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Freitag, 18.10.2019

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Die Welt in vielen kleinen Bruchstücken

In Erlangen wird das textlastige Stück „Shakespeare is dead – get over it!“ gezeigt - 12.03.2012 15:00 Uhr

Linda Foerster und Steffen Riekers in der Erlanger Inszenierung. © Theater


Immer und zu allen Zeiten finden sich Menschen zu Liebespaaren zusammen. Der globalisierungskritische Aktivist William und die verträumte Schauspielerin Anna gehen trotz ihrer Verschiedenartigkeit eine mehr als problematische Beziehung ein, die natürlich zum Scheitern verurteilt ist. Wirklichkeitswahrnehmung und Grad der Betroffenheit angesichts der gesellschaftlichen Zustände sind nicht deckungsgleich.

Dies sind nur die Eckpfeiler der Geschichte: Der belgische Dramatiker Paul Pourveur, Jahrgang 1952, will aber natürlich nicht bloß eine weitere Beziehungskiste in Zeiten der Globalisierung, wie sie derzeit en vogue sind, erzählen. Er will Wirklichkeit nicht einfach abbilden (wenn das überhaupt möglich ist), er will sie durchdringen. Wie das geht?

Indem man die Montagetechnik der Filme des französisch-schweizerischen Regisseurs Jean-Luc Godard sehr genau studiert und deren Mix aus Vor- und Rückblenden, Einschüben, Kommentaren und Verfremdungen auf die Bühne transferiert. Der Plot hält an, springt in der Zeit vor und zurück, per Dia-Projektion geraten zentrale Aussagen mehrerer Personen der Zeitgeschichte ins Blickfeld. Kunst, Wirtschaft, Politik, einstmals und jetzt, und was die Vergangenheit mit der Gegenwart zu tun hat. Keine Chronologie, keine Linearität – die Wirklichkeit und die Biografien eingepfercht in einer Konglomerat-Blase aus Bruchstücken, Splittern, Augenblicken. Pourveur delektiert sich an den (Un-)Tiefen der Multiperspektivität und ist damit wahrscheinlich sehr nahe dran an zeitgenössischer Wirklichkeitswahrnehmung. Und ein zeitlicher roter Faden, der die Vergangenheit mit der Gegenwart verknüpfen würde, ist gewollt unauffindbar, weil nicht existent.

Also alles ziemlich ambitioniert und erstmal sehr theoretisch, aber Papier ist ja bekanntlich geduldig. Theater ist es nicht. Man merkt die Nöte des Regisseurs Eike Hannemann, für das textlastige Konvolut eine adäquate visuelle Umsetzung zu finden. Es wird viel geredet, aber wenig gezeigt. Die Inszenierung macht den Godard: Die beiden Akteure Linda Foerster und Steffen Riekers, die immer wieder aus ihren Rollen springen und diese erzählend und kommentierend begleiten, dürfen mal einen Dia-Vortrag halten, mal bloße Chargen abgeben oder man setzt sich ins Publikum.

Was in der ersten Hälfte auf der Waldprospekt-Bühne (inklusive lebensgroßem Damhirsch, weil der echte William Shakespeare mal einen solchen verbotenerweise erlegt haben soll) passiert, ist eine auf aufklärerisch getrimmte Kabarett-Nummern-Folge, in der zweiten Hälfte darf dann manchmal ironisch gewitzelt werden. Wahrlich ein Kessel Buntes, von dessen Essenz zu befürchten ist, dass sie genauso angestrengt und anstrengend gemeint ist, wie sie dargestellt wird.

Weitere Vorstellungen: 28./29. März, 21./22. April, 12. Mai; Karten unter Tel.: 09131/862511, www.theater-erlangen.de

 

MANFRED KOCH

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