich der Bezirk Mittelfranken durch Stiftungsgelder trägt. „Wir hatten Traumquoten: Fast nur ausverkaufte Häuser und eine Steigerung beim Umsatz pro verkaufter Karte“, bilanziert er. Dunkle Wolken ziehen allerdings für die seit 25 Jahren stattfindenden Festtage Alter Musik in Nürnberg, die „Musica Franconia“, herauf: „Mit den wenigen Zuschüssen, die wir dafür erhalten, ist dieses Festival nicht zu stemmen. Und ich bin mir nicht sicher, ob wir zwischen Blauer Nacht, Klassik Open Airs und Bardentreffen mit unserem Nischenprogramm wirklich erwünscht sind.“ In der zunehmenden Hinwendung zum Event sieht Riedelbauch eine gefährliche Entwicklung, die seiner Meinung nach zur Verflachung von Angebotsniveau und Publikumsgeschmack führt.

Gestartet ist Riedelbauch als musikalischer Assistent des langjährigen Chefs des Bayreuther Festspielchors, Wilhelm Pitz. Dann wurde er Studienleiter am Stadttheater Regensburg und später Assistant Conductor bei den London Classical Players unter Sir Roger Norrington. Der Brite machte ihn zum Pionier für die historisch-informierte Aufführungspraxis.

1976 gründete Alpha-Tier Riedelbauch im Laufer Winz-Stadtteil Dehnberg sein Bauernhof-Theater, wo „Kunst zum Anfassen“ gemacht wird. In jüngster Zeit setzt man verstärkt auf Kinder- und Jugendarbeit und hat dafür ein spezielles „Klassenzimmer-Theater“ entwickelt. Die schmucke Bühne in der Scheune geht gut gerüstet in die Zukunft: Fast tausend Mitglieder zählt der Trägerverein.

Mundart-Akademie

Der Spielplan ist so bunt wie kaum woanders: Kammermusik, Multivisionsshows, Kabarett (am Donnerstag gastiert Bernd Regenauer), Liedermacher oder Jazz-Sessions. Seit 1983 gibt es die Akademie für fränkisches Mundart-Theater in Dehnberg. Selbst große Oper wie die „Straßenversionen“ vom „Freischütz“ oder der „Zauberflöte“, aber auch Oscar Straus’ „Lustige Nibelungen“ oder Vivaldis „Orlando furioso“ waren hier zu sehen. Schmunzelnd zieht Riedelbauch eine Parallele zum Grünen Festspielhügel: „Bayreuths und Dehnbergs Theater werden beide als Scheunen bezeichnet. Nur: Wir sind’s wirklich...“

Zusammen mit dem damaligen Opernchef Eberhard Kloke verwirklichte er das erste erhaltene deutschsprachige Musikdrama „Seelewig“ des Nürnberger Künstler-Duos Sigmund Theophil von Staden und Philipp Harsdörffer. Und er regte die wissenschaftliche Gesamtedition der Werke Johann Pachelbels an. Zwischen 1969 und 2000 leitete er Nürnbergs Hans-Sachs-Chor und gründete danach den Kammer- und Projektchor „Franconia Vocalis“. Es scheint, sein größter Feind ist die Untätigkeit. Ein echter Überzeugungstäter eben...

  

JENS VOSKAMP

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